Zeitung Heute : Der Prinzipal aus Bottrop

NAME

Von Christine Lemke-Matwey

Ich weiß nicht warum, aber Menschen mit Angewohnheiten werden immer seltener. Die fixen Ideen, Marotten, Spleens und verrückten Ticks, sie verschwinden einfach. Wie ein Raucherbein abstirbt oder das Basilikumtöpfchen auf dem Küchenfensterbrett verdorrt. Wie Dinge gehen und nie wiederkehren. Fritzis Mutter aber, oho, hat Angewohnheiten. Eine ihrer liebsten ist es, das üppige Haar knisternd nach hinten zu werfen, den rechten Zeigefinger in die Luft zu strecken und jedwedes Stimmengewirr mit einem einzigen Ausruf zu ersticken: „Und jetzt ein Thema!“. Jüngst befand sie, das Thema sei die Leidenschaft, und unseligerweise blieb ihr Blick dabei an mir hängen, weshalb ich rasch Einschlägiges von Grillparzer murmelte, von wegen Leidenschaft sei das, was Leiden schafft. Oder so ähnlich.

Die anderen schwiegen beflissen, Fritzis Mutter lupfte die linke Augenbraue. Leidenschaft, hörte ich mich stammeln, keine Kultur ohne Leidenschaft und, hoffentlich!, keine Musik ohne ein glühend’ Messer in der Brust! Leidenschaft wühlt immer in schwärzestem Moll, Leidenschaft schert sich um nix, Leidenschaft kann die Welt retten und im nächsten Augenblick der Hölle Rachen entzünden. Fritzis Mutter lupfte die rechte Braue, ich kam in Fahrt. Einer der leidenschaftlichsten Menschen, die mir in meinem leidenschaftlich klassischen Leben je begegnet sind, schwärmte ich, war August Everding, der letzte Theaterprinzipal, der Katholik aus Bottrop, den sie in jungen Jahren schon „Cleverding“ nannten, weil er es so gut verstand, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Die mütterlichen Augen begannen zu leuchten. Am Beispiel des starken August, flüsterte ich, könne man studieren, dass Leidenschaft weder etwas mit Hysterie zu tun habe noch mit Wahn oder anderen affektuösen Krankheiten. Denn der Everding ist so leidenschaftlich vom Recht der Kunst in dieser Welt beseelt gewesen, dass er stets in schwarzen Samtpantöffelchen durch „sein“ Münchner Prinzregententheater trippelte (das Modell mit Steppnähten im Rautencharakter) und den ganzen Tag Champagner trank; der Everding war so leidenschaftlich von der Macht der Musik besessen, dass er seine vier Söhne noch am heiligen Sonntag früh um sechs wahlweise mit einer Blockflöte oder einer Maultrommel aus den Betten trieb, und sich höchstens fürs Fernseh-Porträt mal zwei hibbelige Minuten lang in einen Liegestuhl legte.

Und als mir in Chicago, wo der Everding einen treuherzigen „Ring“ aus der Taufe hob, die Klimaanlage der Lyric Opera spätestens zur „Walküre“ eine fiese Stirnhöhlenvereiterung bescherte, da schickte er ein Billett ins Hotel. Darauf ein einziges Wort: „Hojotoho!“ Leidenschaft, das wusste er, löst jeden Krankenstand. Fritzis Mutter war längst dahingeschmolzen. Nur ihr Haar, das knisterte noch leise.

Die Autorin ist Musikredakteurin

des Tagesspiegel.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben