Zeitung Heute : Der Rand der Wunde

Die Welt wird Montag wieder herschauen. Und die Menschen, die hier leben? Die haben anderes im Sinn

Christoph von Marschall[New York]

Die Anwohner machen einen Bogen um die Baustelle. Es ist nicht ihr Ort, er gehört den Touristen. Und den Toten. Die Menschen, die in den Straßen ringsum leben, sagen, sie verstehen nicht, was so anziehend sein soll an dieser riesigen quadratischen Leere, die von drei Meter hohen Metallzäunen umgeben ist. „Wenn es wenigstens ein Denkmal gäbe für die Opfer, eine Gedenkstätte“, seufzt Leah Singer, eine schmale Frau, 43, kastanienbraunes Haar.

Ihre Familie wohnt am unteren Broadway im Stadtteil Tribeca, schräg gegenüber von Rathaus und Stadtpark. Ihr Loft liegt dreieinhalb Blocks nordöstlich von Ground Zero: dem Ort, auf den sich am Montag wieder die Fernsehkameras der ganzen Welt richten werden, fünf Jahre, nachdem Terroristen zwei Flugzeuge in das World Trade Center geflogen hatten. 102 Minuten später waren sie einer nach dem anderen brennend in sich zusammengesackt und hatten 2749 Menschen in ihren Trümmern begraben.

Wer in der Gegend wohnt, hat andere Prioritäten als den Jahrestag. Am Dienstag hat das neue Schuljahr begonnen, wie damals an 9/11. Eltern mit Erstklässlern, junge Mütter mit Kinderwagen drängen sich vor der Public School „PS 234“, einem dreistöckigen Bau Ecke Greenwich und Warren Street. Es sind keine 300 Meter Luftlinie nach Süden zum Ort der Anschläge.

Leah Singer ist mit ihren beiden Söhnen gekommen: Sage, 7 und Frey, 5. Sages Augen strahlen, und Frey ist stolz, dass er nun in den Kindergarten geht. Leah freut sich ebenfalls. Ein Jahr lang musste sie täglich an Ground Zero vorbei, weil Freys Vorschule auf der anderen Seite der Baustelle lag.

Auch hier in den ruhigen Wohnstraßen wird an jeder zweiten Ecke gebaut. Leah sieht es mit gemischten Gefühlen. Anfangs überwog die Erleichterung. Direkt nach den Anschlägen hatte sie monatelang die Furcht umgetrieben, das Viertel könne verfallen. Wer will schon so nah an einem Massengrab wohnen? Die ersten Wochen durften sie und die Nachbarn nicht nach Hause wegen der giftigen Dämpfe, die das Trümmerfeld noch lange ausdünstete. Das erste Wohneigentum, das sie sich von ihren Künstlerhonoraren leisten konnten – ihr Mann ist Musiker, sie arbeitet mit Filminstallationen –, würde dramatisch an Wert verlieren, dachte sie. Monatelang zahlte die Stadt Unterstützung an Anwohner, wenn sie nur blieben. Und wer herzog, bekam Steuererleichterungen.

Inzwischen, klagt Leah, sei Tribeca „overdeveloped“, überentwickelt. Die St.-Peter-Kirche an der Ecke Church und Barclay Street, die älteste katholische Gemeinde in New York, verschwindet fast im Schatten eines neuen, 30-stöckigen Apartmentturms. „Der passt doch überhaupt nicht hierher“, schimpft sie. Für Luxuswohnungen mit Blick auf Ground Zero, die weit über eine Million kosten, seien schöne alte Häuser abgerissen worden. „Alle reden von Ground Zero und Stararchitekten wie Libeskind, Frank Gehry und Calatrava. Aber die Planer vergessen uns Familien mit Kindern. Es gibt viel zu wenig Schulen.“

