Der öffentliche Tod : Die Stolpes haben Krebs und sprechen darüber

Helmut Schümann

Gestern waren Manfred Stolpe und seine Frau Ingrid zu Gast in der Talkshow von Sandra Maischberger. Seit vier Jahren ist bekannt, dass der ehemalige Ministerpräsident Brandenburgs und Bundesverkehrsminister an Darmkrebs erkrankt ist. In der Talkshow sagte Ingrid Stolpe, dass auch sie an Krebs leidet. Manfred, 72, und Ingrid Stolpe, 70, traten freiwillig an die Öffentlichkeit. So wie es vor einiger Zeit Inge Jens tat, als sie bewegt und bewegend über die Alzheimererkrankung ihres Mannes Walter sprach. Es mehrt sich die Neigung, tödliche Krankheiten und den Tod selbst öffentlich zu verhandeln. Das Breittreten der HIV-Erkrankung einer Sängerin der No Angels und ihrer etwaigen strafrechtlich bewehrten Verfehlungen stehen nicht in dieser Reihe. Die Sängerin wurde gegen ihren Willen auf den Boulevard gezerrt. Bis heute weiß niemand, ob sie tatsächlich infiziert ist. Sie hat sich nicht selbst zu Markte getragen. Die Stolpes, Frau Jens und auch kürzlich die Engländerin Jade Goody, einem Sternchen der britischen „Big-Brother“- Staffel, machten aus eigenem Antrieb ihr Leiden publik.

Es ist vielleicht so, dass der so leicht gesagte und so schwer zu tragende Satz „Der Tod gehört zum Leben dazu“ in unserer Zivilisation angekommen ist. Die Stolpes erklären, dass man der Krankheit mit einer gewissen Gelassenheit begegnen sollte. Sie haben ihre Fahrräder wieder auf Vordermann gebracht, um das Umland zu erkunden.

Zwei gegenläufige Tendenzen im Bestattungswesen sind zu beobachten. Bei der einen schließen Menschen ab, mit allem, was mal war, und lassen sich in anonymen Urnen bestatten. Der Tod nimmt ihnen sogar den Namen. Das ist sehr endgültig. Bei der anderen Tendenz verfügen die Sterbenden ein Fest, bemalen die Särge, lassen Musik spielen, fröhliche Musik, schnulzige – der Beerdigungshit Nummer eins hierzulande ist das unverwüstliche „My Way“ von Frank Sinatra. Jacques Brel hat einst „Adieu Emilé“ gesungen und Klaus Hoffmann das Chanson ins Deutsche übertragen: „Ich will Gesang, will Spiel und Tanz / will, dass man sich wie toll vergnügt / Ich will Gesang, will Spiel und Tanz / wenn man mich unter’n Rasen pflügt.“ Das Leben geht weiter, immer weiter.

Jeder muss für sich selbst entscheiden, auf welche Art er seinen letzten Gang antritt, intim und in sich gekehrt, oder offensiv und, ja, optimistisch. Die Stolpes haben sich für die zweite Variante entschieden. Das kann man respektieren.Helmut Schümann

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar