Zeitung Heute : Der Polit-Staatsanwalt: Duell um die Wahrheit

Jürgen Schreiber

Obwohl Staatsanwalt Volker Rath "Tagesthemen"-Moderatorin Gabi Bauer "wirklich gut findet", nickte er neulich bei den Nachrichten ein. Der Schlaf des Gerechten? Die "Heute"-Sendung zuvor bekam er noch mit, auch da ging es irgendwie um ihn. Rath läuft auf allen Kanälen, seit er im Frankfurter Opec-Prozess den Zeugen Joschka Fischer in den Schwitzkasten nahm. Dessen Antworten vor Gericht mündeten bekanntlich in ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts uneidlicher Falschaussage.

Der Vorsitzende Richter Heinrich Gehrke nannte das Vorgehen "hochgradig lächerlich" und machte damit riesige Schlagzeilen. Rath und Gehrke kennen sich von früheren Rauschgift-Verfahren, "ein freundschaftliches Arbeitsverhältnis", meint der Staatsanwalt. "Deshalb verstehe ich einfach nicht, was Gehrke von sich gibt." Jedenfalls kann er sich Fischers wegen selbst kaum mehr vor Journalisten-Anfragen retten. Es kursieren mehr Storys als dem 47-Jährigen lieb sind, die ihn als "Fischer-Gegner" oder "Fischer-Jäger" beschreiben, der den Grünen "ins Messer laufen" ließ und "planvoll tückisch agiert".

In Krimis zählen Staatsanwälte zur "Bürokratie des Schweigens". Rath hält die stille Rolle im Alltag für sehr angemessen, genießt das Image des rätselhaft Verschlossenen. Sein Lieblingssatz lautet: "Dazu kann ich nichts sagen." Und dann lächelt er wie eine Sphinx. Raths Themen sind durchweg heikel und gefährlich, inspirieren ihn im Normalbetrieb nicht gerade zu Zwiegesprächen. Er beschäftigt sich mit Verflechtungen des internationalen Terrorismus, "Revolutionären Zellen, Islamisten und solchen Geschichten". Im Zimmer steht eine düstere, von Heroinschmugglern ausgehöhlte Holzfigur aus Afrika, Relikt der Zeit, als er Ströme von Drogen, Geld und Waffen um die Welt verfolgte.

Freund oder Feind?

Beim Geheimnisträger muss einiges zusammenkommen, bis er mal die Deckung verlässt. So wie jetzt, da Rath in der Konfrontation mit Sympathieträger Fischer zum Prügelknaben zu werden droht. Aus seiner Sicht spuken viele Berichte herum, die "unter die Gürtellinie gehen und mich betroffen machen". Das bewog ihn, abgesehen von einer gewissen Eitelkeit, die er gerne zugibt, sich Interviews zu stellen.

Wer jedoch meint, am Main auf einen Geknickten zu treffen, in dunklen Gedanken oder Selbstzerknirschung über eine beinahe kampagnenartige Berichterstattung, wird enttäuscht. Rath befasst sich seit Jahr und Tag mit Großverfahren der "politischen Abteilung X", intern "qualitativ hochwertige Kriminalitätsbereiche" geheißen. Von daher ist er Profi genug, Kritisches über sich als "Berufsrisiko" zu akzeptieren. "Das muss man aushalten, gehört zum Geschäft." Tapfer ergänzt er: "Damit kann ich umgehen" und erwartet, dass man ihm das abnimmt.

Stürmt Rath zum Termin heran, fällt die sorgfältig abgestimmte Kleidung auf. Er ist meist bis oben zugeknöpft, was die ihm nachgesagte Reserviertheit unterstreicht. Fein gewählt die Farben, das schwarze Hemd mit einem Schlips von elegantem Rot kombiniert, der das Überkorrekte bricht. Kurz getrimmter, grau melierter Bart und artifizielle Brille ergeben eine Anmutung schön kalkulierter Lässigkeit, die gut in italienische Thriller passte.

Stundenlang hatten wir den Staatsanwalt im Prozess gegen den früheren Terroristen Hans-Joachim Klein beobachtet. Er saß über Notizen gebeugt, den Füller in der Hand. Forschend nahm er Klein ins Visier. In Raths forensischem Blick liegt immer ein Vorwurf. Das könnte schon eine Berufskrankheit sein. In 16 Dienstjahren ist er zu oft enttäuscht worden, um noch unschuldig an das Gute im Menschen zu glauben. Auch beim Gespräch scheinen die neugierigen Augen zu fragen: "Wer bist du, Freund oder Feind?"

Sein kleines Büro 619 hat eine Tür mit Spion (innen), keine Klinke (außen), ist reichlich möbliert, still und friedlich. Dominierend der Computer, eine Errungenschaft des letzten halben Jahres, aber ohne Internet. Er ist der einzige Staatsanwalt Frankfurts mit Diensthandy, was viel über die Innenausstattung sagt. Vom Schreibtisch sieht Rath Richtung Süd die Jets auf "Rhein-Main" einschweben - eine stete Verbindung zu seinem schwersten Fall.

