Zeitung Heute : Der ORB sendet eine Dokumentation über die DDR-Schriftstellerin

Reinhart Bünger

In der DDR gehörte sie zu den schillerndsten Persönlichkeiten des Kulturbetriebes. Als Brigitte Reimann 1973 nach schwerem Krebsleiden in Berlin 39-jährig stirbt, ist es nicht ihr schmales Werk, das der Schriftstellerin einen festen Platz in der zeitgenössischen deutschen Literaturgeschichte sichert. Es sind vor allem die posthum veröffentlichten Tagebücher Brigitte Reimanns, die ihren späten Ruhm begründen.

Auf dieser Grundlage hat Ullrich Kasten, bis 1991 als Filmautor für den DDR-Fernsehfunk tätig, eine 75-minütige Dokumentation gedreht, die heute um 22 Uhr unter dem Titel "Ich liebe, mein Gott, ich liebe" im ORB zur Ausstrahlung kommt.

Kasten hat sich dabei vor allem auf jene Textpassagen der Tagebücher gestützt, die die Reimann als kompromisslosen Geist wider politische Unterdrückung ausweisen. "Der Film über Brigitte Reimann ist zugleich eine Parabel auf einen mutigen Menschen, der sich weder beugen noch brechen lässt", stilisiert der ORB-Pressetext. Die Reimann hätte diese Parabelform wohl als zu enges Korsett ihres Lebens empfunden. 1933 in Burg geboren, spiegelte sich in ihren Romanen ("Ankunft im Alltag", "Geschwister", "Franziska Linkerhand") immer auch die Tragik einer intensiven Lebensführung, die nicht mit den Moralvorstellungen und politischen Konventionen einer geschlossenen Gesellschaft korrespondierten. Ihr Lebenslauf gleicht einer Karussellfahrt, angetrieben weniger von politischen Fragen. Brigitte Reimann war das Vorzeigetalent des DDR-Literaturbetriebes - ein Wildfang, der seine Sonderstellung genoss. Kasten begibt sich nicht auf die Suche nach der Sehnsucht dieser Frau, die von sich sagte, sie stecke "bis zum Hals in Möglichkeiten, guten und schlimmen". Die Lust der Brigitte Reimann, ihr Lebenselexier, erfüllte sie und hatte ihren Zweck - einen Kunstzweck. Wie der sich zu den Beschränkungen verhielt, von denen SFB und ORB in ihrer politischen Co-Produktion künden, bleibt die Frage.

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