Zeitung Heute : Der Ole-Faktor

Partei als Ein-Mann-Show: Wie die CDU in Hamburg Wahlkampf führt

Günter Beling[Hamburg]

Immer, wenn es schlecht läuft für den Ersten Bürgermeister, betritt ein rüstiger alter Herr die Bühne: Achim-Helge von Beust (86). Das gehört zu den Seltsamkeiten der Hamburger Politik. Im August, nach Schills Schmuddel- und Filz-Vorwürfen, erläuterte der Senior in rührenden Worten, wie er die Homosexualität seines jüngsten Sohnes bemerkte. Und auch jetzt, nach dem überfälligen Bruch der Koalition mit den Rechtspopulisten, rückt er seinen Spross in ein besonders mildes Licht: Tagelang habe sich Ole mit der Regierungskrise herumgequält. „Das geht nicht mehr“, sagte der Papa eines Morgens am Telefon, „tu dir das nicht mehr an. Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Der Satz ist von Schiller, und der Böse, das ist Schill.

Der Gute, so das Drehbuch der CDU zur Bürgerschaftswahl, ist Ole. Die Chancen stehen nicht schlecht: Wenn Friedrich Merz den Griesgram der Union abgibt, dann ist Hamburgs Bürgermeister ihr Sonnenschein. Sein Sohn könne mit vielen gut, sagt Achim-Helge von Beust, „aber eben nicht mit Herrn Schill“.

Das war früher, manche erinnern sich ganz, ganz anders. Die Filmsequenz aus dem Rathaus, in der Ole von Beust nach der Wahl seines Senats selig den rechten Riesen umarmt, würden manche Wahlkämpfer gerne im tiefsten Archivkeller des NDR verbuddeln. Menschlich hervorragend sei die Zusammenarbeit, jubilierte der Christdemokrat damals. Und noch im Oktober 2002 pries er Schill: „Wenn man sich das Ergebnis seiner Arbeit anguckt, kann niemand sagen, dass er ein schlechter Innensenator ist.“ Einige Monate später war der Mann, der ihn zum Bürgermeister machte, ein Erpresser und Charakterschwein, ungeeignet für ein Staatsamt.

So, könnte man meinen, reden Opportunisten. Aber als solcher gilt Ole von Beust, 48, nicht in den feinen Hamburger Kreisen. Manager, Meinungsbildner und Parteigrößen, die bisher Schill für eine Bereicherung des Parteienspektrums hielten, überbieten sich nun in Lobeshymnen auf einen heldenhaften Bürgermeister – gerade so, als könne man sich durch Zuspruch für den urbanen Bourgeois reinigen vom Schandfleck der Schill-Euphorie. SPD-Spitzenkandidat Thomas Mirow muss sich mühsam beim Wähler bekannt machen. Von Beust kennen alle. Frauen und Senioren sind seine größten Fans, so die Demoskopen. 53 Prozent würden in einer Direktwahl für ihn stimmen, für Mirow nur 27.

Die CDU konzipiert ihren Wahlkampf folgerichtig als One-Man-Show: Ole, das ist das wachsende Hamburg. „Politik-frei“ wolle die Union um die Wähler werben, höhnt die SPD. Mirow will den Wahltag auch zur Abstimmung über das Kita-Chaos und den angestrebten Verkauf der städtischen Krankenhäuser machen. Und ein paar andere reale Probleme gibt es ja noch: Frust in Schulen und Unis, Sozialabbau, Kulturpolitik am Rande der Lächerlichkeit und, ja, die Kriminalität, Zugnummer des letzten Wahlkampfs. Damals holte die CDU nur 26 Prozent, jetzt darf sie mindestens 40 erwarten. Ein Wahlsieger steht also schon fest: der Bürgermeister. Noch reklamiert von Beust wahlkämpferisch die absolute Mehrheit für sich; aber hinter den Kulissen zimmert seine Fraktion bereits ein Wahlprogramm, das für alle möglichen Koalitionspartner etwas bieten dürfte: auch für eine Schill-Partei ohne Schill. Denn die hat ihren Gründer gestern hinausgeworfen.

Was ist der Ole-Faktor, wo kommt er her? Antworten von Hamburgern mit feinen Sensoren. Das Besondere der Hansestadt sei ihre Medienlandschaft, sagt der Regisseur Rolf Schübel: „Von Beust und Schill sind von Springer-Leuten zum Traumpaar gemacht worden. Als man merkte, dass es nicht mehr weitergeht, hat man Schill alles zugeschoben. Dabei musste von Beust von Anfang an wissen, welche Bombe er sich da unter den Tisch geholt hatte. Der hat sich den wohl schön geguckt.“ Die Schriftstellerin Peggy Parnass: „Dass er Schill so lange hat schalten und walten lassen, und dass er erst eingriff, als es ihn selber betraf, tut mir leid. Dass von Beust die Kraft hatte, sich von ihm zu lösen, begeistert sicher viele.“ Werner Knopf, Boss der Werbeagentur KNSK: „Die Markenbildung war perfekt. Man müsste Ole von Beust allerdings einen aktiveren Part geben.“ Der Bürgermeister sei trotz seines jugendlichen Auftretens ein jahrzehntelang erfahrener Politiker, sagt der Politikwissenschaftler Hans-Jürgen Kleinsteuber: „Schill war ein kleiner Amtsrichter, den günstige Umstände in die Politik verweht haben. Er hatte nicht die Erfahrung, um einen Gegner so ins Abseits zu manövrieren, wie von Beust es geschafft hat. Mit großer Bravour.“ Schauspielhaus-Intendant Tom Stromberg: „Ich weiß nicht, ob von Beust der Held ist. Zwei Jahre lang hat er Schill und seinen Typen Tür und Tor geöffnet. Vieles wurde nicht mehr offen diskutiert in dieser Stadt. Das wird ein spannender Wahlkampf.“

An Ole, dem Schwiegersohntyp mit dem gewissen Extra, perlte bisher alles ab. Mit seinem unkomplizierten Auftreten wirkt er nicht wie einer, der sich über Jahrzehnte in der schwarzen Nomenklatura hochgedient hat; manchmal weckt seine schüchterne Art gar Beschützerinstinkte. Und dennoch warten einige darauf, dass da noch alte Rechnungen beglichen werden. Schill, tief gekränkt durch seinen Rauswurf, wird wohl mit einer neuen Partei antreten. Man trifft sich im Leben meistens zweimal.

Ole von Beust hat ein Problem. Er hat keinen wirklich reinen Tisch gemacht nach dem größten Skandal der Hamburger Nachkriegsgeschichte, sondern nur einen lästigen Duzfreund an die Luft gesetzt und um Beifall gebeten. „Ja, Politik ist mein Leben“, hätte er sagen können, „ich wollte mir die einmalige Chance, Bürgermeister zu werden, nicht entgehen lassen. Ich wusste, auf wen ich mich da eingelassen habe. So etwas macht man eben um der Macht willen. Das ist die Schattenseite der Politik. Heute schäme ich mich dafür.“ Doch all das hat Hamburgs Bürgermeister nicht gesagt, und sein Papa tat es auch nicht für ihn. Ole Superstar kann deshalb nicht wirklich sicher sein, dass er nach dem 29. Februar 2004 immer noch die Stadt regiert, die ihren Schill so schnell wie möglich vergessen machen möchte.

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