Zeitung Heute : Der Nutzen ist größer als die Kosten - Ein Plädoyer für das Fortbestehen der Wochenzeitung

Helmut Herles

Wenn Herbert Wehner noch lebte und SPD-Fraktionsvorsitzender wäre, hätte er in diesen Tagen den Spät-Sozialdemokraten Otto Schily zu sich einbestellt und den Bundesinnenminister angefaucht: "Herr! Sie ..." Denn Wehner wäre unglücklich, dass der Bundesinnenminister offenkundig die verdienstvolle Wochenzeitung "Das Parlament" nicht länger am Leben lassen will. Wehner pflegte dieses Blatt in seiner Aktentasche samt seinen Überlebensrationen gegen die Zuckerkrankheit mitzuschleppen. "Das Parlament" war für ihn journalistische Lebensration, da es so ausgiebig und genau aus dem Bundestag berichtet.

Diese Stärke kann auch eine Schwäche sein: Wer mit dem Bundestag nichts am Hut hat, mag auch "Das Parlament" nicht lesen, zumal es früher eher schwere Kost bot. Aber das hat sich längst geändert. Zwar ist es unter den gedruckten Medien in der Parlamentsberichterstattung noch immer so ausführlich wie Phoenix beim Fernsehen, aber es hat längst sein Erscheinungsbild modernisiert. Neben den bewährten Themenseiten von der Jugend bis zu den Senioren, von Europa bis zum Politischen Buch, bringt es viel mehr Hintergründiges als zu Wehners Zeiten und auf seiner "Kehrseite" lesbare vermischte Geschichten und Personalien. Damit ist es auch unentbehrliches Arbeitsmittel für Parlamentskorrespondenten anderer Medien.

"Das Parlament" wird keineswegs nur von "Berufslesern" wie Politikern und Journalisten zur Kenntnis genommen, interessierte Schüler und Studenten lesen es ebenfalls, vor allem im Osten. Allerdings könnten dabei die Lehrer noch mehr nachhelfen.

Die Wochenzeitung hat freilich einen "Geburtsfehler". Sie wird vom Bundesinnenminister über die Bundeszentrale für politische Bildung statt vom Bundestag selbst herausgegeben. Der leider zu kurz amtierende frühere Bundestagspräsident Rainer Barzel hatte dies erkannt und wollte die Zeitschrift unter seine Fittiche nehmen. Er spottete, die Herausgeberschaft der Regierung beim "Parlament" wäre so, als ob der Bundestagspräsident die Schriften herausbrächte: Die Bundesregierung informiert. Wolfgang Thierse sollte mit Otto Schily sprechen ...

Angeblich würden die Kosten von rund sechs Millionen Mark nicht dem Nutzen entsprechen. Der Präsident der Bundeszentrale, Günter Reichert, hat sich gegen die Einstellung gestemmt - seine Argumente müssten auch heute noch gelten. Wenn man bedenkt, was die Parlamente, Regierungen und Parteien insgesamt für Öffentlichkeitsarbeit ausgeben, relativiert sich diese Summe. Ihr Nutzen ist mindestens so viel wert!

Der Autor als ehemaliger "Publik"-Korrespondent weiß, dass es Wochenzeitungen auf unserem Markt besonders schwer haben, und die Geldgeber immer wieder in Versuchung stehen, den Hahn zuzudrehen. So war es auch Anfang der siebziger Jahre mit der jungen und bald angesehenen katholischen Wochenzeitung "Publik" gegangen. Die Kirche habe kein Geld für Zeitungen, hieß es dazu bei ihrem Ende aus Köln, weil sie Wichtigeres fördern müsse. Als dann die Herstatt-Bank Pleite ging, fand man in deren Büchern einen regelmäßigen Zuschuss der Erzdiözese Köln in Höhe von drei Millionen Mark - allerdings für den "Rheinischen Merkur". Der ist nun ebenfalls ins Gerede gekommen und gilt als bedroht.

Hoffentlich überwinden sie alle diese Krise, denn die deutsche Medienkultur wäre ärmer ohne sie. Da "Das Parlament" in Qualität und Quantität der Bundestagsberichterstattung mit dem Sender Phoenix verglichen wurde, ist ihm zu wünschen, dass es aus dieser Krise wie ein "Phoenix aus der Asche" herauskommt.Der Autor ist Chefkorrespondent des Bonner "General-Anzeigers" und Sprecher der Journalisten-Jury zum Medienpreis des Deutschen Bundestages

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