Zeitung Heute : Der Protestzug

Einmal am Tag fährt ein Zug von Serbien ins Kosovo. Doch die Linie, die Menschen verbinden sollte, trennt sie. Für die Serben ist jede Fahrt ein Symbol des Widerstands – für die Vereinten Nationen eine Niederlage

Ulrike Scheffer[Raska]

Morgens um acht wirkt der Bahnhof von Raska wie ein verlassener Ort. Nur ein Hund läuft in dem von Gras überwucherten Gleisbett spazieren, in der Ferne ist eine Gestalt mit Regenschirm auf den Schienen auszumachen. Von dem verwitterten Bahnhofsgebäude mit seiner hautfarbenen Fassade und den tiefroten Fenstereinfassungen fällt der Putz in ganzen Platten ab. Durch einige der Sprossenfenster dringt Licht aus den Büros der Bahnbeamten nach draußen auf den Bahnsteig. Drinnen sitzt Dragan Bavlovic, ein kräftiger Mann Mitte 20 mit Bürstenschnitt, und wartet wie jeden Morgen auf den Neun-Uhr-Zug aus dem Norden. Der zweite Zug, der hier jeden Tag durchkommt, ist vor Stunden nach Belgrad abgefahren. Nicht im Traum hätten Dragan Bavlovic und seine Kollegen gedacht, dass ihre Arbeit mal solches Aufsehen erregen könnte. Dass man sogar in New York über die südserbischen Zugfahrpläne spricht. Aber so ist es.

Seit dem 12. April fährt der Zug aus dem nördlichen Kraljevo jeden Tag bis ins Kosovo, wie früher, als die Gegend hier noch zu Jugoslawien gehörte. Der Vielvölkerstaat ist zerfallen und das Kosovo seit drei Monaten ein unabhängiger Staat, der keine serbischen Züge auf seinem Territorium duldet. Die serbische Staatsbahn fährt trotzdem – bis Zvecan kurz vor Mitrovica im Norden des Kosovo. Dort leben fast nur Serben, dort hat die serbische Regierung noch die Kontrolle. Der Zug, auf den Dragan Bavlovic wartet, ist Serbiens hilfloser Protest gegen eine Tatsache, die Belgrad nicht hinnehmen will: dass die frühere serbische Provinz ihre Unabhängigkeit erklärt hat. Aber er ist auch ein Symbol. Ein Zeichen dafür, dass Serbien sich nicht so einfach unterwirft. Auch nicht den Vereinten Nationen.

„Der Zug ist jetzt eben wieder serbisch“, sagt Bavlovic und zuckt mit den Schultern. Er sitzt hinter einem massiven Holzschreibtisch und sieht sich gemeinsam mit einem Freund eine Sportsendung im Fernsehen an. Das Gerät ist einer der wenigen Gegenstände aus der Moderne in dem kleinen Raum. Die riesige gusseiserne Apparatur mit großen Zeigern und noch größerer Kurbel, die Wählscheibentelefone und die ergrauten Gardinen, die sich stellenweise von den Stangen gelöst haben, stammen wohl noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Die jüngere Geschichte scheint an diesem Ort spurlos vorübergegangen zu sein.

An Joachim Rücker nicht. Im Zentrum der kosovarischen Hauptstadt Pristina, etwa 100 Kilometer von Raska entfernt, sitzt Rücker in einem Plattenbau mit seinen wichtigsten Mitarbeitern zusammen. Tägliche Morgenbesprechung im Hauptquartier der UN-Mission im Kosovo, kurz Unmik. Rücker, 56 Jahre alt, ein soignierter Herr mit zartgold umrandeter Brille, besten Umgangsformen und einem verbindlichen Lächeln, ist deren Chef. Als er noch Bürgermeister von Sindelfingen war, hatte er überschaubare Konflikte zu regeln. Hier liegen die Dinge anders.

Rücker wollte mit seinen Leuten aus Pristina abziehen, sobald Mitte Juni die neue Verfassung des nunmehr unabhängigen Kosovo in Kraft tritt. Dann sollte die Europäische Union den Aufbau des neuen Staates weiter überwachen. Rücker selbst soll einen hochrangigen Posten in der New Yorker UN-Zentrale bekommen, wie es heißt. Doch Serbiens Trotz hält den Diplomaten auf dem Balkan fest.

