Zeitung Heute : Der Pudding-Milliardär

Mumm-Macher, Familien-Liebling, Zitronen-Brise: Er gab dem Wirtschaftswunder seinen Geschmack – und der Werbung einen ewig gültigen Slogan. Zum Tode von Rudolf-August Oetker

Armin Lehmann

Der „Mumm-Macher“ ist herrlich gelb, oben drauf thront ein Klecks schokoladiger Soße. Appetitlich läuft sie an den Rändern herab. Hinter dem Mumm-Macher sind drei Kinder zu sehen, die ihn anstaunen wie ein Weltwunder. Und dies ist ja auch wirklich ein Wunder. Ein Wunder aus dem Tütchen. Der Mumm-Macher ist ein Pudding, und er ist aus einem Pulver entstanden, das wiederum aus einer Fabrik kommt, die einem Puddingvisionär gehört. Manchmal soll dieser Mann etwas verdrießlich sein, aber doch ostwestfälisch bodenständig und gesegnet mit unternehmerischer Phantasie. Der Mumm-Macher ist auch deshalb ein Wunder, weil er beweist: Puddingpulver kann einen Mann reich machen.

Man nehme Stärke zum Quellen, Gelatine fürs Verdicken, Aromen und Farbstoffe, dazu Karamell oder Trockenfrüchte, Fruchtkerne oder Kakao, Schokolade oder Weinsäure. Dann trockne man die Rohstoffe, siebe sie fein, mische sie und fülle sie ab. Und wenn es gut läuft für einen tüchtigen Geschäftsmann, dann schaffen seine Arbeiter in einer Minute drei Tüten, jedenfalls solange die Produktion noch per Hand und nicht per Maschine erfolgt.

Pulver hat diese Firma, seine Firma, Dr. Oetker, bekannt gemacht und berühmt in aller Welt. Mit Sicherheit können Deutsche jeden Alters die Augen schließen und sich daran erinnern, welches Rezept ihnen das Liebste war, als sie noch klein waren: Kirschtorte mit Eierlikörsahne? Paradiescreme mit Rotweingeschmack? Man nehme Dr. Oetker…

Rudolf-August Oetker hat dem Wirtschaftswunder seinen Geschmack gegeben. Er war zwar nicht der Erfinder der legendären Pudding- und Backpulverrezepte („Backin“!) – es war Großvater August, der sie erstmals unters Volks gebracht hatte –, aber er hat das Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Imperium gemacht, das heute einen Gesamtumsatz von sieben Milliarden Euro im Jahr macht, das nach eigenen Angaben rund 7000 Menschen beschäftigt und das sich über 35 Länder erstreckt mit 332 ganz unterschiedlichen Unternehmen.

Man kann deshalb auch Dr. Oetker sagen und an Bier denken oder Banken, Luxushotels, Chemiewerke oder Schiffe. Ganze 43,2 Prozent der Erlöse sollen aus dem Reedereigeschäft der Tochter Hamburg Süd stammen. Es gibt kaum einen Bereich, in dem die Unternehmensgruppe nicht tätig ist. Das Lieblingsmotto von Rudolf-August Oetker hieß: „Nicht alle Eier gehören in einen Korb.“

Das mit den Schiffen, Chemiewerken, Versicherungen und Banken weiß kaum ein Deutscher, obwohl 98 Prozent den Namen Oetker kennen. Das mit der Tiefkühlpizza weiß wohl jeder. Auch auf diesem Gebiet war Oetker lange Marktführer und Pionier, 1970 lag „Romana“, die erste Fertigpizza, in deutschen Tiefkühlregalen und machte gleich so ein italienisches Lebensgefühl im Bauch. Später erfanden die Pizzadesigner des Oetker-Imperiums die Pizzatypologie und steigerte damit wenn nicht den Geschmack, so doch sicherlich den Unterhaltungswert von Fast Food: Wer Pizza Hawaii aß, gehörte laut Typologie zu den tatkräftigen Naturen mit vielseitigen Interessen, und der Pizza-Vegetale-Typ ist nicht nur ein Gemüseliebhaber, sondern hat auch großes Durchsetzungsvermögen. Man muss kein Werbestratege sein, um zu ahnen, dass alle Pizzatypen von Oetker irgendwie ganz klasse sind.

