Zeitung Heute : Der Rausch ist aus

Peter Linden

Die Samtvorhänge vor den Fenstern lassen kaum Licht herein, eine Kerze flackert an gegen die Dunkelheit, hier und da leuchtet die Glut eines Joints. Immer mehr Menschen huschen ins Theater „Byens Lys“, es sind Bewohner des benachbarten Kopenhagener Stadtteils Christianshavn, junge Aktivisten der Sozialistischen Arbeiterpartei und natürlich die Bewohner des 1971 gegründeten „Freistaats Christiania“ selbst. Einer von ihnen – er mag so um die 40 sein – sagt plötzlich: „Willkommen! Helft uns! Wohnt hier!“ Alle klatschen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Christianitter Hilfe brauchen. Ein anarchistischer „Freistaat“ auf einem alten Armeegelände – so etwas ist für das bürgerliche Lager naturgemäß ein Ärgernis, an das man sich auch in über 30 Jahren nicht gewöhnt.

Für die Männer und Frauen, die im Mai 1971 ein Loch in den Holzzaun um das verwaiste Armeegelände rammten, ging es um Wohnraum und Selbstverwirklichung außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Sie nahmen das 32 Hektar große Gelände mit seinen Lagerhallen und Baracken für sich in Beschlag und riefen ein paar Monate später ihren „Freistaat“ aus. Es waren Hippies, 68er würde man sie heute nennen. Frauen wie Time Schmedes, die als erste Christianitterin 1974 in das Kopenhagener Stadtparlament gewählt und gleich bei der ersten Sitzung wieder hinausgeworfen wurde, weil sie ihren Sohn stillte.

Ein soziales Experiment

Später kamen Menschen hinzu, denen es nur darum ging, irgendwo ungestört Haschisch zu rauchen. Obdachlose, die sich in den offiziellen Unterkünften nicht wohl fühlten. Sozialhilfeempfänger aus der Kolonie Grönland. Asylbewerber. Arbeitslose. Allein erziehende Mütter. Theaterleute, Musiker und Graffitikünstler, die in Christiania erlebten, dass ihre Kunst geschätzt war. Und Hobby-Architekten, die zwischen den Baracken, auf den Dächern, im Geäst von Bäumen, auf dem ehemaligen Verteidigungswall aus dem 17. Jahrhundert und entlang des Stadtgrabens ihre Träume vom Bauen verwirklichten: Ohne Bankkredite, ohne Richtlinien, oft aus Recyclingmaterial. Christiania sieht aus wie ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene. Oder wie eine von Kindern für ihre Eltern entworfene Welt. Heute leben etwa 1000 Menschen hier.

Über nunmehr 33 Jahre versuchten immerhin 16 Justiz- und 11 Verteidigungsminister, sich mit dem sozialen Experiment mitten in der dänischen Hauptstadt zu arrangieren oder es zu bekämpfen. Doch nie hat es eine dänische Regierung so ernst gemeint mit der Forderung nach „Normalisierung“ wie die im Herbst 2001 gewählte rechtsliberale Koalition von Anders Fogh Rasmussen. Noch vor Beginn der Sommerpause des Reichstags soll ein „Gesetz über die Änderung des Gesetzes über die Nutzung Christianias“ durchgebracht werden – übersetzt in einfache Worte heißt das: die Abschaffung des „Freistaats“.

Es ist kalt im Theater „Byens Lys“ – auf Deutsch heißt das „Licht der Stadt“ –, aber die Anteilnahme wärmt die Hilfesuchenden. Etwa 70 Personen sind es und ein Hund, der über den Sandboden der ehemaligen Lagerhalle streunt. Da ist auch ein Gast, mit dem sie nicht gerechnet haben, er trägt ein braunes Sakko, hat eine Pfeife im Mund: Villy Søvndal von der Sozialistischen Volkspartei. Der 52-Jährige ist Mitglied des Reichstags und ein Freund Christianias. In der Zeitung sind von ihm Sätze zu lesen wie: „Das Kollektivrecht ist Christianias Grundgedanke.“ Oder: „Probleme sind ein Teil von Experimenten.“ Oder: „Die Regierung sieht, dass hier sehr viel Geld zu verdienen ist.“

Ulrik Kragh von der rechtsliberalen Venstre-Partei ist fast 20 Jahre jünger als der Sozialist und hat eine ganz andere Perspektive auf die Dinge. Christiania liegt in seinem Wahlkreis, und er sagt: „Das Prinzip der Selbstverwaltung ist gescheitert.“ Kragh, 34 Jahre alt, gehört zur jungen Garde in der dänischen Politik. Am 16. April bei der ersten Lesung des „Gesetzes über die Änderung des Gesetzes über die Nutzung Christianias“ stand er als Sprecher der Regierung am Rednerpult und verkündete: „Wir schließen jedes Modell aus, das es erlaubt, dass Christiania weitermacht wie bisher!“

Dabei sagt er selbst: „Das soziale Netz – da kann die restliche Gesellschaft tatsächlich einiges von Christiania lernen“. Doch dann spricht Ulrik Kragh in seinem Büro im Parlamentsgebäude, an der Wand abstrakte Gemälde, nur noch von Recht und Ordnung: Das wilde Parken rund um das autofreie Gelände! Die illegalen Bauten! Der Haschischkonsum! Die Scharmützel mit der Polizei!

