Zeitung Heute : Der Privatier

Henning Scherf hat lange in Bremen regiert. Wie lebt er nun im Ruhestand? In einer Wohngemeinschaft – und seine Kinder spotten darüber.

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Von Verena Mayer

Frisch pensioniert, hat der am längsten regierende Politiker Deutschlands erst einmal das gemacht, was vermutlich alle Rentner tun: Er hat bei sich zu Hause umgeräumt. Henning Scherf, 67, bis zum letzten Herbst Bürgermeister von Bremen, jetzt Privatier, hat alte Birkenholzregale ab- und andere wieder aufgebaut. Er hat die Platte einer ausrangierten elektrischen Eisenbahn genommen und daraus einen neuen Schreibtisch gemacht. Er hat sich einen ISDN-Nebenanschluss legen lassen.

Wie so viele andere Männer seines Alters hat Scherf keine offiziellen Aufgaben mehr, dafür ein eigenes Reich. Scherfs liegt im Keller des Hauses, in dem er mit seiner Frau Luise lebt, einer pensionierten Lehrerin. Es ist eine kleine Souterrainwohnung, mehr Gästezimmer als Arbeitsplatz. Vom Schreibtisch aus blickt man durch ein großes Fenster auf einen Garten, dahinter ragen die 70er-Jahre-Hochhäuser des Bremer Bahnhofsviertels auf. Das Interieur ist eine Mischung aus Ikea und norddeutscher Gediegenheit, die immer etwas Nachlässiges hat. Holzdielen, ein verknautschtes Sofa, Antiquitäten, Kunst. Bücherregale säumen die Wände, die Werke Helmut Schmidts und Willy Brandts bilden weithin sichtbare Blöcke. Auf dem Boden steht eine Collage: ein Foto Willy Brandts mit ausgestreckter Hand, in der befinden sich die Köpfe von Henning Scherf und einem guten Freund von diesem. Das Bild hat eine Bekannte gemacht, zum Zeichen, dass alle in Brandts Hand sind.

Die Bücher und das Bild sind Überreste einer jahrzehntelangen Karriere im Dienst der SPD, an anderer Stelle ist schon zu sehen, was das neue Leben bringen wird. Im obersten Regal steht eine Batterie Aktenmappen, alle fein säuberlich beschriftet. „Buch“, „Englisch-Kurs“, „Orgel-Kurs“, „Mal-Kurs“ steht auf den Schildchen in den Sichtfenstern. Henning Scherf hat sich viel vorgenommen. Ehrenamtliche Tätigkeiten und ein Sachbuch zum Beispiel. Es wird vom Alter handeln und soll „die Antwort auf Frank Schirrmacher sein, ich will die Chancen benennen, das, was unser Leben möglich macht“. Scherf wird viel zu Hause sein in nächster Zeit. So weit, so normal. Die Lebensumstände unterscheiden sich allerdings von denen anderer Polit-Pensionäre. Der Bürgermeister a. D. lebt in einer Wohngemeinschaft.

Acht Leute unter einem Dach: Scherfs Frau spricht von einer „Hausgemeinschaft“, Scherf selbst nennt sie „WG“. Die meisten von ihnen wohnen seit fast zwei Jahrzehnten unter einem Dach, sie sind über 60 Jahre alt und aus ihren Berufen „schon raus“, wie Henning Scherf sagt. Räumlich sieht das so aus, dass alle Bewohner ihren abgetrennten Bereich haben, kleine Wohnungen, die separat begehbar sind. Ansonsten ist man einander ausgesetzt wie in jeder anderen WG auch. Es werden Rituale praktiziert, jedes Wochenende etwa trifft man sich zum gemeinsamen Frühstück, die Verantwortung dafür geht reihum. Und es gibt einen strengen Plan, wer wofür zuständig ist. Henning Scherf hat den Garten übernommen.

Und warum tut man sich so etwas mit Mitte 60 an?

Henning Scherf lässt sich auf das verknautschte Sofa fallen und zieht die Beine an. Er ist mehr als zwei Meter groß, man merkt das daran, dass er immer damit beschäftigt ist, sich so zusammenzufalten, dass das Gegenüber nicht durch seine Größe in Verlegenheit gebracht wird. Scherf ist in einer kleinbürgerlichen Familie in Bremen groß geworden, mit fünf Geschwistern und einem in der Bekennenden Kirche engagierten Vater, der während der NS-Zeit jüdischen Freunden Unterschlupf bot. Die Großmutter hat ebenfalls bei ihnen gelebt, er sei es gewohnt gewesen, Leute um sich zu haben, sagt Henning Scherf.

Mit 25, nach einem Jura-Studium und einem Intermezzo bei der Staatsanwaltschaft, begann sein schneller Aufstieg bei der SPD. 1978 wurde Scherf als Finanzsenator erstmals Regierungsmitglied – und blieb seitdem ununterbrochen am Ball, so lange wie kein anderer Politiker. In allen möglichen Funktionen, seit 1995 schließlich als Präsident des Senats, also Bürgermeister. Scherf heiratete, gründete eine Familie, und dann kam der Tag, an dem die Kinder aus dem Haus waren, obwohl Scherf am liebsten mit ihnen zusammengelebt hätte, so wie er es von zu Hause kannte. Er und seine Frau fragten sich, wie es weitergehen soll. Im Freundeskreis kam man schließlich auf die Idee, dass man doch zusammenziehen könne, 18 Leute waren am Anfang Feuer und Flamme. Eine geeignete Liegenschaft wurde gesucht, es fand sich eine alte Villa im Bahnhofsviertel, eigentlich ein Spekulationsobjekt. Scherf und seine Mitbewohner kauften sie und bauten sie um. Die Kinder tippten sich indessen an die Stirn und nannten ihre Eltern „postpubertäre Romantiker“.

