Zeitung Heute : Der Problemlöser

Udo Schulte kennt fast jeder – und er kennt fast jeden. Der Mann ist seit 33 Jahren im Werk Marienfelde

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Er begrüßt uns mit einem strahlenden Lächeln – Udo Schulte. Leiter Materialversorgung und Transport steht auf seiner Visitenkarte. Er zählt zu den wenigen, bei denen man meint, sie seien schon immer im Werk gewesen, gleichsam ein Stück Inventar. Jeder kennt Schulte – und Schulte fast jeden. Kein Wunder, denn wenn man seine Jahre in Marienfelde zusammenrechnet, dann kommen da schon 33 zusammen. Fast ein ganzes Arbeitsleben. Einzelhandels-Kaufmann hat er gelernt. Um Geld zu verdienen, ging er in jungen Jahren zu Siemens & Schuckert, arbeitete in der Schmelzerei. Und dann hörte er, dass man bei Daimler Mitarbeiter suchte. Seine Bewerbung hatte Erfolg und am 27. Januar 1969 trat er an – als Hilfsarbeiter in der Kurbelgehäusestraße im damaligen Bau 2 – für einen Stundenlohn von 4,35 DM und mit einem Dreijahresvertrag. Eine gewaltige Maschine, die ihn mehrfach überragte, war sein erster Arbeitsplatz – eine Honmaschine für Lkw-Kurbelgehäuse. Er lernte schnell, und bald hatte er 21 Maschinen zu betreuen, Drehmaschinen, Radialbohrer und andere. Dank seiner guten Maschinenkenntnisse wurde er zum Springer – also jemandem, der immer dort in die Bresche springen musste, wo ein Mitarbeiter ausfiel.

1973 bot sich eine neue Chance. Schulte wurde Terminsachbearbeiter. „Terminjäger“ nennt man Leute wie ihn, die dafür sorgen müssen, dass alle Einzelteile zu einer Kommission pünktlich fertig und zur Montage angeliefert werden. Eine Arbeit, die wie keine andere dazu zwang, im ganzen Werk unterwegs zu sein, jeden Arbeitsplatz zu kennen und auch die Kollegen an den verschiedenen Maschinen. Denn die galt es schließlich anzusprechen, wenn irgendein Teil noch nicht bearbeitet war. Und das natürlich auch im richtigen Ton. Eine Arbeit, die viel Menschenkenntnis und Geschick im Umgang mit den Kollegen verlangte.

Schulte beherrschte das ebenso wie er seine Teile kannte. Bis zu 1500 zwölftstellige Sachnummern hatte er damals im Kopf – und manche davon hat er selbst heute noch parat – wie die 856162241002 für eine Riemenscheibe. Ein geradezu phänomenales Gedächtnis. Schulte kannte das Werk bald bis zum letzten Winkel – und war überall bekannt wie ein bunter Hund. Ein Team von 15 Leuten waren sie, in dem er bis 1987 arbeitete. 14 Jahre, in denen er viele Werksleiter kommen und gehen sah, sieben waren es bislang. Und immer, wenn ein Wechsel anstand oder auch wichtiger Besuch erwartet wurde, dann wurde das Werk binnen weniger Stunden auf Vordermann gebracht, wurde geputzt und gestrichen, fast so wie bei unserem Besuch, wo man in keiner Ecke die Vorbereitungen für den 100. Geburtstag übersehen konnte.

Schulte erlebte, wie das Werk Anfang der 80er ausgebaut wurde und 1986 mit der Tauschmotorenfertigung begann, die sich schnell zu einem Spezialgebiet der Berliner entwickelte. Und er bekam eine neue Chance. In der Materialverwaltung war eine Führungsposition zu besetzen. Er bewarb sich und bekam den Job – Gruppenleiter Wareneingang. Alles, was ins Werk geliefert wird, geht seitdem über seinen Tisch und die seiner acht Mitarbeiter. Auch jene Geschenke, die man unmittelbar nach dem Fall der Mauer aus einem BVG-Bus heraus an die in Scharen in den Westen Berlins strömenden DDR-Bürger verteilte. Und er erinnert sich noch heute, wie er als Weihnachtsmann verkleidet am Potsdamer Platz stand und es ihm gelang, zwei Paletten Bier zu beschaffen, als seinen Leuten die Geschenke ausgingen. Schulte gehört zu den Menschen, die schwer „Nein“ sagen können, wenn ihnen neue Arbeit angeboten wird. Und so übernahm er 1995 zusätzlich zum Wareneingang auch die Lagerhaltung und 1998 schließlich den gesamten Werkstransport. Alles, was an Fahrzeugen, Staplern, Unimogs und anderem fahrbaren Gerät in Marienfelde unterwegs ist, hört letztlich auf Schultes Kommando. Folglich meldet sich natürlich auch jeder bei ihm, der ein Transportproblem hat – und bislang hat er immer eine Lösung gefunden. Auch wenn es um auf den ersten Blick so banale Dinge wie Leergut geht. Doch wo etwas transportiert werden muss, braucht man nun einmal eine „Kiste“. Schulze hat auch die im Griff.

Im Lauf der Jahre hat er sich zu einer wahren „Schlüsselfigur“ für Marienfelde entwickelt. Über viele Jahre hatte er sogar mit einem Zentralschlüssel Zugang zu jeder Ecke des Werkes. Und das kennt er heute noch besser, als zu seinen Terminjägerzeiten – heute übrigens nennt man Terminjäger „Disponenten“. Wer so mit dem Werk verwachsen ist und mit seinen vielen Verantwortlichkeiten wie eine Spinne im Netz sitzt, muss allerdings auch in Kauf nehmen, dass er rund um die Uhr angesprochen wird. Und wenn dann irgenwann zwischen Mitternacht und Morgen ein staugeplagter italienischer Trucker am Werkstor steht und niemand so recht weiß, was mit seiner Ladung geschehen soll – Schulte weiß auch um diese Zeit telefonisch Rat.

Welch ein Glück, dass seine Frau uneingeschränkt mitspielt – „manchmal allerdings sagt sie auch Herr Daimler zu mir“. Schulte arbeitet gern. Und wenn man sein fröhliches Lachen hört, dann glaubt man ihm durchaus, dass er jeden Tag mit Freude an die Arbeit geht. Doch Schulte ist Jahrgang 1941. Da lässt sich langsam absehen, wann er seinen Schreibtisch räumen, „sein“ Werk verlassen wird. Er hat vorgesorgt, hat die, die ihn vertreten können, längst eingearbeitet. Trotzdem wird dem Werk etwas fehlen, wenn er gegangen ist.

Und auch ihm wird etwas fehlen. Aber er wird sich mit Sicherheit nicht langweilen. Denn dann hat er mehr Zeit für seinen Garten, kann unbeschwert mit den vier Enkeln toben, die ihm seine beiden Töchter geboren haben, und hat Zeit am Bildschirm seines Computers zu sitzen. Denn zu seinen Hobbys gehört neben der Fotografie auch die Bildbearbeitung am PC. Ein halbes Dutzend Programme hat er mittlerweile dafür – und das allein bedeutet schon Beschäftigung für Jahre. ivd

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