Zeitung Heute : Der Osten lockt

Durch die EU-Erweiterung sind nicht nur neue Staaten hinzugekommen, sondern auch neun weitere Sprachen. Gastland der diesjährigen Expolingua ist Polen

Alva Gehrmann

Estland? Wo liegt das überhaupt? Als im Mai 2004 zehn neue Länder in die Europäische Union aufgenommen wurden, wälzten einige erst mal ihren Atlas, um zu sehen, wo neue EU-Mitglieder wie der kleine baltische Staat zu finden sind. Durch die EU-Erweiterung kamen nicht nur neue Staaten hinzu, sondern auch neun weitere Sprachen: Neben Estnisch unter anderem Maltesisch, Ungarisch und Polnisch. Polen ist mit insgesamt 38 Millionen Einwohnern das größte neue Mitglied. Schon vorher war das Nachbarland auch für deutsche Touristen und Geschäftsleute ein interessantes Reiseziel, durch die EU-Mitgliedschaft soll sich der Austausch noch steigern.

Polen ist auch das Gastland der diesjährigen Expolingua, der 18. Internationalen Messe für Sprachen und Kulturen, die vom 18. bis 20. November in Berlin stattfindet. Etwa 15 000 Besucher werden erwartet. Die Messe richtet sich an jeden, der Interesse am Erlernen einer Sprache hat: An Schüler und Studierende ebenso wie Lehrer, Dozenten und Übersetzer. Insgesamt sind 162 Aussteller aus 30 Ländern vertreten. „Sprachen verbinden“ ist das Motto der Expolingua. Und so hat auch Projektleiterin Silke Lieber festgestellt, dass durch die EU-Erweiterung gerade in Berlin und Brandenburg das Interesse an Polnisch etwas zugenommen hat. Die Messebesucher haben die Möglichkeit an einem Mini-Sprachkurs mit dem Titel „Meine erste Polnischstunde“ teilzunehmen. Der Schwerpunkt liegt unter anderem auf der Landeskunde – den Festen und kulturellen Besonderheiten. Außerdem werden Probestunden für Japanisch und Spanisch angeboten. Im Italienisch-Kurs soll vor allem das kulinarische Vokabular vermittelt werden. Sprache hat eben auch immer etwas mit der Kultur des jeweiligen Landes zu tun.

So gewinnt durch die EU-Erweiterung nicht nur die Mehrsprachigkeit an Bedeutung, sondern ebenfalls die interkulturelle Kompetenz. „Entscheidend ist das Wissen um die verschiedenen kulturellen Standards“, sagt Expolingua-Projektleiterin Lieber. „Es kommt letztlich darauf an, sein Verhalten und Agieren im Kontakt mit einer anderen Kultur – im Alltag, im Urlaub oder in einer Geschäftsverhandlung – auf diese einstellen zu können.“ Gerade im Hinblick auf die Internationalisierung der Arbeitswelt ist das von großer Bedeutung. Für langfristige Kontakte reicht es nicht mehr aus, nur die Begrüßungsfloskeln zu lernen.

In Berlin gibt es zum Beispiel die Initiative Pro Polska vom Oberstufenzentrum Bürowirtschaft und Verwaltung, die eine duale Ausbildung zum Kaufmann/frau für Bürokommunikation anbietet. „Das Projekt richtet sich an junge Menschen und Unternehmen, die Osteuropa im Blick haben und hier neue Chancen nutzen wollen“, sagt Gerhard Schnepel, Projektleiter von Pro Polska. Die Ausbildung beinhaltet den Unterricht in Wirtschaftspolnisch ebenso wie ein viermonatiges Praktikum in einem polnischen Betrieb. Ein wesentliches Ziel liege darin, die Bereitschaft zur Mobilität zu wecken und zu fördern.

Die Pro Polska Initiative will einen Beitrag zur Internationalisierung der beruflichen Bildung und zur europäischen Integration leisten. Das ist auch das erklärte Ziel der Europa Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), die ebenfalls auf der Expolingua vertreten sein wird. Jeder vierte Student der Viadrina kommt aus Polen. Für sie ist die geographische Nähe attraktiv, aber auch die international ausgerichteten Studiengänge wie der „Bachelor of German and Polish Law“ und die Internationale Betriebswirtschaftslehre. Die Präsidentin der Europa Universität, Gesine Schwan, ist zugleich Koordinatorin für die deutsch-polnische Zusammenarbeit und Schirmherrin der Expolingua.

Doch selbst wenn das Interesse an fremden Sprachen seit der EU-Erweiterung steigen mag, so ist nach Angaben der Europäischen Union Englisch noch immer die am „weitesten verbreitete“ Sprache in der EU. „Sie ist die Muttersprache von 16 Prozent der europäischen Bürger, weitere 31 Prozent verfügen für ein Gespräch über ausreichende Englischkenntnisse“, heißt es weiter. Das deckt sich auch mit den Interessen auf der internationalen Sprachmesse. „Für die Expolingua-Besucher steht das Englische nach wie vor an der Spitze, Spanisch hat Französisch inzwischen auf Platz drei verdrängt“, sagt Silke Lieber.

Wenige Veränderungen gibt es ebenfalls bei den Sprachlernmethoden. Zwar gewinnt das E-Learning an Bedeutung, dennoch ist es meist nur ein Bestandteil des Sprachtrainings. Die klassischen Präsenzkurse sind noch immer die Regel. Am intensivsten sind Sprachreisen, bei denen der Studierende vor Ort seine neu erworbenen Kenntnisse ausprobieren kann.

Doch selbst wer keine der neuen EU-Sprachen lernt, kann sich in den Mitgliedsstaaten meist auf Englisch, Deutsch oder Französisch verständigen. In Estland zum Beispiel, das lediglich 1,4 Millionen Einwohner hat, spricht gerade die junge Generation meist zwei Fremdsprachen fließend – Englisch gehört für sie zum Standard.

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