Zeitung Heute : Der Osten rückt näher

Von Russisch bis Tschechisch: Slawische Sprachen werden immer wichtiger – gerade in Berlin

Nach Prag fährt man gern übers Wochenende, warum nicht auch dort arbeiten? Während lange Zeit Spanisch als „die“ Zweitsprache galt, holen die slawischen Sprachen gerade mächtig auf. Foto: picture-alliance/gms
Nach Prag fährt man gern übers Wochenende, warum nicht auch dort arbeiten? Während lange Zeit Spanisch als „die“ Zweitsprache...Foto: picture-alliance / gms

Wer neben Englisch eine weitere Fremdsprache spricht, ist klar im Vorteil. Galt noch vor einigen Jahren Spanisch als das Nonplusultra, wandelt sich heute das Bild deutlich in Richtung slawische Sprachen. Kein Wunder. Denn zehn der letzten elf Neuzugänge in die Europäische Union seit 2004 waren ost- und südosteuropäische Staaten.

Hinzu kommt: Eine 2006 von der EU-Generaldirektion für Bildung und Kultur in Auftrag gegebene Studie ermittelte, dass 40 Prozent der kleinen und mittelständischen Betriebe in 29 europäischen Staaten gezielt Mitarbeiter mit besonderen Sprachkenntnissen suchen. Bei deutschen Unternehmen lag dieser Anteil sogar bei 55 Prozent. Begehrt sind unter anderem Menschen mit hervorragenden oder muttersprachlichen Kenntnissen in Russisch, Polnisch, Ungarisch oder anderen, „kleineren“ europäischen Sprachen. Schließlich haben elf Prozent der befragten Unternehmen angegeben, dass sie aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse bereits Aufträge in Höhe von 1 Million bis 13,5 Millionen Euro verloren haben. Das zeigt: Sprache ist ein knallharter Wirtschaftsfaktor.

Dabei zählt auch die Fähigkeit, sich in die Mentalität des Gegenübers hineinzuversetzen, also das Verständnis für Kultur und Umgang. Das bestätigt Anna Tahirovic, die für zwei Jahre als Kulturmanagerin im Auftrag des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) in Sombor in Serbien tätig war und dort den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Serbien mit verschiedenen Projekten gestärkt hat. „Die gesellschaftlichen Strukturen und Förmlichkeiten zu beachten, ist unglaublich wichtig“, sagt sie. „Man kann sich schnell in die Nesseln setzen und dabei sehr viel kaputt machen.“ Zwar habe sie auf dem Balkan auch erlebt, dass man Nachsicht mit Ausländern habe. Die Sprache zu sprechen und die Gepflogenheiten zu kennen, mache das Miteinander aber wesentlich einfacher.

„Ich wollte nicht nur mit Managern sprechen können, die vielleicht Deutsch oder Englisch beherrschen, sondern mit jedem“, so die Berlinerin, die nach dem Abitur ein Jahr im bosnischen Tuzla in einem Jugendzentrum gearbeitet und im Rahmen ihres Studiums ein Jahr in Sarajewo verbracht hat. „Die Sprache habe ich sozusagen autodidaktisch gelernt.“ Es gäbe zwar Unterschiede zwischen Bosnisch und Serbisch. Doch wenn man die eine Sprache beherrsche, könne man die andere auch schnell lernen.

„Beruflich bin ich in Sombor mit vielen neuen Feldern in Berührung gekommen“, so Tahirovic. „Ich habe sehr viel dazugelernt, und bin persönlich auch gestärkt aus dieser Erfahrung hervorgegangen. Außerdem habe ich noch nie so viele nette Menschen auf einem Fleck kennengelernt, und es hat mir am Ende richtig Leid getan wegzugehen.“ Sie könne sich daher auch gut vorstellen, künftig in der Region als Beraterin in politischen und kulturellen Angelegenheiten tätig zu werden oder Partner in Deutschland zu beraten.

Dass man auch in Berlin beruflich von slawischen Sprachkenntnissen profitieren kann, zeigt die aktuelle Kampagne „Berlin braucht Dich“, die vom Beruflichen Qualifizierungsnetzwerk für Migrantinnen und Migranten (BQN) gestartet wurde. Den Initiatoren zufolge werden in allen Branchen qualifizierte junge Menschen mit ganz unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Fähigkeiten gesucht – egal ob im Gesundheitswesen, im Handwerk oder in der Verwaltung. Denn Berlin ist schließlich eine multiethnische, mehrsprachige Stadt mitten im neuen Europa.

Das zeigt auch die konkrete Nachfrage – etwa nach russischen Muttersprachlern – in der Dienstleistungsbranche. „Der Bedarf nimmt zu“, sagt zum Beispiel Frank Werner von der Allianz. „Das trifft nicht nur auf das Privatkundengeschäft zu, sondern auch auf den gewerblichen Bereich.“ So beschäftigt Werner in seiner Agentur mittlerweile mehrere russischsprachige Mitarbeiter. „Entscheidend ist für uns, dass sie die Mentalität und die Bedürfnisse unserer russischen Kunden kennen und verstehen.“ Denn man müsse sich in sein Gegenüber hineinversetzen können, um ihn richtig beraten zu können, so der erfahrene Vertriebsmann. Jugendlichen mit Interesse an Fremdsprachen rät er, neben dem Klassiker Englisch auf jeden Fall einen „Exoten“ wie zum Beispiel eine slawische Sprache oder Chinesisch zu lernen. Tong-Jin Smith

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