Zeitung Heute : „Der Panzer hat sich Zeit gelassen“

Sie wurden von der Hotellobby aus beschossen, sagen sie – aber warum haben die Amerikaner dann den 15. Stock des Journalisten-Hotels ins Visier genommen?

Asne Seierstad[Bagdad]

Es ist viertel nach zehn und es knallt. Das tut es häufig. Das Hotel bebt, das tut es häufig.

Die Granate ist in eine der oberen Etagen eingeschlagen, in einen Eckbalkon im 15. Stock unseres sandfarbenen Hochhauses, wie wir später erfahren werden. Und es gibt Verletzte. Ich sehe, wie sie auf Wolldecken rausgetragen werden. Sie sind blutig, bei einem ist das ganze Gesicht rot, vielleicht ist es der Ukrainer, der Reuters-Mann, der da ins Krankenhaus gebracht wird, vielleicht ist es der Kollege aus Spanien. Wenn er ankommt jedenfalls wird der Mann tot sein. Und noch ein anderer wird sterben. Aber das weiß ich alles in dem Moment noch nicht, ich weiß nicht, wie schwer verletzt sie alle sind. Das wird man mir erst später sagen.

Die Explosion also: Wir sind schockiert und rennen sofort los, um uns die Stelle anzusehen, an der das „Palestine“ getroffen worden ist. Ich war im siebten Stock auf der anderen Seite. Ich glaube nicht, dass größere Schäden entstanden sind. Ich bin unverletzt. Eine Kollegin weint. Einer fasst sie bei den Schultern. Ein anderer Mann, groß, läuft apathisch den Gang entlang, ein Riese, auch er hat Tränen im Gesicht, auch er wird gestützt von anderen. Krieg. Das begreifen viele jetzt erst.

Der Panzer hat sich Zeit gelassen, sagen die Kollegen Sammy Ketz und Mohamed Hasni von der Nachrichtenagentur AFP. Er stand 600 Meter weit weg, auf der Brücke der Republik. Die beiden haben den französischen Fernsehreporter gefragt, der das alles gefilmt hat. Wie der Panzer seinen Drehturm nach rechts drehte, zum Hotelhochhaus hin, langsam seine Kanone aufgerichtet hat, das „Palestine“ ins Visier nahm und wartete. Zwei Minuten lang. Dann blitzte das Mündungsfeuer.

Die Amerikaner seien von der Hotellobby aus beschossen worden, sagt ihr Militärsprecher später. Aber warum, um Gottes willen, haben sie dann auf den 15. Stock gezielt? Der Sprecher sagt, er wisse es noch nicht, er müsse noch abwarten, bis er genaue Informationen über den Vorfall habe. Vielleicht habe er sich, als er von der Hotellobby redete, auch versprochen.

Es ist ein verhangener Morgen an diesem 8. April in Bagdad. Es qualmt und raucht und staubt und über allem hängen die grauen Wolken. Es geht heute um den Osten der Stadt, ihn wollen die Amerikaner einnehmen, sie müssen über den Tigris, vielleicht wollte auch der Panzer von der Republik-Brücke auf die andere Seite. Manche Brücken haben sie schon besetzt, um andere kämpfen sie noch. Eine versuchen junge Männer, Fedajin-Kämpfer, zurückzuerobern. Sie sind 18 Jahre alt, höchstens 20, sie haben ein paar Gewehre dabei und kleine Panzerfäuste. Die Amerikaner auf der anderen Flusseeite haben sie längst entdeckt, sie schießen, ein Fedajin wird getroffen und stirbt, die anderen rennen um ihr Leben. Unter der Brücke, auf Sackkarren, holen sie dann doch noch die Verletzten aus dem Schussfeld, den letzten schafft ein Polizeiwagen aus dem Feuer. Zehn Minuten dauert das Ganze, keinen einzigen Schuss haben die Jungen abgegeben.

Hier, in den Vierteln auf der Ostseite des Flusses, saßen die Leute am Tag davor noch in den Straßencafés und nippten glühend heißen Tee. Auf dem Präsidentenpalast wehte da schon die amerikanische Fahne.

Im „Mazin“, einem Café in der Gegend, saß auch Najah Saada, ein bärtiger Mann um die 60. Es gab Kebab vom Grill und keinen freien Tisch mehr. „Ich habe monatelang Geld gespart, weil ich das hier befürchtet habe“, sagte er. Najah ist Händler, kauft Kleider in Thailand und verkauft sie in Bagdad auf dem Markt. Jedenfalls war das früher so. „Jetzt liefert mir niemand mehr Waren, niemand kauft mehr, also sitze ich zu Hause. Und weil ich nicht die ganze Zeit zu Hause bleiben will, gehe ich ins Mazin. Ein paar Mal am Tag werden es schon sein“, sagte er und lachte. Aber er wurde rasch wieder ernst: „Es ist unsere Pflicht, unser Land zu verteidigen. Ich selbst bin zu alt und zu krank, um zu kämpfen, aber mein Sohn ist bei den Fedajin-Truppen und kämpft jetzt für Bagdad. Er war einer von denen, der die Amerikaner aus der Stadt vertrieben hat.“

Wie? Die Amerikaner vertrieben? „Die US-Armee hat doch den Präsidentenpalast eingenommen.“

„Das ist gelogen. Die Amerikaner wurden von den unseren Truppen geschlagen.“

„Aber im Fernsehen waren doch Bilder der US-Flagge auf dem Palast zu sehen.“

„Die sind gefälscht.“

Niemand weiß, ob Najah Saada wirklich glaubt, was er sagte. Vertraut er immer noch der Version des irakischen Informationsministeriums? Ist es die Angst vor den Männern der Baath-Partei, die überall ihre Ohren haben? Zwei von ihnen saßen auch im Café, an ihren grünen Uniformen waren sie zu erkennen. „Wir sind nicht zu schlagen“, sagte einer, „weil wir an unseren Führer glauben. Wir kämpfen mit Herz und Seele.“

Und dann wendete er sich zu mir: „Darf ich Sie etwas fragen? Wenn wir das Bild jetzt einmal umdrehen: Wie würden Sie reagieren, wenn irakische Truppen Ihr Land angriffen? Wie würden Sie reagieren, wenn wir Ihre Strom- und Wasserversorgung lahmlegten und Ihre Nachbarn umbrächten?“ Er erwartete keine Antwort.

Um die Ecke vom Teehaus liegen ein paar Gemüseläden, die auch nach fast drei Wochen Krieg immer noch geöffnet hatten. Die Kunden drängten sich, so als würden sie denken, dass das nun vielleicht der letzte Tag ist, an dem sie noch frische Waren bekommen können.

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