1988 soll auf dem Frankfurter Flughafen der Koffer mit Sprengstoff umgeladen worden sein, der über Lockerbie einen Jumbo zerriss. 270 Menschen starben. In Raths Aktenkammer biegen sich Regale unter 400 Lockerbie-Ordnern. "Ich suche nach möglichen weiteren Tätern." Er war am Unglücksort, hörte, vom Grauen überwältigt, Schilderungen der Augenzeugen. Vom Himmel seien Triebwerke gefallen, glühend und todbringend bohrten sie sich in die Erde. So viel sich über die Jahre in der Erinnerung verflüchtigte, der Schrecken beschäfigt ihn unvermindert auch emotional.

Im Gespräch ist der Rheinhesse vordergründig darauf aus, sich von der Fischer-Debatte einigermaßen unbeeindruckt zu zeigen. Mag er gekränkt sein, missverstanden oder erschrocken über das Presseecho, er lächelt darüber hinweg: "Ach Gott, lesen Sie die Artikel doch selber." Unter die Haut gehen ihm Briefe, die ihn als "Kettenhund" von CDU-Justizminister Christean Wagner beschimpfen. Wie viele Journalisten glaubt der Absender fälschlicherweise, es sei Rath, der das Verfahren gegen Fischer führe. Er brachte den Stein ins Rollen, sein Abteilungsleiter Jörg Claude eine Tür weiter geht dem Verdacht nach. Der Grüne war im Klein-Prozess auch nicht Raths Zeuge, sondern vom Richter vorgeladen.

Aber Rath wäre nicht der "Mann mit Biss" ("Frankfurter Rundschau"), wäre ihm entgangen, wie der Außenminister im Saal 165 auf grimmigen Abstand zu unliebsamen Details seiner Vita ging. Und wie Fischer die Militanz der 70er Jahre mit dem heutigen Leben als Vizekanzler in Einklang zu bringen versuchte. Es war die Sitzung vom 16. Januar. Ankläger Rath richtete seine womöglich fürs Geschichtsbuch bestimmte Frage an Fischer: "Sind in der Wohngemeinschaft, in der Sie wohnten, damals auch Leute wohnhaft gewesen oder zeitweise wohnhaft gewesen, die der RAF, den RZ beziehungsweise dem 2. Juni zugerechnet werden konnten?"

Nun registriert Rath kopfschüttelnd Berichte, wonach er Fischer überfallartig ausgequetscht habe. Tatsächlich war es ein Intermezzo mit Ansage, diese Passage zur einstigen RAF-Terroristin Margrit Schiller. Dass sie kurz in Fischers Wohngemeinschaft gewohnt haben will, ergab sich aus ihrem 1999 publizierten Lebensbericht. Aber Fischer antwortete aufs Stichwort: "Nein, mit der habe ich nie zusammengewohnt ... Ich hatte mit ihr auch keine Beziehung."

Der Staatsanwalt ist ein Spezialist für komplexere Fälle, radikal in Gründlichkeit und Selbstausbeutung, die ihm früh einen Herzinfarkt einbrachte. Mitte der 90er befragte er mit der ihm eigenen bohrenden Art den alten Stasi-Chef Erich Mielke im Gefängnis Moabit. Egon Krenz bestellte er in die BKA-Außenstelle Mauerstraße ein, um nur einige Prominenz aus langer Ermittlungsarbeit zu nennen. Auch im Angesicht Fischers sei er nicht nervös gewesen. Er verstehe die Frage nicht. "Ob ich Herzklopfen hatte? Nein, da bin ich unberührt." Des Ministers hypnotische Redebegabung ließ ihn kalt, malerische biografische Ausschmückungen interessierten ihn kaum, weil er aufs Ungesagte lauschte.

Prozesse haben ihre besondere Dynamik. Im Strudel ließ sich Fischer vom alten Sponti-Impuls gegenüber der Justiz treiben, unfähig, seine Aufwallung zu neutralisieren. Durchaus penetrant baute Rath Spannung auf, der Zeuge geriet in Rage, redete wutschnaubend unter eigentümlichem Rechtfertigungsdruck. Der Ankläger spürte dies als Schwäche. Fischer ignorierte Richter Gehrkes Warnung. Der kennt seinen Rath, sah Unheil kommen.

Psychologen könnten viel über das seltsame Duell um Wahrheit spekulieren. Wusste der Vizekanzler um Raths Ruf? Der Jurist ist ein Mann von asiatischer Geduld, ruht nachweislich nicht, bis er einer Sache auf den Grund gegangen ist. Durchzuckte Fischer, welch gefährlicher Gegner ihm hier von Amts wegen erwachsen könnte? Rath ist bestens mit dem Frankfurt der 70er Jahre vertraut, kennt Fischer nicht nur von grobkörnigen Fotos, auf denen der mit Helm Maskierte einen Polizisten verprügelt. Ende 1999 nahm just Rath die Ermittlung wegen des Brandanschlags vom Mai 1976 auf den Polizisten Jürgen Weber neu auf. Damals hatte die Sonderkommission Fischer mit einem Dutzend anderer Demonstranten vorübergehend festgenommen. Der Minister gehört heute nicht zu den Verdächtigten des Mordversuchs. Im weiteren Verfahren kommt er als Zeuge in Betracht.

Aus Raths Sicht könnte Fischers von Leibwächtern und Brimborium begleiteter Auftritt geeignet gewesen sein, ihm Unterlegenheitsgefühle aufzunötigen. Doch der Anschein des Unantastbaren reizt besonders zum Angriff. Im gehobenen Eifer klingt Raths anklägerische Stimme doppelt vorwurfsvoll. Als hätte er alle Kräfte dafür aufgespart, kommt zäher Behauptungswillen zum Ausdruck. Es ist nicht die einzige Parallele zum vermeintlichen Widerpart Fischer.

Die beiden Ausdauertypen könnten ihre Tage gemeinsam mit Liegestützen beginnen. Auch Rath läuft gern und radelt weite Strecken, den kanadischen Schäferhund an der Seite. Im Grundbedürfnis, sich Fakten einzuverleiben, sind sie verwandt. Auch Rath ist ein Spätstarter, ein Getriebener, ehrgeizig im Kampf gegen Verbrecher, der ihm "Berufung" ist. Wie Joschka Fischer die Politik.

Der Ankläger lernte zunächst Technischer Zeichner. Von daher das Tüftelige, der Hang zum Präzisen, dem Zusammenfügen kleinster Details. Allmählich ein Täter-Bild entstehen zu sehen bedeutet ihm viel. Rath holte am Abendgymnasium das Abitur nach, begann 1977 in Frankfurt ein Jura-Studium, verdiente das Geld dafür selbst. Sein Vater war "ein alter Sozi", der Sohn sympathisierte mit Willy Brandt. Rath wohnte lange in Bockenheim, die Pointe ist nicht zu gewagt, dass er dort zu den 46 Prozent Grün-Wählern gehörte. An diesem Punkt ist ihm jedoch nur zu entlocken: "Ich war in keiner Partei und ich bin in keiner Partei."

Die Tugend des Jägers

Vor diesem Hintergrund kränkt ihn der Vorwurf schwer, die Staatsanwaltschaft sei im Fall Fischer eine Marionette der CDU. Rath-Kritiker sprechen von Verfolgungseifer, der wie bestellt aussehe, und meinen, die weisungsgebundenen Ermittler hätten sich zum Nachteil des Grünen "politisch instrumentalisieren" lassen. Gerichtsreporter hingegen erzählen, mit Hubert Harth führe ein "alter SPDler" die Behörde. Eher rechnete man dort mit dem Vorwurf, wegen Fischers Rang lasse man sich zu viel Zeit mit der Einleitung des Verfahrens.

Am 26. Januar nahm Rath in der Sache Fischer an einem Gespäch mit Minister Wagner teil. "Ja, ich war in Wiesbaden dabei." Seine Gegner sehen ihn deshalb in ein Komplott gegen den Vizekanzler eingesponnen. Unterstelle man ihm Willfährigkeit gegenüber der Union, höre der Spaß auf: "Das empfinde ich als lächerlich. Ich hänge doch nicht am langen Arm von Wagner." Aus seiner Sicht folgt die Verschwörungstheorie einem simplen Reiz-Reaktions-Schema, zumal sie unterschlägt, dass Amtsvorgänger Rupert von Plottnitz von den Grünen ihn ebenso zu Ministerrunden eingeladen hatte. "Ich war mindestens zwei Mal bei ihm." 1988 musste Rath bei "Plotte" wegen des Falls Klein antanzen. Das ist nicht ganz ohne, denn Plottnitz ist eng mit Daniel Cohn-Bendit verbandelt, der den in Frankreich untergetauchten Terroristen jahrelang unterstützte und mit einer Anklage wegen Strafvereitelung rechnen muss.

Vielleicht treibt Fischers Helfer die Ahnung, auf dem langen Flur der Strafverfolger entscheide sich die Zukunft des Außenministers, weshalb öffentlicher Druck die Behörde verunsichern soll. Und Grund zur Sorge hat der Politiker allemal: Raths Kollege Bernd Rauchhaus untersucht den Mordversuch am Polizisten Weber, Dossiers des Verfassungsschutzes werden erwartet. Ein damals in der Schlägertruppe platzierter V-Mann lebt noch, er soll über Personen, Planung und Ablauf der Demo berichtet haben, die im Feuer von Molotowcocktails gipfelte. Fischers Festnahme 1976 sei auf besagten Informanten zurückgegangen. Der Spitzel berichtete ferner über den Molli-Angriff auf das spanische Generalkonsualt 1975, auch da lief Fischer im Protestzug mit.

Rath ist in jedem Fall Fischers härtester Verfolger. "Geduld ist die Tugend des Jägers", ist ein Lieblingsspruch des Außenministers. Besser könnte es der Staatsanwalt selbst nicht sagen.

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