Das Geschäft mit neuen Wohnungen treibt seit zwei, drei Jahren den Immobilienmarkt in der Gegend, bestätigt Makler Jeffrey Tabak in der Reade Street, ein lässiger 48-Jähriger in Polohemd, Jeans und Turnschuhen. Das Maklerbüro ist ebenerdig in einem Haus aus gelbem Backstein untergebracht, die Fenster sind mit roten Steinen abgesetzt. Der Büroraum sei drastisch zurückgegangen, sagt Tabak, nicht nur durch den Einsturz der Türme mit ihren Millionen Quadratmetern Gewerbefläche. Auch im nördlich angrenzenden Tribeca verwandeln Immobilienbesitzer Bürogebäude in Wohnhäuser – „aus Angst, den Trend und den besten Augenblick zu verpassen“. Der Quadratmeter kostet 10 000 Dollar und aufwärts. Neulich war ein Penthouse jemanden 28 Millionen wert.

„Man hofft zwar, dass es weiter aufwärts geht“, sagt Tabak, „dass alles noch besser wird. Aber das Gefühl eines Verlusts bleibt. Wir haben nicht nur Freunde oder Nachbarn verloren, sondern das Gefühl von Sicherheit und Unschuld.“

Sechs Blocks sind es bis Ground Zero, immer nach Süden. Kleine Geschäfte, Friseure, Cafés, Bars, Beauty Salons, Restaurants, immer wieder riecht es nach indischen Gewürzen. Drei Epochen mischen sich: fünf- bis achtstöckige Bauten aus Backsteinen. Dazwischen schieben sich zehn- bis zwanzigstöckige Wohnpyramiden, breite Würfel unten, nach oben immer schmaler werdend. Und schließlich die glatten spiegelnden Glasfassaden der jüngeren Jahrzehnte.

Dann biegt man in die Church Street ein – und auf einmal ist viel zu viel Licht, unverstellter Blick. Gewiss, auf Augenhöhe wimmelt es von Leben: Reisegruppen mit Führer, Familien mit Kindern, Rucksacktouristen. Bis zu drei Meter hoch ragen Absperrgitter, Exponate der Fotoausstellungen, Architekturmodelle und Zeitleisten der Abläufe am 11. September. Darüber aber ist lichter Himmel, erst in der Ferne ragen Wolkenkratzer auf.

Ground Zero ist schon lange kein Trümmerberg mehr. Aber Neues ist auch noch nicht sichtbar herausgewachsen aus der Brache. Die Arbeit der letzten Jahre steckt im Untergrund: den Schutt wegräumen, einen neuen Bahnhof für die Züge nach New Jersey und neue Zugänge zu den U-Bahnlinien errichten, Fundamente legen für den Libeskind-Bau und die Gedenkstätte. 2009 wird sie fertig sein. Die Stände eines Farmer’s Market mit Obst und Gemüse säumen den Eingang zu dieser Unterwelt des Transports. Immer wieder schieben sich uniformierte Polizisten und auffällig athletische Gestalten mit dem für Sicherheitskräfte typischen Knopf im Ohr durch die Menge.

Selbst hier, am Ort des Massensterbens, haben Menschen in den letzten fünf Jahren einen neuen Alltag gefunden. Oder wollen es die Erzählungen nur so, weil der ständige Besucherstrom Legenden goutiert und die Medien sie willig verbreiten? Von Harry Roland konnte man lesen, dem „Ground-Zero-Mann“, der angeblich jeden Tag seit fünf Jahren hierher kommt und den Touristen alle Fragen beantwortet: aus wie vielen Gebäuden das World Trade Center bestand. Sieben, nicht nur die zwei Türme. Von wo die Flugzeuge kamen. Das erste von Süden, das zweite von Norden.

Harry Roland, „52, in New York geboren, aber ich lebe in New Jersey“, ist tatsächlich da, trotz Regen. „Grab a map – learn the facts!“, dröhnt seine rauchig-heisere Stimme durch die Menge. Harry ist ein Schwarzer; er trägt eine blaue Baseballkappe über dem angegrauten Haar, ein dunkles T-Shirt und Jeans. Gerade kniet er neben Lilly, einer Neunjährigen aus Guatemala und zeigt ihr ein Fotoalbum von den Twin Towers. „Hier, kleine Prinzessin“, sagt er und überreicht ihr einen Anhänger mit New-York-Emblem aus einer Plastiktüte, die am linken Handgelenk baumelt. Harry sagt, er sei Touristenführer im World Trade Center gewesen, die Zahlen und Fakten waren schon damals sein Leben. Überlebt habe er, weil sein Sohn an 9/11 eingeschult wurde und er sich freigenommen hatte. „Jetzt muss ich aber zu einer Schulklasse“, entschuldigt er sich, bevor er davoneilt.

An der Ostseite der Leerfläche steht das „Millenium Hilton“ mit dunkler Glasfassade, so glänzend, als sei sie aus poliertem schwarzen Granit. Ab 379 Dollar kostet die Nacht, meistens sind alle Zimmer ausgebucht, obwohl – oder weil? – sie fast alle Blick auf Ground Zero haben. Ob Unbehagen oder Attraktion: Die ersten, reflexhaften Gefühle zu Ground Zero scheinen Anwohner und Besucher zu trennen.

„Peter“ Panaiotis Travelos leidet bis heute an 9/11. Ein gutes Geschäft war der Laden des 56-jährigen Griechen an der Ecke des World Trade Centers, Kreuzung Church Street und Vezey. Solange es stand. Der Tourismus macht nicht wett, was an Büros verloren ging. Als er wiedereröffnete „als Erster in der Gegend“, blieben die Umsätze bei 60 Prozent der Vor-9/11-Zeit. Seine Angestellten verkaufen gebratenes Lamm, Sandwiches und Getränke an Touristen. Er, athletisch, Bauchansatz, volles graues Haar mit zurückgekämmter Tolle, steckt sich im Keller die nächste Zigarette an und prüft die Kasse. An der Wand hängen Fotos seiner Enkel.

Er ist in Versuchung aufzugeben, 40 Jahre nach der Einwanderung. McDonald’s bietet dem Vermieter 300 000 Dollar pro Jahr für die Räume. Wie soll er da mithalten? Aber er ist noch da – vielleicht wegen seiner Tochter? Vicky hilft ihm bei den Bestellungen, neben dem Studium. Sie sagt „wir“ und „meine Nation“, wenn sie über die USA spricht. Ihr Vater dagegen: „die Amerikaner“.

Zwei Meilen weiter nördlich hoffen andere Einwanderer auf ein „Happyend“ nach der Katastrophe. Das Restaurant „Colors“ in der Lafayette Street ist eine Gründung überlebender Angestellter von „Windows on the World“, einem feinen Lokal mit Bar im 106. und 107. Stock des Südturms. „Über uns war nur noch die Technik, für Aufzüge und Klimaanlage“, sagt Patricio Valencia, ein 42-Jähriger aus Ecuador in schwarzer Kellnerkluft. Die Gastronomie- Gewerkschaft hat ihnen geholfen. Es ist ein hochklassiges Restaurant, eingerichtet in einer Mischung aus Art Deco und Bauhaus. Stolz lässt Patricio den Blick über die Tische schweifen – und wird doch gleich wieder schwermütig. 73 seiner alten Kollegen sind umgekommen an 9/11, nur von neun hat man Körperteile gefunden. „64 Menschen sind spurlos verschwunden.“ Er schluckt.

Vier Jahre hat es gedauert, bis das Konzept ausdiskutiert, das Kapital und ein vielversprechender Ort gefunden waren, am 2. Januar 2006 wurde offiziell eröffnet. Patricios Platz ist an der Bar, wie vor 9/11. Im Regal hinter sich hat er zwei Flaschen „Veuve Cliquot“ stehen, Spezialausgabe mit dem Logo von „Windows on the World“. Eine Kundin hatte sie 2000 gekauft – und zurückgebracht, als sie von der Eröffnung des „Colors“ hörte.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!