• DER ÖL-PREIS ist im Gespräch. Und falls es erneut zu Anschlägen in arabischen Ländern kommt, könnte das Öl wieder teurer werden. Welche Konsequenzen hat das für die Politik? Der Stoff, der die Welt schmiert

Zeitung Heute : DER ÖL-PREIS ist im Gespräch. Und falls es erneut zu Anschlägen in arabischen Ländern kommt, könnte das Öl wieder teurer werden. Welche Konsequenzen hat das für die Politik? Der Stoff, der die Welt schmiert

Christoph v. Marschall

„Im Irak ging es weder um Massenvernichtungswaffen noch um Demokratie, sondern um Öl“ – das ist eine weit verbreitete Meinung. Mal angenommen, sie stimmte, dann hätte George W. Bush ein verdammt schlechtes Geschäft gemacht. Legt man die Kosten von Krieg und Besatzung auf das Öl um, das vielleicht eines Tages zum Nutzen der USA aus irakischen Quellen fließt, käme ein ökonomisch unverantwortlicher Preis heraus. Da wäre es billiger gewesen, das Öl von Saddam zu kaufen und seinen halben Hofstaat samt Ölministerium mit dazu.

Natürlich spielen Rohstoffe bei jedem Krieg eine Rolle, sie sind nicht nur der Schmierstoff der Wirtschaft, sondern auch des Militärs. Ohne Öl und andere Ressourcen kann man Kriege nicht führen, rollen keine Panzer, fliegen keine Jets, fahren keine Zerstörer. Öl spielt jedoch eine geringere Rolle und viel seltener überhaupt eine Rolle, als man gemeinhin annimmt. Die größeren westlichen Militärinterventionen der jüngsten Jahre – Panama, Somalia, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Kongo, Afghanistan, Irak – betrafen Konflikte, die mit Öl nichts zu tun haben. Und selbst im offensichtlichen Fall, Kuwait, muss man einschränken: Hätte Saddam 1990 nicht das ölreiche Emirat überfallen, sondern den Nachbarn Jordanien, der zwar kein Öl hat, aber proamerikanisch agiert – hätten die USA nicht auch um die Souveränität dieses wichtigen Verbündeten gekämpft?

Wie selten das Öl-Argument überhaupt sticht, zeigt ein Blick in die Liste der weit über 100 US-Militäreinsätze seit dem Zweiten Weltkrieg: Korea, Vietnam, Kambodscha, Libanon, Liberia, Sierra Leone, Ruanda, Dominikanische Republik, Grenada, Bolivien, Haiti … – rund um den Erdball, Asien, Naher Osten, Afrika, Mittelamerika, Südamerika. Wichtige Ölländer sind kaum darunter.

Dennoch, Öl ist ein entscheidender Beweggrund der Weltpolitik. Für Amerika – beim engen Kontakt zu ideologisch fragwürdigen Partnern im Mittleren Osten wie Saudi-Arabien oder Kuwait geht es um das strategische Interesse an den Ölreserven –, aber ebenso für andere. Was wäre Russland ohne seine Öl- und Gasvorkommen? Diese Exporte bescheren dem Land die Wachstumsraten. Es gibt keinen russischen Milliardär, ob er in Moskau wohnt oder in London und dort eigene Fußballmannschaften unterhält, dessen Vermögen nichts mit Petrodollars zu tun hätte. Auch wenn die sozialen Verhältnisse in der abgewirtschafteten Ex-Supermacht nach unseren Maßstäben empörend sind: Die armen Russen wären noch viel ärmer dran, wenn der Staat nicht die Öleinnahmen zur Finanzierung seiner mangelhaften Dienstleistungen hätte. Und würde der Kreml sich die kostspielige Imperialpolitik im Kaukasus und in Zentralasien überhaupt noch leisten, wenn es nicht darum ginge, an den Gewinnen aus den Ölvorkommen rund um das Kaspische Meer und aus dem Transitgeschäft zu den Verladeterminals im Mittelmeerraum zu partizipieren?

Das Auf und Ab der Kriege im Kaukasus über die jüngsten Jahre illustriert im Übrigen, dass Öl beide Potenziale hat: das Potenzial, bestehende Konflikte zu verschärfen, aber auch, sie zu befrieden. Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Tschetschenien – die Bürgerkriege und Sezessionskämpfe sind nicht wegen des Kaspischen Öls ausgebrochen. Aber als es darum ging, welche internationalen Konsortien an welchen Pipelinevarianten dieses great game verdienen, da ließen sich die vorhandenen Konflikte instrumentalisieren, um bestimmte Routen riskanter und damit teurer aussehen zu lassen. Als es gelang, die Claims so abzustecken, dass alle ihre Interessen gewahrt sahen – insbesondere die russischen Ölkonzerne mit engen Kremlkontakten –, verloren die Konflikte in Armenien, Aserbaidschan und Georgien an Brisanz. Nur Tschetschenien bleibt ein Unruheherd, was aber nicht am Öl liegt.

Schon kursiert die nächste Schreckensformel: „Krieg um Wasser.“ Ob Euphrat, Nil, Jordan oder Ganges: Bei allen internationalen Flüssen sitzen die Länder am Oberlauf am Wasserschieber und bestimmen, wie viel Trink- und Brauchwasser den Nachbarn unten am Fluss bleibt.

Krieg um Öl, Krieg um Wasser? Beides ist eher Ausnahme als Regel. Häufigster Kriegsgrund ist der Hass auf Gruppen anderer Religion, Rasse oder Nation, die unverantwortliche Regime missbrauchen, um an der Macht zu bleiben: wie auf dem Balkan, in Ruanda oder jetzt im Sudan.

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