Für Belgrad ist die einst verhasste Unmik zu einem Faustpfand geworden. Solange der UN-Sicherheitsrat ihr Mandat nicht aufhebt, kann Serbien sich völkerrechtlich darauf berufen, dass das Kosovo noch immer Teil Serbiens ist. Zudem haben die Serben im Sicherheitsrat einen mächtigen Verbündeten, der einen solchen Beschluss verhindert: Russland. Also behält Rücker vorerst sein Büro in Pristina, in jenem Gebäude, in dem früher einmal die jugoslawische Volksarmee residierte. Ob er will oder nicht.

Seit 1999 verwalten die UN das mehrheitlich von Albanern bewohnte Kosovo. Ein blutiger Krieg und eine Intervention der Nato zugunsten der Albaner hatten das Zusammenleben von Albanern und Serben unmöglich gemacht. Die UN übernahmen auch den Zugverkehr zwischen Serbien und dem Kosovo. Wer dorthin wollte, musste vor der Grenze in einen Zug der Unmik umsteigen. Darauf hatten sich die serbische Regierung und die UN geeinigt.

Dass die Serben nun bis in den Norden des Kosovo fahren, bezeichnet Rücker als „Usurpation“. Ein Verstoß gegen das Hoheitsrecht des Kosovo. Rücker hätte seinen Beruf verfehlt, würde er nicht versuchen, die offensichtliche Niederlage der UN-Diplomatie als Sieg zu verkaufen. „Wir erscheinen nun nicht mehr zum verabredeten Rendezvous“, sagt er. Mit der Wirklichkeit hat das wenig zu tun.

Als die serbische Eisenbahn im März erstmals ins Kosovo eindringen wollte, brachte Rücker zunächst UN-Polizisten in Stellung, um die Strecke zu blockieren. Nach einigen Tagen wurde den Polizisten gedroht, sie würden überrollt. Seither lässt Rücker die Serben gewähren. Der UN–Zug fährt nicht mehr. „Uns fehlen die Ressourcen, um alle Herausforderungen gleichzeitig anzugehen, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben“, sagt Rücker. Übersetzt heißt das: Die UN-Polizei ist zu schwach, um sich zu wehren.

Im Bahnhof von Raska hält sich Dragan Bavlovic an seine tägliche Routine, Weltpolitik hin oder her. Seit Viertel vor neun klingelt in seinem Büro immer wieder eines der alten Telefone, der Zugführer gibt seine Position durch. Bavlovic notiert die Angaben in einer Art Logbuch, steht zwischendurch einmal auf, um die Kurbel an dem großen grünen Stahlkasten zu betätigen, und lehnt sich dann wieder entspannt auf seinem Stuhl zurück. Erst kurz nach neun zieht er seine dunkelblaue Jacke an, setzt die rote Mütze auf und tritt hinaus auf den Bahnsteig, wo sich inzwischen rund ein Dutzend Fahrgäste eingefunden hat. Aus der Ferne ist das Rattern des nahenden Zuges zu hören.

Es sind vor allem ältere Menschen, die einsteigen. Sie müssen lange suchen, bis sie einen freien Platz finden. Auf den roten Plüschsitzen drängen sich Frauen mit Kopftüchern und Männer mit abgewetzten Anzügen. Viele der Jüngeren tragen Trainingsanzüge, Imitate westlicher Marken. Die Originale kann sich hier niemand leisten. Die Eisenbahn ist in Serbien das Transportmittel der Armen. Die Holzverkleidungen an den Wänden wellen sich, die Gänge sind schmutzig und verraucht. Nur 100 Dinar, etwa 1,20 Euro, kostet die Fahrt bis zur Grenze des Kosovo. Busse sind deutlich teurer. „Jenseits der Grenze ist die Fahrt umsonst, da zahlt der Staat“, hatte der Beamte, der die Fahrscheine ausstellt, gesagt und laut gelacht. Den Bahnern geht es vergleichsweise gut. Sie haben einen festen Job und einige sogar eine Frau, die mitverdient. So wie Dragan Bavlovic. „Meine Frau ist Lehrerin. Wir kommen gut über die Runden.“

