Zeitung Heute : Der Preis der schönen Dinge

Antiquitäten, Gemälde, Porzellan: Berlins Messe für alte Kunst zeigt ab heute ausgesuchte Objekte im Automobil Forum Unter den Linden

Wolf Jobst Siedler

Berlin ist bescheiden geworden. Einst, in der Kaiserzeit wie in der Weimarer Zeit, war die Stadt der zentrale Ort, um den sich der deutsche, fast der europäische Kunst- und Antiquitätenhandel drehte. Hier kamen die großen Franzosen zum ersten Mal zur Geltung, lange vor Paris selber.

Die Berliner Museen kauften ja nicht nur Manet, Renoir, Cézanne und van Gogh als erste Staatliche Sammlungen, sondern auch, wer danach gekommen war. Picasso, Braque und Mattisse mussten den Weg über Berlin gehen, um in der Welt zu reüssieren. Durch Wilhelm von Bode, den Generaldirektor der Staatlichen Museen, wurde Berlin auch eine Stadt der Kenner und Sammler, sowohl was Gemälde als auch was Kunstgewerbe anlangt, also Möbel, Porzellan und Tapisserien.

Nach der Gründung des Kaiserreichs zog in den neunziger Jahren nach Berlin, wer das große Kapital erreichen wollte, was nicht selten in den Händen jüdischer Bankiers wie Mendelssohn oder Unternehmer wie Rathenau lag. Lang ist das her. Die Galerien, die damals Weltruhm hatten, waren in der Gegend um die Matthäikirche am Kemper- oder am Lützowplatz konzentriert, mit Ausläufern in der Eisenacher- und in der Keithstraße. Jetzt ist man froh, dass es überhaupt noch einige Geschäfte gibt, deren Besuch sich lohnt. Die Kunst folgt dem Geld, auch auf diesem Felde. So muss man für jede Anstrengung dankbar sein, im verarmten Berlin wenigstens ein wenig von dem einstigen Glanz zurückzugewinnen. Das war, lange vor der Wende, die „Orangerie“ vom Schloss Charlottenburg, der es 1982 vor allem durch die Dynamik Bernd Schultzes gelang, einige der besten Händler nicht nur aus Berlin, sondern auch aus München, Hamburg und selbst kleineren Orten wie Wiesbaden nach Berlin zu ziehen. Nach internen Querelen scheiterte dieses Unternehmen, das nur dreizehn Jahre durchgehalten hatte.

Seitdem gab es mehrere Versuche, die „Orangerie“ in anderer Form wiederzuerwecken, aber es wurde nichts Rechtes daraus. Seit einigen Jahren ist die „Orangerie“, die sich jetzt „Ars Nobilis“ nennt, „Unter den Linden“ zu Hause, wo ihr das „Automobil Forum“ für jeweils zehn Tage Gastrecht gibt. Es ist eine kleine, aber unverächtliche Gruppe von Händlern, die sich da zusammengetan haben. Fast die Hälfte von ihnen kommt aus dem Westen, aus Bremen, Hamburg, Kiel, Würzburg, Bad Breisig, München und Aachen. Wahrscheinlich hat sie nicht der Gedanke verführt, in Berlin ein besonders zahlungskräftiges Publikum zu finden, aber da man sich in dem „Prachtboulevard“ von einst präsentiert, geht man wohl von der richtigen Hoffnung aus, dass man hier Berlin-Besucher erreicht. Die wenigsten Berliner Kunsthandlungen sind ja von sich aus so attraktiv, dass es das Publikum zu ihnen zieht. Aber wenn anderthalb Dutzend große Händler zusammen auftreten, hat man eher Chancen, auf sich aufmerksam zu machen. Man möchte es ihnen und Berlin wünschen. Wenn Berlin schon aus sich selber heraus wenig darstellt, muss es wenigstens versuchen, in Gemeinschaft attraktiv zu werden.

Lohnt sich in diesem Jahr der Weg in das Automobil Forum? Nun ja, man darf nur nicht zu hohe Erwartungen haben. Es werden einzelne interessante Objekte gezeigt, aber ihretwegen wird niemand aus London, Paris oder Rom nach Berlin reisen. Für deutsche und Berliner Sammler ist diese vorübergehende Konzentration aber durchaus attraktiv. Eine sehr schöne Potsdamer Kommode aus der Mitte des 18. Jahrhunderts fällt auf, der Katalog belehrt uns, dass sie „allseitig bombiert sei, auf Weichholzkorpus furniert mit allseitiger Rautenmarketerie und originalen Beschlägen“ versehen ist. Das Stück mag heute besonderes Interesse finden, da es zwar zur Zeit Friedrichs des Großen gearbeitet wurde, aber bürgerlich-bescheiden gehalten ist und in seiner Zurückhaltung nicht ganz so schlossartig ist wie die großen Kommoden aus Sanssouci oder dem Marmorpalais.

Für den Sammler von Berolinensen werden eher zwei kleine Trouvaillen da sein, eine sehr markante Kohlezeichnung von Max Liebermann, das gut als märkisches Bauernhaus passieren kann, und eine Bleistiftzeichnung von Anton von Werner, die Bismarck bei der Begrüßung von Graf Schuwalow und Graf Andrassy zeigt, dem russischen und dem habsburgischen Botschafter auf dem „Berliner Kongress“. Die Arbeit von Anton von Werner, einem sehr begabten, aber unzeitgemäß arbeitenden Maler, ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert – obwohl man wünschte, es gäbe eine Zeichnung von Menzel oder von Liebermann von derselben Situation. In diesen Jahren war Berlin tatsächlich ein „ehrlicher Makler“ zwischen den Mächten Europas. Gerade der „Berliner Kongress“ von 1878 zeigte Berlin auf dem Höhepunkt seiner europäischen Geltung. Insofern ist die kleine Zeichnung – die Hauptgruppe eines Monumentalbildes – in historischer Hinsicht bedeutender als in kunstgeschichtlicher. Man betrachtet die Arbeit mit jener Melancholie, in die alles Denken über die einstige Bedeutung Berlins mündet. Statt großer Industrieller und Bankiers haben wir jetzt einige hundert Bundestagsabgeordnete, und die können Berlin weiß Gott nicht den Glanz verschaffen, von dem der alte Grunewald, Dahlem und der Kleine Wannsee noch heute zeugen.

Natürlich gibt es auch sonst schöne Dinge auf der Ars Nobilis: Pariser Kommoden aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und besonders bemerkenswerte deutsche Aufsatzöfen aus dem Jahre 1748 und ein reizvolles „reliefgedrechseltes“ Elfenbeinmedaillon Katharinas der Großen und eine Meißener Deckeltasse mit dem Bildnis Friedrichs aus dem Todesjahr des Königs. Es ist keine weltumstürzende Schau, die hier zusammengetragen wurde, aber eine reizvolle Sammlung, die den Besuch lohnt.

Ars Nobilis, Automobil Forum Unter den Linden (Ecke Friedrichstraße), bis 27. Oktober, Montag bis Freitag 11-20 Uhr, Sonnabend und Sonntag 10-18 Uhr. Weitere Informationen unter: www.arsnobilis- kunstmesse.de

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