Zeitung Heute : Der Preis der Freiheit

Was spricht gegen selbst gebackene Brötchen vor dem Zelt? Tragbare Backöfen und faltbare Teller. Die Camper von heute nehmen die Zivilisation gerne mit in die Natur. Eine kleine Warenkunde.

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Von Andreas Austilat Ein Leuchtkuli, das ist leicht nachzuvollziehen, ein Leuchtkuli ist wirklich praktisch. Filmkritiker können damit im dunklen Kino was anfangen, oder Schlaflose, denen nachts eine Eingebung kommt. Warum aber gibt jemand fast sieben Euro aus für 125 Milliliter Erbsensuppen-Konzentrat? Oder weshalb sollte einem die Sherpa-Taschenlampe zum Aufziehen 40 Euro wert sein? Nun, wer solche Fragen stellt, der ist eben noch nie in jenen Grenzbereich der Zivilisation vorgestoßen, in dem sich der Mensch bewähren muss. Das ist eine Welt ohne Wasserklosett und Zentralheizung, eine Welt, in die man sein Essen mitnehmen muss, und seinen Strom auch, wenn man die Nacht zum Tag machen will.

Camping, sagen manche Leute dazu, und dann lächeln sie. Weil sie sich vorstellen, wie der Camper da so sitzt, Pudelmütze auf dem Kopf, Trainingshosen an und auf dem Shirt immer einen Fleck, weil der Klappstuhl wackelt, und dann das Bier aus der Dose läuft. Weshalb auch Camper selbst neuerdings von „outdoor“ sprechen. Trainingshosen, du liebe Zeit, die hat sowieso keiner an, der sein Zuhause draußen hat, weil Trainingshosen nicht mückenstichfest sind. Da braucht man schon eine Hose von Fjällräven. Flecken auf dem Shirt sind auch von gestern, die Sachen von The North Face oder Jack Wolfskin nehmen überhaupt keine Flecken mehr an, die sind allesamt aus Mikrofaser. Und wer sich nach Nennung all dieser Namen mal auf der Straße umschaut, dem wird sofort klar: Outdoor ist total angesagt – Funktionskleidung muss sich inzwischen nicht nur am Nanga Parbat bewähren, die trägt man auch am Wittenbergplatz.

Die Ausrüster-Kette Globetrotter machte im vergangenen Jahr 125 Millionen Euro Umsatz. Und es sind nicht nur Expeditionsausstatter, die vom Drang nach draußen profitieren, auch die deutsche Caravanbranche – also die Hersteller von Wohnwagen und Wohnmobilen – hat im vergangenen Jahr zugelegt, um neun Prozent auf einen Umsatz von 2,65 Milliarden Euro.

Was glauben all diese Menschen jenseits ihrer vier Wände daheim zu finden? „Unabhängigkeit“, sagt Carsten Bombis, zweiter Chef von Globetrotter-Berlin, mit 4500 Quadratmetern größter Outdoor-Laden der Stadt. Der Camper von heute aber will nicht wie sein nomadisierender Vorfahr auf dem neuen Weideplatz eine kärgliche Behausung aus Laub und Rinde errichten. Warum soll man es sich in freier Wildbahn nicht auch ein bisschen nett machen? Im Grunde gibt es nur zwei Beschränkungen: Die eine ist das Gewicht, jedweder Komfort muss schließlich mitgebracht werden. Die zweite ist die Energiefrage, egal ob es ums Licht, ums Kochen oder gar ums Heizen geht.

„Elf Kilo“, sagt Carsten Bombis, die hat er schon über den Monarch-Pass in den Rockys getragen, mehr würde er nicht mit sich rumschleppen wollen. Elf Kilo sind schnell erreicht. Vier bis fünf sind schon für Zelt und Schlafsack weg, knapp ein Kilo für die Isomatte. Schade, auf der Therm-a-Rest Dreamtime, einer Matratze, die sich selbst aufbläst, liegt man besser als daheim im Schlafzimmer. Aber das 200 Euro teure Stück wiegt dreieinhalb Kilo und ist deshalb für Wanderer ungeeignet. Auch der Four Seasons VipSessel, der sich zum Schaukelstuhl zusammenbauen und ziemlich klein wieder zusammenfalten lässt, muss bei so einer Tour im Regal bleiben. Worauf aber würde Bombis auf keinen Fall verzichten? Auf die Espressomaschine. Die gibt es zum Zerlegen und in ultraleicht. Und weil die Maschine nur mit Kocher funktioniert, braucht man den auch noch.

Früher hätte man jetzt vielleicht ein kleines Blechgestell entfaltet, ein paar Trockenspiritustabletten hineingelegt und dann, so nach einer halben Stunde, eine Tasse lauwarmes Wasser gehabt. Heute gibt es von Snow Peak einen Kocher, so groß wie ein Hühnerei, der ist aus Titan und wiegt praktisch kaum was. Dafür leistet er sagenhafte 3000 Watt, mehr als die meisten Herde zu Hause. Das kleine Kraftwerk kostet 94,50 Euro und verbrennt voll aufgedreht eine Gaskartusche wie nichts. Was in Entwicklungsländern ein Problem sein kann, weil man da keine Gaskartuschen kriegt. Macht nichts, Kocher gibt es auch für Benzin, und Benzin kriegt man überall.

