Zeitung Heute : Der Osten in mir

Laura ist in Ost-Berlin geboren, aber das Leben in der DDR kennt sie nur noch aus dem Kino. Mit ihren Freunden trifft sie sich jeden Tag am Alex. Einst war er der Vorzeigeplatz des Sozialismus. Jetzt ist er das zweites Zuhause der Teenager geworden. Sind sie Ossis, Wessis – zählt das überhaupt?

Nadja Klinger

Laura und Sophie stehen unter der Weltzeituhr. Sie warten. Über der Weltzeituhr schiebt sich ein Wetter zusammen. Ein Mistwetter, graues Gemansche. Es senkt sich langsam herab und legt sich wie ein unausgewrungenes Scheuertuch über den Alexanderplatz. Über die nackten Hüften der Mädchen legt sich eine Gänsehaut. „Ich werd mir Justin Timberlake überspielen“, sagt Laura. Es gibt kein Wetter. Es gibt Trends, die alle Mädchen gleichmachen, weil sie ihnen zum Beispiel nicht erlauben, die Reißverschlüsse der Jacken zu schließen und die Hosen über den Hüften zu tragen. „Ich werd mir bei ebay die grüne adidas-Jacke ersteigern“, sagt Sophie.

Sie warten auf Karl und die anderen. Karl geht aufs Latein-Gymnasium. Er ist Neunte. Laura und Sophie sind in der Achten, auch an Gymnasien, auch im Prenzlauer Berg, aber an anderen Schulen. Kommenden Frühling haben sie Jugendweihe. Der Festakt wird im Friedrichstadtpalast sein. Was da passiert? Lauras Mutter hat gesagt, Jugendweihe war immer etwas Schönes. Laura weiß nicht, warum sie Jugendweihe hat, aber sie weiß schon, was sie anziehen wird. Sophies Mutter hat gesagt, Sophie solle gründlich überlegen. Sie müsse nicht das tun, was alle machen. Die Mutter hat von der Arbeiterbewegung gesprochen und von der DDR, die aus der Jugendweihe einen politischen Staatsakt gemacht hat. Es ist Herbst. Die DDR gibt es seit 13 Jahren nicht mehr. Sophie weiß nicht, was sie sich überlegen soll.

Sie warten immer noch auf Karl und die anderen. Die anderen sind immer wieder andere. Man kennt sich. Man kommt von überall her. Nicht zufällig, aber doch ohne Plan. Man kommt von allen Seiten. Die Anreise ist beschwerlich. Berlin ist eine einzige Umleitung, ein kolossales Baugerüst, ein Schienenersatzverkehr. Berlin ist eine Bühne, auf der sie unentwegt die Kulisse verändern. Wer sind „sie“? „Keine Ahnung“, sagt Laura. Und was bauen sie? „Was Neues.“

Über 500 Kinder und Jugendliche halten sich täglich am Alexanderplatz auf. Sie kommen seit Jahren. Jede Woche. Jeden Tag. Anders als Touristen, die fotografieren, oder Berliner, die zum Einkaufen gehen, halten sie sich hier auf. Sie strömen an einen Ort in der Stadt, mit dem die Stadt selbst nicht so recht etwas anzufangen weiß. Städteplaner halten ihn für unüberschaubar und zu weitläufig. Er leide unter überdimensionalen Bauten, die beziehungslos herumstehen. Es mangele an Straßenmöblierung, an Fassadengestaltung, an Verkehr und vielem mehr. Städteplaner machen Pläne. Sie stellen sie auf, verwerfen sie, stellen wieder welche auf. Der neueste Plan, neben dem Platz ein riesiges Einkaufszentrum zu bauen, ist ein paar Tage alt. Der Vertrag ist unterschrieben.

Ein Container für Kinder

Die Bürgerstiftung Berlin, die unter Schirmherrschaft von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse Projekte für Kinder und Jugendliche an sozialen Brennpunkten unterstützt, hat am Alexanderplatz einen Container aufgestellt. Hier haben die Kinder Tische und Stühle. Vorm Container haben sie ein Beachvolleyballfeld angelegt. „Der Alex ist mein zweites Zuhause“, sagt ein Junge. Zwei 15-jährige Mädchen kommen seit fünf Jahren hierher, „immer dann, wenn wir unsere Ruhe haben wollen“. In einer Vitrine an der Straßenbahnhaltestelle hängen Fotos von Alex-Kindern. „Es gibt hier keinen Stress und keine Leute, die Drogen verkaufen“, hat jemand unter sein Bild geschrieben. Ein Mädchen fügt hinzu: „Wenn ich auf den Alex komme, habe ich immer gute Laune.“

Karl und die anderen nähern sich. Laura und Sophie schlendern mit ihnen von der Weltzeituhr zum Bahnhofsgebäude. Sie klemmen sich zu dritt oder viert in den Foto Fix. Laura, Sophie und Karl besitzen etliche solcher kleiner Bilder, die nach Minuten unterm Gebläse des Automaten im Bahnhof Alexanderplatz zum Vorschein kommen. Wann sie aufgenommen wurden, ist egal. Die Bilder erfüllen einen Zweck: Sie beweisen, dass es Laura, Sophie, Karl und die anderen wirklich gibt. Es sind Bilder ohne Hintergrund.

