Zeitung Heute : Der Preis der Freiheit

DEUTSCHE OPER Angelika Kirchschlager debütiert als unbezähmbare Carmen in Bizets Oper

UWE FRIEDRICHD

Die feurige Zigeunerin Carmen, freiheitsliebend und ungezügelt, ist selbstverständlich eine Männerfantasie. Eine erotische Verlockung, todbringend und doch unwiderstehlich. Ein abgelutschtes Klischee, in dem sexuell unausgefüllte Männer ihre Sehnsüchte und Ängste spiegeln können. Einerseits. Andererseits ist Carmen eine freiheitsliebende Frau, die keine Kompromisse macht, die eher sehenden Auges in den Tod geht als sich dem männlichen Besitzanspruch zu beugen. Vor allem aber hat Georges Bizet grandiose Melodien für diese unzähmbare Frau geschrieben, Habanera und Seguidilla sind Wunschkonzerthits, aber die Faszination gerade dieser Oper geht weit über die beliebten Melodien hinaus, meint die Sängerin Angelika Kirchschlager. „Vielleicht ist die Oper auch deshalb so beliebt, weil wir uns diese Freiheit alle so sehr wünschen. Wir müssen alle darum kämpfen, viele schaffen es nicht und bleiben dann auf der Strecke. Weil der Mut fehlt, weil die Erziehung übermächtig ist und wir uns nicht frei machen können von den Erwartungen der anderen. Der Stachel bleibt, die Herausforderung und die Möglichkeit der Freiheit in allen Lebensbereichen, an die uns Carmen immer wieder erinnert.“

Welche Freiheiten darf ich mir nehmen in meinem eigenen Leben, wie viel Verantwortung bin ich zu tragen bereit? Diese Fragen muss sich auch eine Künstlerin immer wieder stellen, wenn sie den Spagat zwischen privatem Glück und beruflichem Erfolg hinkriegen will. Angelika Kirchschlager gehört zu den weltweit gefragtesten Sängerinnen, tritt in Wien und London, in New York und nun auch wieder in Berlin auf und hat dafür, wie sie im Gespräch zumindest andeutet, auch im Privatleben einen Preis zahlen müssen. „Es ist schwer, einen Mann zu finden, der das mitträgt, der damit leben kann. Der muss für sich selber auch sehr stark sein, muss für sich selber stehen können. Die Oper war schon immer eine Plattform für starke Frauen, sowohl als Rolle auf der Bühne als auch im Berufsbild Primadonna, oft gegen den Widerstand der Männer.“

Das vermeintlich starke Geschlecht erweist sich oft allerdings als schwach, wie zum Beispiel Don José, der im Grunde von einem bürgerlichen Leben mit einer netten Frau an seiner Seite träumt. Ein Lebensentwurf, der für Carmen ebenso wenig infrage kommt wie für Angelika Kirchschlager. „Don José ist ein Schwächling. Er ist sehr an seine Mutter gebunden, er hat diese Jugendfreundin, von der er sich noch nicht wirklich gelöst hat. Die Liebe zu Carmen ist auch ein Ausbruchsversuch, aber er kann mit der Freiheit nicht umgehen. Ich verstehe sehr gut, dass sie verärgert ist, denn die beiden passen überhaupt nicht zusammen. Im dritten Akt haben sie schon viel Zermürbendes erlebt. Wer sich die Freiheit wünscht, muss auch die Einsamkeit aushalten. Carmen kann das und Don José nicht.“

So scheint die Rolle der Carmen wie geschaffen für eine starke und dabei doch unprätentiöse und bodenständige Künstlerin wie Angelika Kirchschlager. Nachdem der Regisseur Jürgen Gosch die Neuinszenierung krankheitsbedingt abgeben musste, wird nun die alte Inszenierung von Peter Beauvais gründlich neu einstudiert. Auf den Proben gewinnt Angelika Kirchschlager jene Freiheit, die das Abenteuer Kunst überhaupt erst interessant macht. „Man darf sich auf der Bühne nicht immer an die Regeln, an die Tradition, an den Konsens halten. Wir einigen uns vorher auf eine Grundvereinbarung, die muss dann auch eingehalten werden. Das findet auf einer eher technischen Ebene statt, Tonart, Tonhöhe, Rhythmus usw. Aber dann muss jeder Künstler die größtmögliche Freiheit in der Gestaltung haben und auch selbstbewusst nutzen. Wenn ich mich immer an die tradierten Vorstellungen hielte, würde sich auf der Bühne niemand für mich interessieren.“UWE FRIEDRICH

Premiere 8.3., 18 Uhr. Auch 12., 17., 21. u. 25.3., 19.30 Uhr

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