Zeitung Heute : Der Pilgertourismus in Israel treibt merkwürdige Blüten

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Israels Tourismusminister Amnon Lipkin-Shahak drückt feierlich einen Knopf. Lichtstrahler illuminieren einen rund drei Meter hohen Felsblock, auf dem drei Mosaike an einen biblischen Bericht aus dem Leben Jesu erinnern. Das im Pilgertourismus noch unterprivilegierte Ostufer des Sees Genezareth, an dessen Nordseite die wichtigsten Wirkungsstätten Jesu beheimatet sind, hat rechtzeitig zum Heiligen Jahr eine neue Attraktion. Tel Hadar, ein bislang unbedeutender Schutthügel nahe Kapharnaum, erinnert künftig an die "Speisung der Viertausend".

Für den Bericht über eine zweite "Brotvermehrung" im Matthäusevangelium gab es im Land Jesu bislang noch keinen Ort. Viele Experten sind sich nicht einmal sicher, ob es zwei derartige große Speisungen durch Jesus gegeben habe. Doch seit vielen Jahren verficht der Benediktiner Bargil Pixner, ein durchaus respektierter Archäologe mit einem starken Hang zur wortwörtlichen Auslegung der Evangelien, die Echtheit zweier solcher Handlungen Jesu. Einmal habe er in Tabgha am Nordufer des Sees Genezareth Brote und Fische für hungrige Juden geteilt. Ein weiteres Mal habe er auf dem Tel Hadar Heiden gespeist. Die zur Zeit Jesu bereits seit gut 700 Jahren zerstörte Siedlung lag damals am Übergang zum heidnischen Gebiet.

Die kommerzielle Freizeitanlage "Duga Beach", eine der zahlreichen neu entstandenen Badeeinrichtungen am See Genezarth, setzt nun Pixners Theorie in die Praxis um. "Es passierte genau hier", behauptet der aus Südtirol stammende Ordensmann. Andere sind da skeptischer, sie sprechen von einer "neu erfundenen" Touristenattraktion. Dessen ungeachtet betont der katholische Weihbischof in Nazareth, Giacinto-Boulos Marcuzzo, die neue Erinnerungsstätte sei ein "Symbol für die Freundschaft aller Nationen und aller Menschen im Heiligen Land". Von einer neuen "Hauptattraktion" spricht Tourismusminister Lipkin-Shahak. Es gelte, so Lipkin-Shahak, die Region zu verstehen, nicht nur die einzelnen Stätten. Am Nordufer des Sees Genezareth, einem geographisch sehr kleinen Raum, haben die biblischen Evangelisten die meisten ihrer Erzählungen angesiedelt.

Mammutandrang

Israel rüstet zum Mammutandrang. Im Heiligen Jahr 2000 werden zwischen 3,5 und 4,5 Millionen Besucher erwartet. Derzeit entsteht zwischen Tabgha und Kapharnaum ein separater Fußweg. Die lange Zeit unbeachteten Reste von Bethsaida wurden zum archäologischen Park. Für das 1986 im See Genezareth entdeckte "Boot Jesu", ein Holzkahn, wird in den nächsten Monaten erstmals ein richtiges Domizil fertig gestellt. In Kapharnaum wird ein neuer Hafen für Touristenboote gebaut, für einen benachbartes "biblisches Fischerdorf" liegen die Pläne in der Schublade.

Angesichts all dessen befürchtet mancher Kirchenvertreter, dass die Heimat Jesu bald zum modernen Erlebnispark wird. Ein trauriges Beispiel gibt es bereits. In Yardenit am Südufer des Sees Genezareth, wo Jesus ganz gewiss nicht die Taufe empfing, finanzierten die Israelis mit Millionenaufwand den Bau einer Taufstelle. Zwar konkurrieren schon einige andere Orte am Jordan um diese Tradition, doch nun haben die Baptisten eine eigene Bademöglichkeit: mit Parkplatz, Umkleidekabinen, der Möglichkeit zum Untertauchen sowie mit Restaurant. Wer den Ort verlässt, muss wohl oder übel den Supermarkt passieren, der - völlig überteuert - von der Dornenkrone bis zur Fußcreme alle Mitbringsel des Heiligen Landes offeriert. Am Tel Hadar errichtet "Duga Beach" derzeit ein Amphitheater mit 2000 Plätzen, ein Restaurant und einen Bootsanleger. Und an der See-Promenade soll es bald einen "christlichen Badestrand" geben.

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