Zeitung Heute : Der Pott kocht nicht

In der Kneipe der Bochumer Genossen steht die Luft. Der Orkan, der die Parteispitze durcheinander gewirbelt hat, ist an ihnen vorbeigefegt. In Nordrhein-Westfalen stehen sie zu Schröder und Müntefering. Beide werden sich morgen auf dem Landesparteitag in der Stadt davon überzeugen.

Esther Kogelboom[Bochum]

Von Esther Kogelboom, Bochum

Frank Riedel ruft den Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“ auf. Da wäre die Einladung zum politischen Aschermittwoch in Schwerte. „Nach Schwerte kommt Wolfgang Clement, aber interessanter ist der Wochenend-Ausflug nach Straßburg, kostet 150 Euro plus Einzelzimmerzuschlag von 20 Euro, würde ich persönlich auch hinfahren wollen“, sagt der Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Bochum-Goldhamme schnell. Die Genossin Adelheid Klein meldet sich zu Wort. Sie grummelt: „Von dem Geld könnte ich 14 Tage in die Türkei fahren.“ – „Ich mein’ ja bloß“, erwidert Riedel. Wolfgang Clement ist Wirtschaftsminister und Parteivize, ehemaliger Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, in Bochum geboren. Er soll nichts gewusst haben von Schröders Plänen, vom Parteivorsitz zurückzutreten. Deshalb ist er sauer, auch wegen der Ausbildungsplatzabgabe. Keiner aus dem Ortsverein will mit Clement den Aschermittwoch in Schwerte verbringen. Der Vorsitzende legt die Anmeldeliste zu den Akten.

Ein Termin bei der Basis – aufgebracht muss sie sein, denken alle. Wütend, vielleicht traurig über das, was am anderen Ende der Nabelschnur in der Hauptstadt passiert, über das Chaos an der Parteispitze. Ist das wirklich so?

Ein unbespielbarer Platz

Der Goldhammer Ortsverein hat 91 Mitglieder. 16 von ihnen sind am frühen Abend in der Gaststätte „Zum deutschen Haus“ erschienen, um die Delegierten für die Bezirksvertretung Bochum-Mitte zu nominieren. Später soll noch die Kandidatin für das Oberbürgermeisteramt dazukommen – „Frau Dr. Ottilie Scholz, nicht verwandt und nicht verschwägert mit dem Generalsekretär…äh…ehemaligen Generalsekretär“. Im September sind in Nordrhein-Westfalen Kommunalwahlen, ein wichtiger Gradmesser für die Stimmung im Land. Ottilie Scholz könnte direkt gewählt werden.

Eingeladen für den öffentlichen Teil sind auch die Mitglieder des Sport- und Kleingartenvereins. Business as usual, obwohl am morgigen Samstag die nordrhein-westfälische SPD in Bochum tagen wird. Immerhin – die Redner Müntefering und Schröder werden mit Spannung erwartet. Denn eines gilt als wahrscheinlich: Fällt erst einmal das seit 1966 sozialdemokratisch regierte NRW, könnte der Partei auch Berlin verloren gehen.

Es ist Dienstag, Tag vier nach Gerhard Schröders Rücktrittsmitteilung. Es ist der Tag, an dem zum ersten Mal darüber spekuliert wird, ob Wolfgang Clement das Handtuch wirft. Aber das Personalkarussell dreht sich in großer Entfernung von Goldhamme. Auf der Tagesordnung stehen ausschließlich Punkte, die Goldhamme – den Ortsteil im Südwesten Bochums – und nichts als Goldhamme betreffen: der unbespielbare Fußballplatz, dem das Kassenhäuschen fehlt und wo der Schiedsrichter „wie vor 100 Jahren“ im Freien duschen muss, zum Beispiel. Oder die vielen Baustellen, die den Verkehr an der Hauptdurchfahrtsstraße behindern. Ausgetreten ist seit dem Freitag, an dem die Mutterpartei durch den überraschenden Führungswechsel ordentlich durchgeschüttelt worden ist, noch niemand. Es sieht auch nicht so aus, als hätte jemand vor, der SPD den Rücken zu kehren. Goldhamme ist treu. Oder stur, je nachdem. Trotzdem – irgendetwas lastet auf Frank Riedel und den anderen. Viele haben die Stirn in tiefe Falten gelegt, und die Goldhammer Genossen sind solidarisch im Schweigen. Der Orkan aus Berlin ist über sie hinweggefegt, am Kneipentisch steht die Luft.

Etwa zweieinhalbtausend Haushalte gibt es in dem Bochumer Stadtteil, 67 Prozent der Goldhammer haben bei der letzten Bundestagswahl für die SPD gestimmt. 19 Prozent der Menschen hier sind Ausländer, sieben Prozent Sozialhilfeempfänger. Man gelangt über die Autobahnabfahrt Bochum-Stahlhausen mitten in diesen ureigenen Ort der deutschen Sozialdemokratie, mitten in eine Malochergegend, wie sie hier sagen. Schräg gegenüber vom „Deutschen Haus“ beginnt das unüberblickbare Thyssen-Krupp-Gelände mit seiner Warmbandstraße und dem Kaltwalzwerk, ein bisschen weiter die Essener Straße runter überwintert grau die Schrebergarten-Kolonie. Die Bochumer Innenstadt und die Einkaufszentren sind weit weg. In Goldhamme gibt es noch eine Bäckerei und ein kleines Lebensmittelgeschäft. Der Aldi-Supermarkt an der Cherusker Straße musste dichtmachen, weil nicht genug Kunden kamen. Das ist ein ernstes Problem für die alten Damen von Goldhamme. Sie besitzen keine Autos, um in die Stadt zu fahren, und ihre Männer können nichts mehr tun. Einige sind an Staublunge oder anderen Folgen der harten Arbeit gestorben. „Die sind unterm Torf“, heißt es. Junge Leute muss man mit dem Vergrößerungsglas suchen, auch im Ortsverband. Der Spielplatz hinter dem „Deutschen Haus“ sieht aus, als wäre er lange nicht benutzt worden. Viele Klischees sind wahr in Goldhamme.

Freude an der Utopie

Wer Riedel, den Ortsverbandsvorsitzenden, fragt, weshalb er Parteimitglied ist, bekommt eine zögerliche Antwort. „Das Schulfach Politik fiel mir leicht“, sagt der Mann im Sweatshirt. Sein Blick klebt auf der rot-weiß-karierten Kneipentischdecke. „Außerdem ist das in unserer Familie so.“ Er ist davon überzeugt, sagt er, dass die Regierung Kohl vieles von dem verbockt hat, was die SPD jetzt ausbaden muss.

Riedel ist Lokführer und erst seit kurzem Vorsitzender und von Natur aus schweigsam. Dafür redet seine Stellvertreterin Martina SchmückGlock wie gedruckt. Martina Schmück-Glock ist enttäuscht – aber nicht über die Berliner Personalentscheidungen, das Vermittlungsproblem, die Umsetzung der Reformen. Sie ist enttäuscht darüber, dass Essen das Rennen um die Kandidatur für die Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2010 gewonnen hat. Essen, nicht Bochum.

Gegen 19 Uhr schleppt der Ortsvereinsvorsitzende höchstpersönlich Stühle herbei. Der kleine Saal im „Deutschen Haus“ ist jetzt voll. Es sind auch ein paar Pils und ein paar Genever getrunken worden. Es gibt Bierdeckel, die sind voller Bleistiftstriche, so dass die Oberbürgermeister-Kandidatin eine etwas gelöstere Versammlung vorfindet. Die Luft wird dicker, Rauchschwaden ziehen unter gelbem Lampenschein an der Glasvitrine vorbei, in der Pokale und gerahmte Urkunden stehen aus einer Zeit, in der Goldhamme noch drei Bolzplätze und sogar Flutlichtanlagen hatte. Draußen klatscht der Regen gegen die Fensterscheiben.

Frau Dr. Ottilie Scholz schüttelt resolut Hände und dann erstaunt den Kopf, als sie bemerkt, wie viele Goldhammer gekommen sind. Sie ist Finanzdezernentin der Stadt Bochum, eine studierte Verwaltungsfachfrau, die nebenbei im Ausländer- und Seniorenbeirat sitzt. Scholz sagt: „Ich bin kinderlos, ledig, 55 und komme aus Oer-Erkenschwick. Ich kann und will nicht vergessen, dass ich aus Oer-Erkenschwick komme.“ Scholz legt Wert auf das Heimatgefühl. Sie braucht bestimmt fünf Sekunden, um „Oer-Erkenschwick“ auszusprechen, schlürft den Namen wie die anderen ihre Genever. Dann rechnet sie vor, dass die Stadtkasse pro Einwohner pro Jahr vom Land eine Schlüsselzuweisung von 800Euro bekommt und dass auch Goldhamme dringend neue Einwohner braucht. „Am liebsten junge Familien“, sagt Scholz und offenbart damit ihre Freude an der Utopie. Bochums Haushalt ist defizitär, wurde aber vom Land genehmigt. Scholz, die Stadtkämmerin, verbreitet vorsichtigen Optimismus. Kein Kommentar zur Krise der Partei, nur „ein herzliches Glück auf“ zum Schluss.

Während sich in Berlin die Nachrichten überschlagen, steht der Genosse Werner Glock seelenruhig am Ende des langen Tisches, schwenkt ein Glas Pils in der Hand und findet es in Ordnung, dass die Mutterpartei an diesem Abend so gut wie keine Rolle spielt. Glock ist Vertreter der 800-Meter-Theorie: „Heimat, das ist der 800-Meter-Radius, in dem ich mich befinde“, sagt er. Es gebe eine Studie, die das belegt. „Innerhalb dieser paar Meter kann ich was bewegen.“ Und dann lobt er doch noch die „clevere Entscheidung“ des Kanzlers.

„Franz Müntefering ist ein Mann, der sehr stark von seinen Instinkten lebt“, sagt Werner Glock, der 1972 „wegen der Ostverträge“ in die Partei eingetreten ist. Der SPD habe er es zu verdanken, dass er auf dem zweiten Bildungsweg Chemie studieren konnte, sagt er. Und den „Franz“ kennt Glock aus den 90er Jahren, als der noch Vorsitzender des Bezirkes Westliches Westfalen und Arbeitsminister im Land war.

Goldhamme jedenfalls scheint dem Kanzler sicher – ein Universum für sich, ein Mikrokosmos, in dem man SPD-Mitglied ist, weil das schon immer so war, aus Tradition. Friedhelm Buddenbrock ist so jemand. Seit 34 Jahren ist er mit dem Ortsverband verwachsen. Austreten wird er in diesem Leben nicht mehr. Obwohl, sagt der ältere Herr mit der großen Brille, früher habe er das Gefühl gehabt, die Partei sei immer für ihn da. Jetzt ist er sich nicht mehr sicher, ob es nicht gerade umgekehrt ist: dass er für die Partei da ist, dass die Partei auf Biegen und Brechen so knorrige Typen braucht wie ihn.

Bad Bochum

Resignation? Für jemanden wie Buddenbrock ein Fremdwort. Er sagt: „Münte ist ein Seelsorger, der kriegt das hin.“ Viel mehr als um das Kräftemessen im Regierungsviertel kümmert den ehemaligen Angestellten einer Zahnradfabrik sein Goldhamme. Inzwischen, sagt er verächtlich, sei der Stadtteil eine Art Kurort geworden. Kein einziges Bergwerk gibt es mehr in der Stadt. „In Bad Goldhamme macht nur noch Thyssen Dreck.“ Es ist, als würde er ein bisschen Dreck vermissen, heutzutage. Vielleicht, weil Dreck ehrliche Arbeit bedeutet und ehrliche Arbeiter immer das Milieu bestimmten, in dem die Sozialdemokratie besonders gut gedieh.

Zwölf Jahre lang war Buddenbrock selbst Ortsvorsitzender, sein Höhepunkt war der Wahlkampf für Willy Brandt: „Ich kenn’ nix anderes wie Plakate kleben.“ Das hat er gern getan, auch nach Feierabend, versichert Buddenbrock. Er kann sich nicht vorstellen, dass ein Kanzler jemals wieder so geliebt werden wird wie Brandt.

Als das letzte Grüppchen endlich den Saal verlässt und die müden Genossen achselzuckend ihre Zeche bezahlen, sagt einer, der den Abend über seine Feierabend-Genever doch lieber an der Theke gekippt hat: „Nä, hättet ihr ma damals lieber einen Schrebergartenverein gründen sollen.“

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