Zeitung Heute : Der Partei-Samurai

Franz Müntefering, so waghalsig wie der Kanzler – weil es der SPD nutzt

Stephan Haselberger

Er hätte der achte Kanzler der Republik werden können, dieser rätselhafte Franz Müntefering. Aber als er am Nachmittag des 22. Mai ins Kanzleramt fährt, um Kanzler Nummer sieben auf das zu erwartende Ausmaß der Niederlage in Nordrhein-Westfalen vorzubereiten, da sagt Franz Müntefering nicht: „Gerd, jetzt geht es nicht mehr.“ War er keinen Augenblick in Versuchung? Hat er nicht wenigstens für eine Sekunde daran gedacht, sich die Macht zu nehmen, anstatt Gerhard Schröder in ein großes Hasardspiel namens Neuwahl zu folgen? Oder hat er sich das Amt am Ende nicht zugetraut?

Man kann Müntefering das alles fragen, wenn er einem in seinem Parteivorsitzendenbüro in der fünften Etage des Willy-Brandt-Hauses zum Interview gegenübersitzt, aber man braucht nicht auf eine Antwort zu hoffen. Er schaut einen ein wenig neugierig an, als seien das durchaus interessante Fragen, um dann einen dieser Müntefering-Sätze zurückzugeben, so schlicht geschnitten wie seine Anzüge: „Die Entscheidung war richtig, ganz klar.“

Er hat vor der Wahl so gesprochen, als er keineswegs sicher sein konnte, dass Schwarz-Gelb die Mehrheit noch zu nehmen sein würde. Und mit derselben stoischen Überzeugung spielt er jetzt das nächste, womöglich letzte große Schröder-Spiel mit. Diesmal erscheint es noch größenwahnsinniger. Diesmal geht es darum, eine nicht erfolgte Total-Niederlage der SPD in eine Art Sieg umzumünzen.

Auf viele vor allem bürgerliche Wähler wirken die Sozialdemokraten in diesen Tagen deshalb wie eine Bande von Hütchenspielern. Aber Müntefering tut so, als sei alles ganz normal. Kein Tag ist seit dem 18. September vergangen, an dem der SPD-Vorsitzende nicht vor Kameras den Führungsanspruch Schröders reklamiert hat. Wer ihn so reden hörte, konnte leicht auf den Gedanken kommen, Schröder habe ihn irgendwie angesteckt mit einer neuen seltsamen Politikerkrankheit, in deren Anfangsstadium sich die Betroffenen derart aufpumpen, dass man fürchten muss, sie platzen gleich.

Nur: Aus der Nähe betrachtet, also fern der Kameras, wirken Schröder und Müntefering nicht wie durchgedrehte Zocker. Wie sie da am Donnerstag kurz vor 14 Uhr mit ernsten Mienen durch das Jakob-Kaiser-Haus direkt in die Parlamentarische Gesellschaft marschieren, hinter sich eine kleine Truppe Bodyguards, zwei Partei- und einen Regierungssprecher, außerdem Münteferings Büroleiter, erinnern sie eher an zwei Samurai. Gefasst, ernsthaft, finster-entschlossen – das ist der Eindruck, den der Kanzler und sein Parteichef abgeben. Man konnte das schon ein paar Minuten vorher beobachten, als Schröder energischen Schrittes den Nordeingang des Reichstags enterte, um Müntefering in dessen Fraktionsvorsitzendenbüro abzuholen, von dort durch den unterirdischen Gang ins Kaiser-Haus ging, vorbei an giggelnden Schülerinnen und winkenden Touristen – ein Kanzler auf dem Kriegspfad.

Angela Merkel und Edmund Stoiber strahlen nicht diese Selbstsicherheit aus. Merkel schweigt, Stoiber versucht so etwas wie Small Talk, er wirkt ein wenig aufgeregt auf dem Gang im zweiten Stock des Jakob-Kaiser-Hauses. Der CSU-Chef und die CDU-Vorsitzende nehmen ebenfalls den direkten Weg in die Parlamentarische Gesellschaft zu den so genannten Sondierungsgesprächen, bei denen zwischen Union und SPD aber nur sondiert wird, wer über welche Waffen verfügt im Machtkampf um das Kanzleramt. Es geht am Donnerstag vor allem um das wechselseitige Abschätzen von Drohpotenzialen. Und so beharren beide Seiten nach einer Stunde des Gesprächs weiter auf der Kanzlerschaft. „Für uns steht vorn’ an, dass wir mit Gerhard Schröder als Kanzler regieren“, sagt Müntefering.

Er muss das jetzt sagen. Man muss es aber nicht glauben.

„Vorn an“ steht für den 65-Jährigen, dessen Parteikarriere erst mit 50 Fahrt aufgenommen hatte, immer und immer noch die SPD. Er würde nicht mitspielen bei Schröders letztem großem Spiel, wenn es der Partei nicht von Nutzen wäre. Während der Turbulenzen um die Agenda 2010 war Müntefering der Joker des Kanzlers in der Auseinandersetzung mit der Parteilinken um den Reformkurs. Jetzt ist Schröder Münteferings Trumpfkarte im Machtpoker mit der Union um die Gewichte in einer großen Koalition – der wahrscheinlichsten aller Konstellationen. Wenn am 2. Oktober in Dresden nachgewählt worden ist, wird das schnell sichtbar werden, glauben sie in allen politischen Lagern. Dann wird sich auch zeigen, dass die eigentliche Bedingung der SPD für ein Bündnis mit der CDU nicht lautet: nur mit Schröder als Kanzler. Sondern: nur ohne Merkel als Kanzlerin. Es geht im Kern um den Einzug der SPD in eine große Koalition der „gleichen Augenhöhe“, wie Müntefering sagen würde: „Keiner Herr, keiner Knecht.“ Schröder formuliert das am Donnerstagmittag im Sonnenlicht vor der Parlamentarischen Gesellschaft vor den Kameras und Mikrofonen so: Gefragt, ob er sich vorstellen könne, in einer großen Koalition auf die Kanzlerschaft zu verzichten, antwortet er: „Haben Sie diese Frage auch der anderen Seite gestellt?“

Vielleicht wird man also auf dem SPD-Parteitag im November in Karlsruhe einen von der Basis frenetisch bejubelten Altkanzler Schröder erleben, während Franz Müntefering noch einmal zum Parteivorsitzenden gewählt wird. Er muss für Ordnung sorgen während des Übergangs zu den Jüngeren. Er wird noch eine Weile gebraucht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar