Zeitung Heute : Der Prokurist des Terrors

Er hat Mohammed Attas Testament unterschrieben. Und er soll einem anderen Attentäter Geld für die Flugausbildung überwiesen haben. Zum ersten Mal steht mit Mounir Al Motassadeq ein Al-Qaida-Mann vor Gericht. Gelangweilt gibt er sich – und sagt dann doch noch etwas Neues.

Frank Jansen[Hamburg]

Der Druck erscheint ungeheuer. Ein schmächtiger, blasser Angeklagter mit schütterem Vollbart sitzt unter Neonlicht in einer Gerichtsfestung, wie sie in der Bundesrepublik selten zu besichtigen ist. Da ragen im Saal 237 des Hamburger „Hanseatischen Oberlandesgerichts“ neoklassizistische Holzsäulen in die Höhe, ringsum sind die Mauern düster mit Eiche getäfelt. Eine Wand aus Plexiglasscheiben trennt die Zuschauer von den Prozessakteuren, über dem schusssicheren Raumteiler spannt sich ein Netz bis zur Decke. Dort gleißen mehr als 100 Lichtröhren. Auf dem Podium sitzt der 3. Strafsenat, sechs Richter und eine Richterin. Die Bundesanwaltschaft ist gleich mit drei Mann aufmarschiert. Neben dem Angeklagten sitzen nur zwei Verteidiger. Doch Mounir Al Motassadeq zeigt sich unbeeindruckt. Soll sich der deutsche Rechtsstaat beim weltweit ersten Prozess zum Terrorangriff auf die USA ruhig mit Wucht präsentieren. Als Bundesanwalt Kai Lohse die Anklage verliest, blättert der 28 Jahre alte Familienvater gar nicht erst mit. Die Vorwürfe scheinen ihn zu langweilen. Al Motassadeq, seit zehn Monaten in Untersuchungshaft, will selber reden.

Lohse sagt, der Angeklagte habe „mit dem Willen und dem Bewusstsein“ gehandelt, „die Vorbereitungen der Anschläge vom 11.September 2001 zu unterstützen“.Al Motassadeq kratzt sich an der Nase. Der Bundesanwalt hält ihm vor, er habe „an der planmäßigen Verschleierung der Lebensverhältnisse“ der Hamburger Gruppe um die Terrorpiloten Mohammed Atta, Marwan Al Shehhi und Ziad Jarrah mitgewirkt. Al Motassadeq stützt den Kopf auf die rechte Hand. „Eine maßgebliche Rolle kam ihm jedoch bei der Finanzierung der terroristischen Aktivitäten der Vereinigung zu“, sagt Lohse. Al Motassadeq tippt mit seinem rechten Zeigefinger ans rechte Auge. „Darüber hinaus hatte er Ende November 1999 kurz vor Abreise des Al Shehhi nach Afghanistan eine Vollmacht für dessen Konto und die dazugehörige EC-Karte erhalten.“ Die linke Hand streicht sachte über das bärtige Kinn. „So überwies er in Kenntnis des Verwendungszwecks Geld vom Konto des Al Shehhi an Binalshibh, das dieser an Al Shehhi in den USA zur Finanzierung seiner Flugausbildung weiterleitete.“ Der Zeigefinger streift wieder das rechte Auge. Als der Bundesanwalt zum Schluss anfügt, die Zahl der im Anklagesatz genannten Opfer des 11.September habe sich von 3116 auf 3045 verringert, ruht der Finger auf dem linken Auge.

Bevor Al Motassadeq endlich loslegen kann, empört sich noch sein Anwalt Hartmut Jacobi. Der 65-Jährige, mit einem üppigeren Vollbart gesegnet als sein Mandant, hält der Bundesanwaltschaft und den Medien vor, sie hätten den Angeklagten „zum Terrorfürsten“ gemacht. Jacobi appelliert an das Gericht, es möge „ohne Eifer, Zorn und Empörung“ einen fairen Prozess führen. Der 3. Senat bleibt gelassen. Aufregung in spektakulären Verfahren ist der Vorsitzende Richter gewohnt. Albrecht Mentz hat 1996 das Verfahren gegen die palästinensische Terroristin Souhaila Andrawes geleitet, die 1977 zu den Entführern der „Landshut“ zählte. Für den 64 Jahre alten Richter mit dem hageren Gesicht hat nun der letzte große Prozess begonnen. Und seine Erfahrung scheint ihm zu sagen: Wenn Al Motassadeq reden will, soll er es ruhig tun.

