Zeitung Heute : Der Puls der Hauptstadt

Der Tagesspiegel

Von Roger Boyes

Hollywoods Drehbuchschreiber – wie Polizisten und Oberärztinnen – sehen von Tag zu Tag jünger aus. Der, den ich letzte Woche traf schien um die 30 zu sein, aber mit dem Enthusiasmus eines Teenagers. Sein aktuelle Projekt besteht darin, einen Film im Hongkong-Stil – mit Autojagden und Kung Fu – in Berlin zu drehen und er benötigte Beratung über die kriminellen Netzwerke in der deutschen Hauptstadt. An der Oberfläche, sagte er, erscheint Berlin so gefährlich zu sein wie Vancouver – seine Produzenten würden sehr enttäuscht sein.

So redeten wir – für mich eine willkommene Ablenkung von meinen persönlichen Problemen – über das seltsame Milieu der Leibwächter in Berlin, über Kampfsportschulen, über den Aufstieg und Fall der Chechen-Gangs, ob Aquarien in chinesischen Restaurants Botschaften für Triade-Gangster aussenden, die Schutzgelder erpressen. Und was wurde eigentlich aus den Amphetamin-Produzenten und dem Heroin-Preis seit dem Afghanistan-Krieg?

Langsam begann der Drehbuchautor zu verstehen, dass Berlin nicht Vancouver ist, und ich begann beim Nachdenken über die Schattenseiten der Stadt zu verstehen, warum Deutschlands Hauptstadt so interessant ist. Sie ist eine Art Barometer für die Krisen der Welt: Wenn es einen Regierungswechsel in Russland gibt, einen Krieg auf dem Balkan oder politische Verfolgung in Simbabwe, dann registriert Berlin das zuerst: Russen bringen ihr Geld außer Landes und lassen es in Berliner Investitionsprojekte fließen, bosnische Frauen fangen an, auf der Straße zu arbeiten und simbabwische Asylsuchende tauchen plötzlich in den Küchen der Restaurants auf. Keine andere Stadt – London nicht und auch nicht New York – hat diese seismische Sensibilität.

Als Ergebnis ist Berlin eine Stadt voller persönlicher Geschichten und mutet wie der Hofstaat eines Sultans an, der mit immer neuen Märchen unterhalten werden will. Jeder Nachbar, jeder Taxifahrer hat eine bemerkenswerte Geschichte zu erzählen. hat das früher als andere Zeitungen erkannt und macht brillante Kurzgeschichten aus Beerdigungen und Hochzeiten. Auch ich konnte einen Blick auf das Geschichten erzählende Berlin werfen durch die über Hundert Briefe und E-Mails, die ich von Tagesspiegel-Lesern seit meiner letzten Kolumne erhielt.

Viele erzählten Lebensgeschichten, die Leid und Hoffnung verbanden. Eine Frau verlor ihren Mann 18 Monate nach ihrer Ankunft in Berlin, ein anderer Leser erinnerte sich, wie seiner Familie von polnischen Zwangsarbeitern geholfen wurde, wieder ein anderer dachte zurück an sein Leben in Großbritannien kurz nach dem Krieg und daran, mehr Freundlichkeit erfahren zu haben als die erwartete Feindseligkeit. All diese Briefe haben mich berührt und mir geholfen zu verstehen, dass meine eigene Geschichte nur eine von Millionen ist, die die kulturelle Erinnerung dieser Stadt ausmachen.

Bis jetzt forderten mich Leserbriefe üblicherweise dazu auf, besser zurückzukehren anstatt hier zu bleiben und zu kritisieren. Meine Antwort war immer: Berlin ist mein Zuhause, wenn auch ein zeitweiliges. Der Berlin-Instinkt – selbstkritisch, oft zynisch, aber auf absurde Art die Stadt verteidigend, wenn die Kritik von außen kommt – schien mir eher der Intoleranz einer Provinzstadt zu entspringen als der großzügigen Offenheit einer Weltstadt. Nun weiß ich, dass das nur ein Element des Psychogramms der Stadt ist. Wichtiger ist der emotionale Puls der Stadt, der kräftiger schlägt als jemals zuvor.

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“.

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