Zeitung Heute : Der Rächer der Witwen

Von Martin Kilian

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Heute mal wieder völlig ermattet auf Grund extremer Paranoia: Gewiss hat man mich abgehört. G.W.Bushs Nationale Sicherheitsagentur (NSA) hat bekanntlich sämtliche Telefonate ins Ausland illegal angezapft. Nicht, dass ich mir Sorgen machen müsste. Immer professionell am Telefon gewesen. Aber der Chef … nun ja. Sicherlich hat die NSA mitgeschnitten, wie er sich in rüpelhafter Manier über die Beach Boys, diese einzigartige amerikanische Institution, mokierte. Oder den großen amerikanischen Lyriker Walt Whitman als „syntaktischen Amateur“ verunglimpfte.

Nun sind diese Abfälligkeiten allesamt und auf ewig in den Dateien der NSA gespeichert. Natürlich könnte man sich deshalb über Bush aufregen: Einfach so abzuhören gehört sich nicht! Der Fehltritt verblasst jedoch neben der prächtigen Erscheinung des Präsidenten als Zorro. Jawohl, Zorro, der Rächer der Entrechteten und Beschützer der Witwen. Beispielhaft und bescheiden wirkt G.W. Bush insgeheim als Fürsprecher alleinstehender Damen! Erstmals und exklusiv wird hiermit enthüllt, wie der weichherzige Präsident aus Texas einer texanischen Witwe den Pfad zu pekunärem Glück ebnet.

Denn im Februar wird der Top-Anwalt seiner Regierung vor dem Obersten Bundesgericht in Washington Partei ergreifen für diese Witwe, der das Schicksal übel mitgespielt hat. Der Anwalt – er trägt den noblen Titel „Solicitor General“ – hält es im Namen des Präsidenten nämlich für rechtens, dass die Witwe vor Bundesgerichten auf ihr Geld klagen kann, obschon sie von ihren hasserfüllten Verwandten als Flittchen und Erbschleicherin diffamiert wird. Der Name der Witwe? Anna Nicole Smith!

Raketengleich, den Nachbrenner auf Volldampf, schoss ich aus meinem Sessel, als ich das hörte. Die Regierung Bush an der Seite von Anna Nicole Smith! Dass die Witwe Smith einst im TV nörgelte, sie habe „heute Morgen keine Zeit zum Masturbieren gehabt, und ich sterbe deshalb fast, also muss ich nach Hause gehen“: Nicht einmal derartige Schlüpfrigkeiten halten den Präsidenten davon ab, sich für sie zu verwenden.

Auch ansonsten ist die Witwe ja nicht immer sittsam gewesen. Sie wirkte als Stripperin im texanischen Houston, ließ sich den Busen aufblasen und posierte für Girlie-Magazine, ehe sie den welken Milliardär Howard Marshall ehelichte. Sie war 26, er 89, weshalb das Glück der beiden nur kurz währte. Der Mann verschied alsbald und hinterließ der Witwe Smith 474 Millionen Dollar – was von seinen Kindern sofort angefochten wurde und sich nun durch amerikanische Gerichte schlängelt. Marshalls Nachfahren unterstellen der Witwe Smith, sich den Zaster gewissenlos erschlafen zu haben und pochen darauf, dass nur texanische Staatsgerichte, wo die freche Witwe bereits leer ausging und die Kinder obsiegten, zuständig seien.

Aber diese Neider haben die Rechnung ohne G.W. Bush gemacht, diesen Zorro der Witwen. Selbstverständlich dürften sich die Bundesgerichte in die Angelegenheit einmischen, meint er! Bei den Lauschangriffen der NSA wurden die Gerichte hingegen nicht bemüht. Weshalb der Chef und ich bei unseren morgendlichen Dienstgesprächen abgehört werden. Warum einmal Hüh und einmal Hott? Ist es die Oberweite der kessen Witwe? Ihr schmerzliches Schweben zwischen 474 Millionen und Null?

Ich will lieber vorsichtig sein. Die NSA liest bestimmt mit. Und im Gegensatz zum Chef, der bei der Nationalen Sicherheitsagentur wegen seiner Ausfälle gegen die Beach Boys leider aktenkundig geworden ist, möchte ich unbescholten bleiben. Ich finde die Beach Boys prima. Und Walt Whitman ist diesem Rainer Maria Rilke bei weitem überlegen. Hätte ich im Irak wählen dürfen: G.W. Bush wäre mein Kandidat gewesen! Das Klimageschwätz kann ich nicht ab, die Vereinten Nationen ekeln mich, und in Frankreich ist absolut alles saumäßig außer Silvie Vartan.

Ich erkläre mich hiermit für unbedenklich!

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