„Liebe Frau Klinger, wir haben eine Themenidee“, schreibt der Redakteur: „Was ist eigentlich mit den Kindern, die nach dem Herbst 1989 geboren sind? Sind das Ossis? Eigentlich nicht“, überlegt er weiter, „aber in ihrer Lebenswirklichkeit gibt es, vermittelt von den Eltern, auch viel Ost-Wirklichkeit. Wie funktioniert bei denen, die heute 13, 14 sind, Identitätsstiftung?“

Sie kenne den Westen nicht, sagt Laura. Dabei ist überall Westen. Das Bauland Berlin ist Westen, der Kühlschrank zu Hause, jeder Anruf mit dem Handy, die Schule. Wenn’s ihr zu bunt wird, geht sie mit Sophie und Karl ins Kino am Alexanderplatz. Sie sehen alle Filme. „Good bye, Lenin“ haben sie drei Mal gesehen, „Sonnenallee“ zehn Mal. „Es gibt mehr Filme über den Osten als über den Westen“, sagt Laura. Das stimmt nicht, für sie aber doch. Der Osten ist außer auf der Leinwand nicht da. Er ist das, was Laura interessiert. Zehn Mal hat sie im Kino gesehen, wie der DDR-Grenzposten an der Sonnenallee auf einen Jungen schießt, der nur überlebt, weil die Kugel in der Schallplatte stecken bleibt, die er eben für viel Westgeld bei einem Betrüger erstanden hat. „Die Mauer hätte ich blöd gefunden, und dass ich nicht die Musik hören kann, die ich will“, sagt Laura. „Aber der Osten war was für sich.“

Hinterm Osten verbirgt sich kein Land, sondern Kino. Die Tränen um eine Schallplatte. Reines Gefühl. Laura schwärmt für den Jungen mit der Schallplatte. Robert Stadlober hat ihn gespielt. Der Nachname des Schauspielers verrät eigentlich schon, woher er kommt, er ist in Österreich geboren. „Ein Ossi“, glaubt Laura. Sie hat sich ein Stück aus einem Interview mit ihm herausgeschnitten und an die Wand gepinnt. „Vor ein paar Jahren, als ich in Berlin wohnte“, sagt Robert Stadlober, „hing ich öfter auf dem Alexanderplatz rum.“

Der Alexanderplatz liegt im Stadtbezirk Mitte. Der 365 Meter hohe Fernsehturm steht hier, ein Brunnen, die Weltzeituhr. Ein Multiplex-Kino, ein dröger Kaufhauskasten, ein 123 Meter hohes, schmuckloses Hotel. Es gibt die Markthalle, man sieht das Rote Rathaus, die Marienkirche. Es gibt die neuen Mieter der rekonstruierten Wohnungen in den Rathauspassagen. Die Vogelschutz-, Walzer- und Trennkost-Vereine, die sich in der Kongresshalle einmieten. Das Haus des Lehrers. Das Haus der Elektroindustrie. Was ist der Alexanderplatz?

Er hat schon bei Stadtgründung existiert. Er wurde nach dem König benannt. Dann kam der russische Zar zu Besuch, seit 1805 heißt der Platz Alexanderplatz. Die Stadtbahn wurde gebaut, der Bahnhof, die Zentralmarkthalle, das Polizeipräsidium, ein Grand Hotel, Kaufhäuser. Seine besten Jahre hatte der Platz in den 20ern und 30ern des letzten Jahrhunderts. Varietés, Kinos, Geschäfte, Cafés und Restaurants boomten. Busse, Straßenbahnen, U-Bahnen und Züge hielten hier. Es reisten so viele Menschen an und ab wie nirgendwo sonst in Europa.

Die DDR machte sich breit

Der Zweite Weltkrieg hat kaum mehr als Schutt und Asche vom Alexanderplatz übrig gelassen. Dann gehörte er der DDR. Sie vergrößerte ihn um das Vierfache auf 80000 Quadratmeter. Der Platz sollte das Antlitz der sozialistischen Gesellschaft erhalten. Die DDR war nicht üppig, aber sie machte sich breit. Sie war unmäßig, wie der Fernsehturm. Sie war verlogen wie das Centrum-Warenhaus, in dem es so viel zu kaufen gab, wie sonst nirgendwo im Land. Hinterhältig wie das Hotel Stadt Berlin, wo man gut, mit Westgeld aber besser wohnen konnte. Die DDR war gleichmacherisch wie der graue Putz, mit dem sie die wenigen historischen Bauten bedeckte, die überlebt hatten. Die DDR war kitschig wie der Brunnen der Völkerfreundschaft. Sie genügte sich selbst mit ihrer Weltzeituhr.