Mentz fragt: „Hatte Herr Atta eine besondere Rolle im Kreis Ihrer Freunde?“ Al Motassadeq stützt den rechten Arm auf den Tisch. „Ich habe nicht gesehen, dass er Macht über andere hat. Er hatte ein Prinzip. Atta war eben durch sein Verhalten respektiert. Wenn er redete, war er ruhig. Er sagte nichts über Gewalt.“ Doch dann reißt es Al Motassadeq weg. Er erzählt, Atta habe Anfang 2000 über Afghanistan nach Tschetschenien reisen wollen, um dort mitzukämpfen. Aber „die Brüder“ in Afghanistan hätten gewarnt: Tschetschenien sei gefährlich, und die Kämpfer dort bräuchten keine Leute mehr. Mentz fragt beharrlich nach. Warum kam Atta dann erst nach mehreren Monaten zurück? „Ich habe vielleicht gedacht, dass er, äh, dass er ein bisschen sich militärisch ausgebildet hat.“ Und dann fällt ein Tabu: Al Motassadeq gibt zu, auch in Afghanistan gewesen zu sein. Das hat der Marokkaner bislang immer bestritten. Die Bundesanwaltschaft ist sicher, Atta habe in Afghanistan mit Osama bin Laden die Anschläge in den USA geplant.

Mit seinen schnellen Antworten gibt Al Motassadeq das Tempo vor. Ohne es immer kontrollieren zu können. Richter Mentz will wissen, warum Atta sich entschloss, ein Testament zu machen – das Al Motassadeq unterschrieb. „Das ist ein Vordruck, den gibt es in den Moscheen. Das ist ein Testament für alle Muslime, wo man sagt, wenn man stirbt, muss man drei Mal gewaschen werden, rechts, links. Das stammt alles aus dem Koran.“ Warum musste so ein Testament ausgestellt werden? „Im Vordruck steht, das ist eine Anweisung des Propheten.“ Mentz bohrt weiter. Haben Sie auch so ein Testament gemacht? „Ich glaube, ich hatte eins. Aber ich weiß nicht, wo es ist.“ Sie haben gesagt, zwei Zeugen müssen unterschreiben. Wer hat bei Ihnen unterschrieben? „Ich weiß nicht, mein Vater vielleicht.“ Wer war der zweite Zeuge? „Ich kann mich nicht erinnern.“ Wenn Sie keine zwei Zeugen für Ihr Testament kennen und nicht wissen, wo es ist, haben Sie doch das Gebot des Propheten nicht eingehalten. Jetzt zögert Al Motassadeq doch. Dann sagt er „ja“. Als sei es ihm egal, was die Umgebung über ihn denkt, in der er sich zwangsweise befindet.

Jetzt verschärft die Bundesanwaltschaft das Tempo. Haben Sie sich mit Atta über Osama bin Laden unterhalten? „Soweit ich mich erinnern kann, nicht.“ Haben Sie sich Kassetten von Osama bin Laden angehört? „Nein, er ist kein Gelehrter.“ Das schließt doch nicht aus, dass man sich Kassetten von ihm anhört. „Ich höre nur Kassetten von Gelehrten.“ Al Motassadeq ist eingeschnappt.

Richter Mentz hat mit seiner spröden Art, noch verstärkt durch den vornehm-hanseatischen Tonfall, mehr erreicht. In einer improvisierten Pressekonferenz seufzt Verteidiger Jacobi, „dass unser Mandant in Afghanistan war, ist neu“. Dann kann man ja auch den Rest erzählen. Ko-Anwalt Hans Leistritz verkündet, Al Motassadeq habe sich vier Wochen in einem afghanischen Ausbildungslager aufgehalten. Aber es gebe doch, beschwört der Verteidiger die staunenden Journalisten, Tausende Muslime, „die sind dorthin gepilgert und haben sich danach wieder in Beruf und Ausbildung betätigt“. Und beide Anwälte kündigen an: Al Motassadeq wird unvermindert weiterreden.

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