Edi, um die 40 und damit einer der jüngeren Fahrgäste im Zug, ist mit seiner Mutter und seiner Schwester unterwegs, um Verwandte im Norden des Kosovo zu besuchen. Alle drei sind arbeitslos, wie so viele im Süden Serbiens. Dort liegt die Arbeitslosenquote deutlich über dem Landesschnitt, in einigen Teilen ist fast jeder Zweite ohne Job. Während der Zug an kleinen Dörfern mit idyllischen Obstwiesen vorbeifährt, klagt Edi über die Isolation seines Landes. „Wenn wir uns nicht an Europa orientieren, sind wir verloren.“ Er ist deshalb Anhänger der Demokratischen Partei von Präsident Boris Tadic. „Die machen Realpolitik“, sagt er. Doch auch die Demokraten, die dem Westen zugetan sind, haben die Abspaltung des Kosovo nicht akzeptiert, was sie bei jeder Gelegenheit auch kundtun. Sie kommen allerdings ohne nationalistische Parolen aus, mit denen andere Parteien zu punkten versuchen und mit denen Menschen wie Edi wenig anfangen können.

Für sie zählen die praktischen Auswirkungen der neuen Situation. Früher, so erzählt einer, seien Serben, die mit 25 noch unverheiratet waren, ins Kosovo gefahren, um sich dort eine Frau zu kaufen. Zwischen 200 und 500 Euro hätten Männer den albanischen Familien bezahlt, und die hätten das Geld gern genommen. „Die sind schließlich noch ärmer als wir.“ Nun müssen sich die Serben ihre Bräute woanders suchen.

Mit der Unabhängigkeit des Kosovo ist der Kontakt zwischen Serben und Kosovo-Albanern fast völlig abgebrochen. Im Norden des neuen Staates leben fast nur Serben, jenseits der Ibar, des Flusses, der Mitrovica teilt, vor allem Albaner. Die wenigen serbischen Enklaven im Stammland der Albaner werden von Soldaten der internationalen Friedenstruppen wie Festungen bewacht. Dabei hatte die Unmik versucht, ein wenig „Multiethnizität“ aufrechtzuerhalten, wie es im UN-Jargon heißt. In ihrem Grenzzug beispielsweise hatte sie bewusst serbische wie albanische Schaffner und Sicherheitsleute eingesetzt. Damals trauten sich auch noch albanische Fahrgäste mitzufahren. Inzwischen fahren nur noch Serben. Als die serbische Eisenbahn ihre Übernahme vorbereitete, bot sie den Bahnern das Zwei- bis Dreifache ihres Gehalts an, falls sie die Seiten wechselten. Das taten vor allem die Serben unter ihnen; die Albaner blieben bei der Unmik. Sie warten darauf, dass der Spuk irgendwann ein Ende hat.

Die Serben denken aber nicht ans Aufgeben. Der Schaffner, der an diesem Morgen die Fahrkarten kontrolliert, gehört zu den Überläufern. Er trägt eine neue, serbische Uniform . Warum er nun für die serbische Bahn und nicht mehr für die UN arbeitet? „Weil ich ein Serbe bin“, sagt er und wendet sich schnell ab. Auf der Internetseite der serbischen Eisenbahn wird die „Übernahme“ der 60 Kilometer langen Bahnlinie wie ein militärischer Sieg gefeiert. „Heute, in den Morgenstunden des 12. März, hat die serbische Eisenbahn zum ersten Mal seit neun Jahren den Verkehr von Kraljevo nach Zvecan wieder aufgenommen“, schreibt der Bahndirektor des Landes. Und an den kleinen Bahnhöfen hinter der Grenze prangen neue Schilder mit dem Emblem der serbischen Eisenbahn.

An diesem Morgen passiert die serbische Bahn die Grenze zum Kosovo ohne Schwierigkeiten. UN und kosovarische Behörden haben die Zoll- und Grenzkontrollen nach einigen Attacken wieder eingestellt. Im Norden des Kosovo herrschen derzeit fast anarchische Zustände. Die beiden serbischen Polizisten, die den Zug bis dorthin begleitet haben, sind an der letzten Station ausgestiegen.

An weiteren Konfrontationen ist auch Belgrad derzeit nicht interessiert.

Nach anderthalb Stunden, um 10 Uhr 35, fährt der Zug in Zvecan ein. Kein Empfangskomitee begrüßt ihn, auch keine Polizisten der UN. Die Fahrgäste steigen schnell aus und eilen davon.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben