Zeitung Heute : Der Nutzer, das unbekannte Wesen UMTS-Anbieter auf der

Suche nach der Zielgruppe

Thomas Gehringer

Leider, findet der Marktforscher: „Verbraucher verhalten sich nicht immer vernünftig und rational“, bedauerte Wolfgang Werres von NFO Infratest beim Medienforum NRW in Köln. Dass sie auch in Zukunft Lebensmittel, schicke Klamotten und Autos kaufen werden, ist ziemlich klar, aber werden sie sich auch für die „neue Welt der Farbe, des Tons und der Bilder“ entscheiden? Der Mobilfunkkonzern Vodafone preist so im Internet sein Dienste-Paket „Vodafone live!“ an.

„Am Kunden entlang entwickeln“

Als Kunde soll man per Handy nicht nur Botschaften austauschen, Spiele und Klingeltöne herunterladen, sondern auch „auf nützlichen und farbigen Inhalt zugreifen“ können. Nebenbei will das Unternehmen lernen, welche Angebote ein möglicher Käufer von UMTS-Handys später gerne nutzen möchte. „Am Kunden entlang neue Produkte entwickeln“, nannte das Dirk Hemmerden von Vodafone. „Ich lerne jeden Tag dazu.“ Noch ohne diesen Lernfortschritt hatten die Manager von sechs Unternehmen, darunter die Deutsche Telekom und die mittlerweile von Vodafone geschluckte Mannesmann Mobilfunk, vor drei Jahren ein ganz erstaunliches Zutrauen in die so unberechenbare Kundschaft gezeigt. Sie ersteigerten für jeweils rund 16 Milliarden Mark die Lizenzen für das „Universal Mobile Telecommunications System“ (UMTS). Man wollte dabei sein, wenn es möglich würde, jederzeit und an jedem Ort im Internet zu surfen, Filme zu schauen, oder am Samstagnachmittag im Biergarten seinen Freunden aktuelle Spielszenen aus der Fußball-Bundesliga zu präsentieren.

„Ich halte UMTS nicht für einen Selbstläufer“, erklärte Hemmerden jetzt in gebotener Bescheidenheit. Man könnte auch sagen: Ob sich die investierten Milliarden jemals wieder hereinholen lassen, ist völlig ungewiss. Beim Kölner Medienforum war sich die Branche einig, dass UMTS keineswegs die „Killer-Applikation“, das alles verdrängende Riesengeschäft, werden wird. Lokale breitbandige Funknetze (W-LAN) seien derzeit eine günstigere und bereits verfügbare Alternative. Vodafone und auch T-Mobile erwägen bereits, den in der zweiten Jahreshälfte geplanten UMTS-Start zu verschieben.

„Braucht man das wirklich?“

Dass es die Verbraucher in der Kommunikationswelt der Zukunft gerne schneller, umfangreicher und bunter haben wollen, davon waren die Manager jedoch überzeugt. Burkhard Graßmann von T-Online verwies darauf, dass sich angesichts des beschleunigten Internet-Zugangs T-DSL das verarbeitete Datenvolumen der T-Online-Kunden im vergangenen Jahr verfünffacht habe. „Die Informationsfülle schreit nach mehr Bandbreite“, folgerte Graßmann. Aber wie viel Breitband-Technologie braucht der mobile Mensch? „Wer rennt mit seinem aufgeklappten Laptop vom Auto zum Büro? Braucht man das wirklich?“, fragte auch Rainer Kunst von der Düsseldorfer Werbeagentur Cayenne.

Zweifelt der unberechenbare Verbraucher, ist das für einen Manager noch kein Grund, zu verzweifeln. „Man kann auch Bedürfnisse wecken, von denen der Kunde noch nicht weiß, dass er sie hat. Das ist die Kunst“, erklärte Marcus Englert von der Agentur SevenOne Intermedia. Das gilt es nun zu beweisen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben