Zeitung Heute : Der rasende Reporter

Der Tagesspiegel

Von Tanja Buntrock

Die meisten tun es ja doch immer wieder. Hajo Seppelt, 38, gehörte auch zu denen. „Nie wieder Marathon“ hat er sich 1982 geschworen. Als Jungspund ist er damals völlig untrainiert und „nur aus Jux“ mitgelaufen. Vier Stunden und 52 Minuten brauchte er, um ins Ziel zu kommen. Über die Gefahren, die eine solche Aktion mit sich bringt, habe sich damals noch keiner so richtig Gedanken gemacht.

Fast 20 Jahre später schnaufte der SFB- Sportreporter Seppelt wieder die 42,195 km lange Strecke entlang. Das war beim vergangenen Berlin-Marathon im September. Und seit dem 5. Januar läuft er jeden Samstag um 14 Uhr mit Anfängern und Halb-Profis bei der „SFB-Laufbewegung“, die er selbst mit ins Leben rief, quer durch den Tiergarten. Doch dafür musste Seppelt im vergangenen Frühjahr erstmal sein Leben ändern.

Jahrelang berichtete der Fernsehreporter live von der Marathon-Strecke. Anfangs war er wohl noch zu traumatisiert von seinem ersten und, wie er glaubte, einzigen Lauf. Doch die Zeit heilt alle Wunden. Jedenfalls bei Seppelt. Im vergangenen Frühjahr entstand zusammen mit anderen Kollegen die Idee, erneut beim Marathon mitzulaufen und – ganz nebenbei – von der Strecke live zu berichten. Das Besondere dabei: Ein Kamerateam filmte ihn bei der Vorbereitung auf Schritt und Tritt. Einmal im Monat lief ein Zusammenschnitt davon im „Sportpalast“ auf B1.

Ein Leistungsdiagnostiker hat seine Belastungsfähigkeit bestimmt, ein Arzt hat ihn durchgecheckt, Seppelt hat Laufschuhe und Laufkleidung getestet und sich einen MP-3-Player zugelegt, um beim Laufen seine Lieblingsmusik zu hören. So lief er vier bis fünf Mal in der Woche. Angefangen hat der 1,84 Meter große Reporter, der damals 87 Kilo wog mit 45 Minuten Laufzeit. Nach wenigen Wochen steigerte er die zwar, doch abgenommen hat er nur sehr wenig. „Ich habe zu oft und zu gerne Eierkuchen oder Snickers gegessen“. Außerdem sei er anfangs viel zu schnell gelaufen. Das wiederum bringt nichts, wenn man Fett verbrennen will. Also zog Seppelt eine Ernährungsberaterin zu Rate: So wenig Fett wie möglich, hat die ihm verordnet. Und dann hat er noch intensiver trainiert. Auch auf den Dienstreisen, egal ob in der Wüste, in Russland oder in Japan, ist er gelaufen – und hat sich dabei filmen lassen. So schmolzen die Fettpölsterchen, und Seppelt wiegt mittlerweile nur noch 76 Kilo. Nach dem Marathon-Lauf im September waren es nur 73.

Die größte Überraschung war für Seppelt nicht, dass er es beim Marathon bis zum Ziel geschafft hat. Das war sowieso klar. Die Zeit war entscheidend. Drei Stunden und 50 Minuten war die Vorgabe. „Weil danach die Sendung zu Ende ist, und ich selbstverständlich vorher durchs Ziel laufen wollte.“ Geschafft hat er es in drei Stunden und 43 Minuten. Das habe sein Leistungsdiagnostiker nie für möglich gehalten. „Das war ein unbeschreiblich schönes Gefühl, es war klasse“, erinnert sich Seppelt.

Wenn er danach irgendwo einkaufen oder spazieren ging, klopften ihm fremde Leute, SFB-Zuschauer, auf die Schulter. „Wir haben im Kollegenkreis gemerkt, dass dieser Selbstversuch unheimlich ankam bei den Leuten“, erzählt Seppelt. So kam die Idee mit der „SFB-Laufbewegung“ in Zusammenarbeit mit dem SCC Charlottenburg, einem Leichtathletik-Verein. Zum ersten Treffen an der Siegessäule am 5. Januar „haben die Leute uns die Bude eingerannt“. Um die 200 kamen, um sich die über Weihnachten gewachsenen Speckschichten abzutrainieren, oder um einfach aus Jux mitzujoggen. Die sieben Trainer vom SCC Charlottenburg geben Tipps und Auskünfte, erklären alles, was für das Laufen von Bedeutung ist. Bevor es losgeht, ordnen sich die Laufwütigen in verschiedene Leistungsgruppen ein. Die Anfänger laufen höchstens 15 Minuten, teilweise mit Gehpausen und ausgiebigem Stretching. Die Fortgeschrittenen laufen rund 90 Minuten lang durch den Tiergarten.

Ihren Laufstil können die Fitness-Freudigen sich dann in einem Zusammenschnitt beim „Sportpalast“ auf B1 anschauen – auf die monatliche Dokumentation will der Sender auch jetzt, fünf Monate nach dem Marathon, nicht verzichten.

Hajo Seppelt rennt nicht nur durch den grünen Tiergarten. „Ich kann überall laufen“, sagt er. Mittlerweile trainiert er auch noch abends auf dem Laufband und schaut dabei die „Tagesschau“. Verständlich, schließlich läuft auch die Zeit – bis zum nä chsten Marathon.

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