Doch Pudding und Pizza, das ist eben auch bodenständig, nah am Volk. Rudolf- August Oetker hat immer auf diesen Satz gehört: „Gehst du zu hoch hinauf, verbrennst du die himmlischen Häuser. Gehst du zu tief, die Erde. Am sichersten hältst du dich in der Mitte.“ Diese Worte sprach der Sonnengott Helios zu Phaeton, seinem Sohn, und Rudolf-August Oetker hat einmal die Philosophie des Bankhauses Lampe so beschrieben, das sozusagen das finanzielle Herz des Imperiums war.

Sein Großvater August Oetker hatte im Jahre 1891 auch nicht bewusst nach den Sternen greifen wollen, aber er hat dann doch mit Erfindergeist und nächtlichen Forschungsarbeiten in seiner Apotheke den Grundstein gelegt für den späteren Aufstieg des Unternehmens. Sein Backpulver, so abgefüllt, dass es ein Pfund Mehl genau richtig anreicherte fürs Backen, war ein Marktknüller. Vanillinzucker, Puddingpulver und Speisestärke ergänzten das Sortiment bald.

Der Hang zum Süßen liegt wohl in der Familie. Eine Generation vor jenem August hatte ein anderer Oetker schon Marzipan verkauft. Und als Rudolf-August Oetker 1916 in Bielefeld, Westfalen, zur Welt kam, war längst entschieden, dass er eines Tages das Unternehmen leiten würde. Der Vater war ein paar Monate zuvor im Ersten Weltkrieg bei Verdun gefallen, die Mutter verordnete der Familie „eiserne Disziplin“. Während Großvater August seinen Mitarbeitern in der Fabrik auch mal Schnittblumen vorbeibrachte und sorgsam auf ihre Gesundheit achtete, machte sein Enkel später lieber persönlich das Licht aus, wenn es ein Mitarbeiter angelassen hatte.

Rudolf-August Oetker stieg in die Firma ein, da war er 25, das war 1941, und er übernahm sie, da war er 28, im Jahr 1944, nachdem die Mutter und der Stiefvater, Richard Kaselowsky, der die Firma führte, bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen waren. Der Stiefvater war überzeugter Nazi und Mitglied im Freundeskreis von Heinrich Himmler gewesen. Auch Rudolf-August Oetker war Mitglied der Waffen-SS, Untersturmführer. Die Sympathie für die Nazis und die aktive Unterstützung des „Dritten Reiches“ spielten später immer wieder eine Rolle und waren Anlass für viel Kritik, auch, weil das Unternehmen sich schwertat mit der Aufarbeitung der eigenen NS-Geschichte. Als Oetker verlangte, die Bielefelder Kunsthalle, die er der Stadt gespendet hatte, nach seinem Stiefvater zu benennen, kam es zum politischen Eklat.

Oetkers Biograf Rüdiger Jungbluth hat für sein Buch „Die Oetkers“ eine Zeitzeugin gefunden, die beschreibt, wie Rudolf-August das Kriegsende erlebt hat: „Für Oetker brach die von seiner Familie und ihm akzeptierte nationalfaschistische Wertewelt zusammen, er wurde von den Siegermächten verhaftet und in ein Lager gesperrt und verprügelt, so dass er jahrelang am Stock gehen musste.“ An diese Erfahrung wird er sich wohl im schwersten Moment für ihn als Vater erinnert haben. 1976 wurde sein Sohn Richard entführt, es war einer der spektakulärsten Entführungsfälle in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Sohn, damals 25, wurde gefoltert und trug Verletzungen davon, die ihn sein Leben lang begleiten sollten. Für 21 Millionen Mark Lösegeld ließen die Entführer ihn schließlich frei.

Doch Rudolf-August Oetker war auch ein typischer Vertreter der Nachkriegsgeneration: Er wollte etwas auf die Beine stellen, wollte beweisen, dass er zu Großem in der Lage war. Rastlos vergrößerte er sein Imperium – und nutzte dafür die aufblühende Werbewirtschaft. Das hatte schon Oetkers Großvater August getan, als er am 18. Juli 1894 die erste Anzeige für Puddingpulver im Bielefelder Tageblatt schaltete. Doch erst mit den Farbbildern der 50er Jahre konnten die Werbebotschaften ihre Wirkung wirklich entfalten. Das Auge isst ja bekanntlich mit, bunt und fröhlich wirkten die Oetker-Produkte. Und weil es auch zu seiner Zeit schon so etwas wie Marktforschung gab und die befahl, man müsse die einzelnen Zielgruppen direkter bedienen, wurde aus Schokoladenpudding nun der „Familien-Liebling“, für die Jungs gab es den „Mumm-Macher“ und für Berufstätige den „Mini-Zeit-Pudding“, „Galetta“ und „Aranca“: Puddinge, die nicht mehr gekocht zu werden brauchten. Und der legendäre Satz „man nehme Dr. Oetker“ wurde zum wohl ewigen Markenzeichen.

Während Oetker in der Unternehmenswelt einer der Größten wurde, blieb er auf anderen Gebieten kleinlich. Die Geschichte mit dem Lichtlöschen, sagt sein Biograf, ist verbürgt und von vielen bestätigt. Das gilt auch für die Anekdote, dass er Schreibtische, die schief im Raum standen, nicht ertragen konnte. Oetkers Fähigkeit, die unternehmerischen Risiken klein zu halten, paarte sich mit der für diese Generation wohl typischen Sparsamkeit: „Ich gebe nicht gerne Geld für etwas aus, das morgen nichts mehr wert ist“, hat er mal gesagt – und das, obwohl das Privatvermögen der Familie auf einen Betrag ab 4,2 Milliarden aufwärts geschätzt wird. Seine Schuhe soll er 20 Jahre lang getragen haben. Und Oberhemden mit verschlissenen Krägen hat er angeblich flicken lassen, indem er aus Stückchen des Hemdrückens einen neuen Kragen fertigen ließ, während das herausgeschnittene Teil durch einen Flicken ersetzt wurde. Eine Freundin erinnert sich in der Jungbluth-Biografie an die altmodische Form von Oetkers Frack: „Es war derselbe Anzug, von dem er mir später sagte, dass er bereits 15 Jahre alt sei und er ihn bis an sein Lebensende tragen wollte.“

Als Rudolf-August Oetker im September des vergangenen Jahres 90 wurde, bat er: bloß keine Reden und Geschenke. Dass er bescheiden gewesen sei, sagen viele. Als der Reporter Matthias Walden einmal eine 45-Minuten-Sendung über Oetker drehte, berichtete er hinterher: „Er unternahm absolut nichts, um zu wirken. Immer wieder fiel sein totaler Mangel an Eitelkeit auf.“ Aber wie es sich nun einmal für einen Patriarchen gehört, gibt es auch andere Geschichten.

Der alte Oetker besaß unter anderen das Brenners Parkhotel in Baden-Baden, wo er sich bis ins hohe Alter regelmäßig in den Großen Saal setzte. Dort konnte er das Leben im Hotel gut beobachten konnte. Natürlich hatte er seinen eigenen Stuhl und wehe, es hat sich ein anderer draufgesetzt. Der wurde energisch vertrieben.

1981, mit 65 Jahren, übergab Oetker seinem ältesten Sohn August die Führung der Firmengruppe. Doch bis 2006 saß der Patron bei der jährlichen Pressekonferenz auf dem Podium und hörte aufmerksam zu.

Es ist nicht verbürgt, ob der alte Mann seine Puddings überhaupt mochte. Oder Tiefkühlpizza. Es ist verbürgt, dass er Pfeifentabak, Zigarren und Schnaps mochte. Und dass er zur Legende wurde mit vielerlei Pulvern.

Gestern ist Rudolf-August Oetker, dreimal verheiratet, acht Kinder, in einer Hamburger Klinik gestorben.

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