Ein Parallel-Universum tut sich da auf. Nichts, auf das man in der Wildnis verzichten müsste. Praktisch jeden Gegenstand, den man auch von zu Hause kennt, gibt es auch aus Titan, Plastik oder zum Zusammenfalten. Ein komplettes Essservice nimmt nicht mehr Platz weg als ein Schreibblock, bis man es an Ort und Stelle zu Teller und Tasse zusammenknöpft. Es gibt Nagelscheren zum Zusammenklappen, Nottoiletten, Wassereimer, Nudelsiebe, einen ganzen Werkzeugkasten, der als Multitool in einem Griff verschwindet, ja, sogar der Backofen macht sich klein. Zusammengefaltet ist ein Coleman für knapp 50 Euro nicht dicker als ein Buch, nicht größer als die gute alte Vinyl-Langspielplatte.

Wer aber braucht auf der Wiese am See einen Backofen? „Ökos“, sagt die Verkäuferin und bedient derweil einen Mann, der nach einer Machete fragt, („Ja, mit der habe ich gute Erfahrungen gemacht“), „weil die auch auf Tour nicht aufs Vollkornbrot verzichten wollen, da backen die es sich selber“.

Camping, befand Hans Magnus Enzensberger schon 1958 in seinem berühmt gewordenen Essay zur Tourismuskritik, sei als Protest gegen den Massentourismus gescheitert und inzwischen „demodé“. Der Mann irrte ganz offensichtlich. Und überhaupt, was spricht gegen den Duft frischer Brötchen vor dem Iglu-Zelt? Eigentlich nur das Gewicht des Ofens. Weil der Mensch eben auf Dauer nicht mehr als elf Kilo tragen kann, laden sich die Leute den „Actiontable“ von Snow Peak ins Auto, ein Klapptisch mit Holzplatte, „für wichtige Notebook-Arbeiten zwischendurch“, wie es im Katalog heißt oder das „Outwell Kitchen Table“ – die komplette Küchenzeile zum Zusammenklappen. Und irgendwann landen sie vielleicht bei „Freizeit-Wittke“ in Berlin-Tegel.

Pavel Wittke rüstet Wohnwagen und -mobile aus. Mit 3000 Quadratmetern wäre sein Geschäft in Holland ein Zwerg. Dort, im Mutterland der Wohnwagenfahrer, gibt es Campingausstatter auf 40 000 Quadratmetern, so groß wie die Potsdamer-Platz-Arkaden.

Hier zu Lande plagt sich die Branche immer noch mit einem Image-Problem. Wohnwagen, da denken viele an den Dauercamper, sozusagen der arme Bruder des Kleingärtners, der keine Unabhängigkeit, sondern seine Ruhe haben will. Dabei hatte der Wohnwagen mal die Chance, fester Bestandteil der deutschen Klassik zu werden. Weil schon Goethe mit dem Wohnwagen verreist ist, 1792 nach Valmy. Der Dichter selbst hat seinem Eckermann zwar vorgemacht, er habe die Nächte in einem unbequemen Zelt auf dem Boden verbracht, aber das war gelogen. Augenzeugen beobachteten, dass sich Goethe in Wirklichkeit in einen mit Pferden bespannten Wohnwagen zurückzog, ausgestattet mit Diwan, Schreibtisch und Waschbecken in Porzellan. Und wenn er mehr Bekennermut gehabt hätte, der Wohnwagen wäre damals schon zum angemessenen Feriendomizil aller Studienräte aufgestiegen.

Goethe hat den Trend seinerzeit schon mal vorweggenommen. „Luxus“, sagt Pawel Wittke, das ist es, was die Leute wünschen. Materialien und Ausstattung werden immer ausgefeilter. Weshalb der Wohnwagenfahrer mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hat, wie der Rucksacktourist: Das Fahrzeug ist sehr schnell überladen. Bei Wittke geht es also ebenfalls ums Gewicht. Trotzdem muss man im Wohnwagen nicht auf Sektgläser verzichten. Die sind freilich nicht aus Glas, sondern aus einem Carbon-Material. So ein Glas kostet zehn Euro, dafür kann man sich auch draufstellen oder sogar drauf rumwippen, was Wittke gern gleich vorführt.

Das mit der Gewichtsbeschränkung ist wirklich bedauerlich. Weil nämlich das Zuhause geradezu täuschend echt simuliert werden kann. Bis hin zu Zentralheizung, Warmwasserboiler und Fernseher mit Satellitenempfang. Was also hält Wittke für verzichtbar? Die Waschmaschine für unterwegs zum Beispiel, die gibt es wahlweise mit Handkurbel und in elektrisch, oder der Geschirrspüler für unterwegs. Diese Geräte würden nicht so gut nachgefragt, sagt der Mann, der auch im Laden seine Outdoor-Weste nie ablegt. Darin ähnelt er übrigens den Globetrotter-Leuten, die tragen auch alle solch eine Weste. Der Geschirrspüler sei einfach zu schwer. Außerdem verbrauche er zu viel Strom.

Strom, da ist sich Wittke sicher, das wird bei ihm das große Thema der Saison. Die Leute würden sich ja auch am Abend nicht mehr mit Kerzenschein begnügen. Die kaufen Led-Lampen, so eine Laterne brennt mit einer Batteriefüllung zehn Tage. Aber damit kann man natürlich keinen Fernseher betreiben. Also würde verstärkt nach Möglichkeiten gesucht, Strom selbst herzustellen.

Schon gibt es Wohnwagen mit Brennstoffzellen, auch wenn die teure Technik sich bislang nicht durchsetzen konnte. Und voll im Trend liegen Solarzellen, sowohl für Rucksackträger – solargetriebene Ladegeräte gibt es bei Globetrotter in klein – als auch für das Wohnwagendach. Wittke montiert komplette Anlagen, damit die Leute es auch in Lappland noch haben wie zu Hause. Wobei es dort im Sommer ja gar nicht dunkel wird. Aber wer will schon auf Dauer von der Natur abhängig sein?

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