Der Alexanderplatz befand sich in der Mitte Berlins, aber dann brauchte Berlin plötzlich zweimal eine Mitte. Im Osten blieb er das Zentrum, obwohl er am Rand lag. Der Westen hat den Ku’damm geschaffen und sich nach dem Mauerfall über den Potsdamer Platz hergemacht. Es gab einen Architektenwettbewerb. 1999 beschloss der Senat den Bebauungsplan. Doch es geschah nichts. Die Stadt veränderte sich, und mittendrin blieb ein Stück Kulisse erhalten. In der DDR nannte man den Alexanderplatz Alex. Die Nachwendekinder nennen ihn auch so. Sie duzen ihn wie einen guten Bekannten.

Was macht ihr ausgerechnet am Alex, fragen die Mütter von Laura, Sophie und Karl, mitten im blanken Osten? Nichts, antworten sie. Stehen. Gehen. Die Füße nass am Brunnen. Der Alex wirft nicht die Frage auf, wer „sie“ eigentlich sind. Am Alex lassen „sie“ einen in Ruhe.

„Ich hab keine Ahnung, wie das Ding funktioniert“, sagt Sophie über die Weltzeituhr. Ist der Alex der Osten? Kann sein. Und wer sind Laura, Sophie und Karl? Sie beginnen Gespräche und beenden sie nicht. Sie sprechen mit ihren Handys. Spielen mit ihren Schlüsselbändern. Mit dem Wetter. Mit der Uhrzeit, zu der sie eigentlich zu Hause sein müssten. Sie haben Mütter, die ihnen erzählen, was der Alex im Osten war. Sie gehen auf Schulen, in denen Schüler und Lehrer als „Wessi“ beschimpft werden. Und zwar dann, wenn sie wirklich eklige Typen sind. Ist das wichtig? Identität ist nichts, was Mütter einem erzählen können. „Ich bin gern Ossi“, sagt Karl. Das Geständnis kommt nicht überraschend. Wer will schon gern ein Schimpfwort sein?

Laura, Sophie und Karl kommen, um den Alex ihrer Mütter zu entweihen. Der Platz ist eben und voll Weitblick. Er ist, was er ist. Wenn Heimat still hält, kriegt man sie zu fassen. Die Teenager haben den Bauzaun am Berolinahaus angemalt. Er steht schon wieder ewig. Es ist belanglose Ewigkeit, was Teenager brauchen, um zu wissen, wo sie hingehören. „Karl hat erklärt, wie die Uhr funktioniert“, sagt Laura. „Aber es ist nicht zu verstehen.“ Am Alex ordnet sich die Weltzeit neu.

Im Bahnhofsgebäude sitzt ein Mann, der genau so eine grüne Jacke mit Streifen trägt, wie Sophie sie ersteigern will. Auf der Jacke steht BERLIN. „Ganz Berlin ist Osten, weil es im Osten Deutschlands liegt“, sagt Laura. Das hat seine Logik. „Ich kenne nur Ossis“, sagt sie. Neben dem grünen Mann dröhnt ein Stereoradio. Dann steht da noch ein Plastikbecher. BERLIN bettelt. „Ich bin aus dem Westen“, sagt Sophie. „Oh, ja“, sagt Laura, „aus Münster. Da hast du deine ersten zehn Jahre verbracht.“ – „Aber jetzt bin ich Ossi, denn ich bin auch nicht anders als ihr“, sagt Sophie. „Du wohnst in Kreuzberg. Kreuzberg ist Westen“, korrigiert Karl. „Quatsch“, sagt Sophie, „Westen ist hinterm Mauerpark.“

Pankow liegt im Westen

Sie laufen zu Saturn rüber, ein paar CDs anhören. Andere vom Alex sind auch dort unter Kopfhörern. Irgendwann fällt es auf, dass sie alle nichts kaufen, dann gehen sie wieder raus. Irgendwann fällt es auch auf, dass sie alle hier spät abends noch rumhängen. Mitten im Osten, wo alle anderen zu Hause sitzen und Ostshows im Fernsehen gucken. Eine hat Laura mit ihrer Mutter zusammen gesehen. Da hat sie erfahren, dass die DDR-Bürger im Urlaub ihre Zelte aufs Autodach geschnallt haben. „Ich stelle mir das so vor: einen riesigen Zeltplatz voller Ossis. Die grillen da und so. Und abends steigen sie zu sechst auf ihr Autodach und schlafen“, sagt Laura. „Das ist total albern. Aber voll schön.“ Sie hat sich mit Sophie in Karls Jacke eingerollt. Sie merkt nicht, dass ihr Handy fiept. Sie merken es alle nicht, weil sie nach Hause sollen. Nach Hause? „Ikea ist zum Beispiel im Westen!“, sagt Karl. „Und Pankow!“ Er schlägt Sophie mit seiner flachen Hand vor die Stirn. „Liegt Pankow etwa hinterm Mauerpark?“

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