Zeitung Heute : Der Pianist trägt Babyschnuller

In Potsdam ist Kunst auch fließend. Vor drei Jahren entstand das Museum Fluxus+ – an einem spannenden Ort am See

Still verharren die Besucher vor einem Gemälde, umrunden ehrfürchtig eine Skulptur, beugen sich vorsichtig über eine Vitrine: So ist das in den meisten Museen. In der Schiffbauergasse in Potsdam bietet sich ein anderes Bild. Hier, im Museum Fluxus+, wird gestaunt – und viel geschmunzelt. „Fluxus macht absolut keinen Sinn“, so beschrieb der Däne Eric Andersen die „fließende“ Kunstrichtung. Der Amerikaner Philipp Corner befand: „Je mehr wir wissen, je weniger wir verstehen, um so besser ist es.“ Und Emmett Williams resümierte: „Das Leben ist ein Kunstwerk, und das Kunstwerk ist Leben.“

Aus diesen Überzeugungen heraus entstand in den 60er Jahren die internationale Fluxusbewegung, in der Musik, Gedichte, Videos und Installationen auf herrlich absurde Weise verquickt wurden. Als Initiator gilt George Maciunas, der den Begriff Fluxus geprägt hatte und der zunächst der Titel einer Zeitschrift hatte werden sollen. Nichts blieb beim Fluxus wie es war – und das Unmögliche kam dabei heraus.

Auch wenn es hin und wieder noch Aktionen nach Fluxus Art gibt, wirklich provozieren können sie kaum noch. Jahrzehnte sind vergangen, der Mensch hat zu viel anderes gesehen, neue Trends kamen. Fluxus ist museumsreif. Dass die Kunstform in Potsdam eine feste Adresse bekam, ist dem Kunstmäzen Heinrich Liman zu verdanken. Der gewählte Ort in der renovierten Reithalle auf dem alten Kasernen- und Gaswerksareal ist perfekt. Hohe Decken, weiß getünchte Wände und 1000 Quadratmeter Platz.

Schwerpunkt der Sammlung sind Werke von Wolf Vostell. Ein Multitalent. Grafiker war er, Bildhauer, Komponist, Maler, Videopionier und eben auch begeisterter Fluxist. Der 1998 in Berlin gestorbene Künstler hat ja nicht nur Riesenwerke geschaffen wie in Beton gegossene Cadillacs. Kleinere Arbeiten sind im Museum zu sehen. Da ist etwa das „Berliner Brot“, in dem ein Fernseher in Teig gebacken wurde. Oder die „Berlinerin“, ein Frauentorso aus glänzender Bronze, ergänzt mit einer Flasche und einem Fernsehgerät. Collagen, Videos und Postkarten sind zu sehen sowie zahlreiche Bilder seiner frühen Schaffensperiode.

Wie politisch seine Kunst war, zeigt sich in seinem Werk „Korea Massaker“ aus dem Jahr 1953. Es zeigt zwei mit einem Panzer verschmolzene Menschen, ein Mann hat den Mund zum Schrei geöffnet. Ein schiefes Haus im Hintergrund vermittelt deutlich, dass die Welt aus den Fugen geraten ist.

Fluxus kann anprangern, aufklären, mahnen – und ist immer am besten im Absurden. Anfang der 60er Jahre wurden die ersten Fluxus-Konzerte aufgeführt. Es ging dort nicht um Hörgenuss oder gar Harmonie, sondern um verblüffende Effekte. Beim „Urkonzert“ 1962 in Wiesbaden wurde einfach ein Flügel zertrümmert. Auch das erzeugte schließlich Töne. Wie grell solche Darbietungen waren, ist an einer im Museum aufgehängten Regieanweisung zu erkennen. Der koreanische Künstler Nam June Paik wünschte sich folgenden Ablauf auf der Bühne: „1. Wirf Bohnen in den Zuschauerraum. 2. Schmier Rasiercreme auf den Körper. 3. Tu Reis in die Rasiercreme. 4. Wickle langsam eine Papierrolle ab. 5. Geh in ein Wasserbecken. 6. Komm zurück und spiele etwas Klavier mit einem Babyschnuller im Mund.“ Kann man ein Publikum verblüffender unterhalten? Wolf Vostell schrieb übrigens ein Stück für drei Düsenjäger.

Fluxus stellt alles auf den Kopf. Wer sich auf diese, im besten Sinne verrückte Welt einlässt, gewinnt neue Einsichten. Die Realität: ein Tollhaus. Fluxus hat viele Künstler auf die eine oder andere Art inspiriert. Auch die präsentiert das Museum in seiner Nebenschau „Zeitgleiche Strömungen“. In seiner raumgreifenden Installation „Profit“ zeigt etwa der in Berlin lebende Künstler Constantino Ciervo, wie globaler Kapitalismus funktioniert. Auf manuellen Schreibmaschinen drehen sich durchsichtige Kugeln, in denen farbige Papiere zerschreddert werden. Aufgedruckt sind die Namen multinationaler Firmen und Aktienindizes – ein endloser Prozess. Ciervos bewegliche Arbeiten und Videoobjekte lassen sich gut einbetten ins Fluxus-Konzept.

Nach dem Rundgang schwirrt dem Besucher der Kopf, alle Ordnung ist dahin. Draußen vor der Tür kommt er zu sich. Denn dort ruht still der Tiefe See mit seiner Uferpromenade. Ein Spaziergang am „Standort Schiffbauergasse“, wie das Areal genannt wird, hält neue Überraschungen bereit. Das einstige Sanierungsgebiet wurde – von 2005 bis 2008 – aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Zwölf Gebäude, überwiegend historische Pferdeställe und Reithallen, wurden für Kultur und Gewerbe restauriert oder umgebaut. Die Kosten: 20,5 Millionen Euro.

Darunter ist etwa die Schinkelhalle, 1822 als Reithalle für das Leibgarde-Husarenregiment gebaut. Nach der Auflösung der kaiserlichen Armee 1919 wurden die Halle von der Reichswehr, später von der Wehrmacht genutzt. Bis 1956 war ein Gewerbebetrieb dort untergebracht, später die NVA und sowjetische Einheiten. Nach dem Abzug der russischen Armee 1994 stand die Schinkelhalle leer – bis zur ihrer Sanierung 2005/2006. Nun wird sie von freien Kulturträgern genutzt für Konzerte, Partys und Events.

In der einstigen Maschinenhalle, 1956 als Schlosserei für das Gaswerk errichtet und 1990 mit der Schließung des Gaswerks überflüssig geworden, wird heute getanzt. Der Verein fabrik e. V. nutzt das Gebäude seit der Sanierung 2006. Auch die ehemalige Zichorienmühle, 1799 erstmals erwähnt, ist wieder schmuck. Inzwischen beherbergt sie Wohnungen und ein Restaurant. Vor kurzem bezog die Bundesstiftung Baukultur hier ihren Sitz in der restaurierten „Husarenvilla“.

Geländeführungen buchbar im Internet: www.visit-potsdam.de, Mobilnummer: 01 77-880 57 80

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