Es klingelt an der Tür. Die Englisch-Lehrerin ist gekommen. Fremdsprachen gehören ebenfalls zu den Agenden, die sich Scherf für die nächste Zeit vorgenommen hat, er geht nach oben in die Wohnung, die er mit seiner Frau teilt. Im Wohnzimmer steht ein Flügel, in der Küche sitzt schon eine andere Bewohnerin der Hausgemeinschaft, auch sie will Englisch lernen. Eine Stunde lang erfüllen englische Sätze und Gelächter das Haus. Der Besuch darf indessen, mit Tee und Keksen versorgt, allein in der Arbeitswohnung bleiben, mit dem Bildnis Brandts.

Für seinen unkonventionellen Stil erlangte Henning Scherf als Politiker überregionale Berühmtheit. Bürgermeister sind immer auch Vaterfiguren, und Henning Scherf war einer dieser Väter, die ihre Autorität dadurch gewinnen, dass sie bei allem mitmachen. Er übernachtete bei Hausbesetzern und nahm an den Demonstrationen gegen die Pershing II-Basis in Mutlangen teil. Er trat als Klaviersolist auf und stand vor Fußballspielen seines SV Werder Bremen geduldig am Eingangstor mit den Fans Schlange. Er taufte sein Kajak „Adelante!“ („Vorwärts!“) und ging eine Zeit lang als Kaffeepflücker nach Nicaragua. Zur Arbeit fuhr er mit dem Fahrrad.

Henning Scherf sagt oft „der Laden“, womit er entweder seine Wohngemeinschaft oder die SPD meint. Das Private und das Politische vermischen sich bei ihm ständig. Scherf hat kein Problem, in der Öffentlichkeit über seine Lebensverhältnisse zu sprechen oder Journalisten nach Hause zu bitten. Die Gegner seiner politischen Entscheidungen zogen daher auch meist gleich vor das Haus des Bürgermeisters, um zu demonstrieren. Einer bestimmten Generation will sich Scherf aber nicht zurechnen, schon gar nicht will er in die „68er-Schublade“ gesteckt werden. Bevor es damals richtig wild losging, sei er schon lange weg gewesen von der Universität. Am liebsten redet Henning Scherf über sich als „Dienstältester“ und darüber, dass man sich in jeder Situation bewähren muss. Auch wenn man schon viel erreicht habe. Von den „Mühen der Ebene“ spricht er, das ist aus der Bibel. Scherfs Verständnis von Sozialdemokratie hat nichts mit Revolution von unten zu tun, dafür viel mit christlichen Werten und norddeutschem Arbeitsethos.

Er kommt zurück. Der Eindruck, den die Lehrerin hinterlassen hat, ist gut, aber sie sei nicht streng genug. „Die muss korrigieren, korrigieren, korrigieren!“, sagt Scherf. Mit der Englischlehrerin wird es erst einmal eine Testphase geben, „das ist wie in einer Ehe, man muss immer etwas dafür tun. Ehen scheitern daran, dass man nicht genug tut“. Überhaupt ist „Arbeit“ eines der Lieblingsworte von Henning Scherf. Dass man investieren, sich auf die Dinge einlassen müsse. Und so war es auch mit der WG: Es war Arbeit. Bevor die Bewohner zusammenzogen, verwendeten sie erst einmal sehr viel Zeit darauf, sich richtig kennen zu lernen. Man ging wandern und verbrachte ausgedehnte Urlaube in Ferienwohnungen, wo man miteinander auskommen musste. Einige sprangen wieder ab, sechs Bewohner von damals sind bis heute dabei, darunter ein katholischer Priester.

Es gab lange Diskussionen, wie viel Nähe sein sollte, dann kam die Phase der Planung, in der alle Mitbewohner einem Architekten ihre Wünsche mitteilen konnten. Die WG war von Anfang an darauf angelegt, alles zu teilen. Das Haus wurde rollstuhlgerecht geplant und eine Fahrstuhlvorrichtung wurde eingebaut, für das Alter. Es gibt sehr gute Zeiten, die Bewohner unternehmen viel gemeinsam, gehen ins Kino oder in die Kirche, machen Ausflüge, „das füllt uns inhaltlich, wir denken nicht nur, wie kriegen wir unsere Tage rum“. Und es gab sehr schlechte Zeiten. Zwei Bewohner sind gestorben, eine Mitbewohnerin hatte Knochenkrebs, die Wohngemeinschaft hat sie bis zum Schluss gepflegt. Als „Alten-WG“ will Scherf sein Lebensmodell allerdings nicht bezeichnet wissen, eher schon als Möglichkeit, in einer älter werdenden Gesellschaft nicht zu vereinsamen. Es gehe darum, „wie man sich in so einer Nähe einüben kann, dass man auch die Angst vor dem Tod gemeinsam angehen kann“.

Inzwischen seien auch die Kinder wieder öfter bei ihm, mit eigenen Kindern. Zu Weihnachten waren sie 18 Leute, Scherf erzählt das mit einer gewissen Genugtuung. Auch für die Mitbewohner ist es jetzt einfacher, seit Henning Scherf, wie sie, „raus“ aus dem Job ist. Scherfs Prominenz hat ihnen schon sehr zu schaffen gemacht, der Bürgermeister hatte keine Bodyguards und ließ sein Haus nicht bewachen, einmal legte ein psychisch kranker Mann Feuer. In die Medien darf Scherf seine Mitbewohner bis heute nicht bringen, das war von Anfang an ausgemacht, und daran hat er sich gehalten.

Und was ist sein Patentrezept für eine gute WG? „Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit“, sagt Scherf. „Und die richtigen Leute zu finden. Das ist fast so schwierig, wie den richtigen Partner zu finden.“

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