Zeitung Heute : „Der Platz war voller Menschen“

Ein Anruf in Bombay – die Stadt nach den Anschlägen

Rolf Brockschmidt

Das Büro von Beate Mauder ist direkt um die Ecke, auf der Rückseite des Taj-Mahal-Hotels, dessen Marketing-Bereich sie mit leitet. Ein Zimmer in der exklusiven Unterkunft gewährt den freien Blick auf das nur etwa hundert Meter entfernte Wahrzeichen der Stadt Bombay, das „Gateway of India“. Am gestrigen Montag hätte es dem Gast ermöglicht, Augenzeuge des jüngsten Bombenattentats zu werden.

Unmittelbar vor dem Hotel auf halbem Weg zum „Gateway of India“ war eine Bombe in einem Taxi detoniert. „Der Platz ist voll mit Händlern, die auf Touristen warten. Hier sind immer viele Menschen. Es hat hier Tote gegeben, wie viele genau, weiß man noch nicht. Im Hotel sind einige Fensterscheiben zersprungen, aber jetzt, zwei Stunden später, ist wieder alles relativ ruhig“, sagt Beate Mauder dem Tagesspiegel am Telefon. „Leider hat sich bis jetzt noch niemand zu diesem Anschlag bekannt“, berichtet Mauder weiter. „Es heißt auch, dass sich niemand dazu bekennen wird. Das sei immer so. Ich fände es gut, wenn man wüsste, woher die Bedrohung kommt, damit die Regierung sich darauf einstellen kann. Es ist schockierend, was geschehen ist, aber es ist keine große Panik ausgebrochen“. Gegen 14 Uhr war eine gewaltige Explosion zu hören. „Ich bin nicht gleich losgerannt, denn hier sind immer gleich viele Menschen zur Stelle. Ich habe sofort im Hotel angerufen, aber die Kollegen haben gesagt, es sei nichts weiter zu tun“, sagt die Mitarbeiterin der Taj-Hotelgruppe. Ihre indischen Kollegen haben erzählt, dass dieser Anschlag nicht so heftig gewesen sei wie der vor zehn Jahren. Damals hatten zwölf Explosionen 257 Menschen getötet und 713 verletzt. Die damaligen Anschläge waren eine Reaktion auf die Zerstörung des moslemischen Babri-Masjid-Tempels in Ayodhya durch HinduAktivisten, schreibt die Zeitung „Times of India“.

An bekanntem Ort

Warum dieses Attentat vor dem „Gateway of India“? „Mit diesem Ort kann jeder etwas anfangen, er ist das Wahrzeichen der Stadt“, sagt Mauder. Vor 100 Jahren wurde das Taj-Mahal-Hotel hier an der Südspitze Bombays von dem indischen Industriellen Jamsetji Nusserwanji Tata erbaut, um mit den Europäern auf gleicher Augenhöhe Geschäfte zu machen. Hier legten die Schiffe an und hier wurde 1924 das „Gateway of India“ eröffnet, um an den ersten Besuch eines englischen Königs 1911 zu erinnern. Hier verließ Lord Mountbatten mit den letzten britischen Soldaten und der britischen Flagge 1947 Indien, um den Kontinent in die Unabhängigkeit zu entlassen. Und von hier aus starten die Rundfahrtboote zu „Elefanta Island“, einem Hindutempel, der zum UnescoWeltkulturerbe gehört.

Die Hafenstadt Bombay ist das Finanzzentrum Indiens und zugleich dessen führender Handels- und Industrieplatz. Außerdem ist sie das wichtigste Zentrum für die Herstellung von Baumwolltextilien. Als Filmmetropole Indiens wird die Stadt auch als „Bollywood“ bezeichnet. Mit rund 16 Millionen Einwohnern im Großraum Bombay ist die sowohl von Reichtum als auch bitterster Armut geprägte Metropole im Westen des Landes noch vor Kalkutta und der Hauptstadt Neu Delhi die größte Stadt Indiens. Sie ist Fluchtpunkt für Millionen armer Menschen. Mehr als die Hälfte der Einwohner Bombays lebt unter erbärmlichsten Umständen in übervölkerten Slums. Der aus der portugiesischen Kolonialzeit stammende Name Bombay (Gute Bucht) wurde Mitte der 90er Jahre nach einer hinduistischen Göttin in Mumbai geändert. Außerhalb Indiens aber blieb es bei Bombay. Rolf Brockschmidt

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