Diese Scharmützel sind in der Tat so alt wie der „Freistaat“, weil Christiania eben nicht nur Utopisten und arme Leute anlockte, sondern auch Kriminelle. 1989 schloss die Selbstverwaltung alle Eingänge und sperrte die Konsumenten harter Drogen auf Dauer aus. Im selben Jahr wurde der Handel mit so genannten weichen Drogen auf einen Abschnitt im Zentrum konzentriert, der seither den Namen Pusher Street trägt. Auch damit ist es seit zwei Monaten vorbei: Im März 2004 unterband die Polizei den offenen Handel und nahm 67 Menschen fest. Seither ist es in Christiania wie überall in den großen Städten: Die Polizei patrouilliert und die kleinen Drogenhändler warnen einander mit Trillerpfeifen.

Zwei Tage vor der ersten Lesung des neuen Gesetzes versuchten die Beamten, einen Kiffer festzunehmen. Es kam zur Prügelei, Steine flogen, eine Hundertschaft nahm 23 Personen fest. Eine gezielte Provokation, um Stimmung in der Öffentlichkeit zu machen – so vermuten die Versammelten im „Byens Lys“. Denn die Öffentlichkeit ist eigentlich auf ihrer Seite. In der Mehrheit schätzen die Dänen, ob konservativ oder nicht, Christiania. Zumindest schätzen sie die Idee, dass in ihrem Land etwas möglich ist, was woanders längst beseitigt worden wäre. Villy Søvndal, dessen Sozialistische Partei zwölf der 179 Abgeordneten stellt, doch nach neuen Umfragen nahe zehn Prozent liegt, schätzt, dass zwei Drittel der Bevölkerung für eine Fortsetzung des „sozialen Experiments“ sind. Wie dem auch sei: Im vergangenen August demonstrierten 20000 Kopenhagener gegen eine „Normalisierung“, im Juni davor strömten 100000 Menschen zur großen Solidaritätsparty nach Christiania.

Deshalb sitzen sie im Theater und sammeln Ideen, wie sie die Solidarität stärken können. Die örtliche Designerschule soll eine Modenschau auf der Pusher Street ausrichten, es soll eine landesweite Kampagne mit der roten Flagge mit den drei gelben Punkten geben – dem Symbol von Christiania –, eine Unterschriftensammlung und eine Demonstration am 22. Mai.

Eine Teilnehmerin spricht gerade davon, Christiania der Unesco als Weltkulturerbe vorzuschlagen, da geht die Tür auf und ein Jugendlicher knallt wortlos einen Glaspokal voller Münzen und Geldscheine auf den Tisch. Spontane Sammlung draußen in der Sonne bei den Kiffern und Touristen, die wie immer durch Christiania ziehen: 3500 Kronen – also fast 500 Euro für Flugblätter.

Die vielen Touristen sind ein weiterer Grund, der in den Augen der Bewohner für Christiania spricht: 500000 sind es im Jahr, die Siedlung ist die größte Attraktion des Königreiches – nach dem Vergnügungspark Tivoli und noch vor der kleinen Meerjungfrau.

Asterix, heute 55, war schon bei der Gründung dabei und lebt nun wieder in Christiania. Er kann den Zulauf gut verstehen, es sei doch immer noch eine fantastische Erfahrung, hier zu wohnen – „so viel Freiheit in einer ansonsten durch und durch neoliberalen Welt“. Immer wieder muss er auf seinen Führungen durch die Siedlung erklären, wie schwer es ist, einen Platz in Christiania zu ergattern, der Wohnraum ist knapp, das Auswahlverfahren hart. In jedem der 14 Bezirke entscheiden die Bewohner gemeinsam und einstimmig, wer unter den Bewerbern den besten Eindruck hinterlassen hat.

Auch das sei ein völlig untragbarer Zustand, sagt der Rechtsliberale Ulrik Kragh. Er spricht zwar von einem Bleiberecht der Bewohner unter „normalisierten“ Zuständen, vom Recht, die Wohnungen in Zukunft zu mieten oder gar zu kaufen. Aber selbstverständlich könne nicht zugelassen werden, dass Wohnraum nur mit Zustimmung aller Bewohner vergeben werde. Das fördere „die Diktatur einiger weniger“. Doch dann sagt er selbst, dass dasselbe Verfahren privaten Besitzern nicht verboten wäre: „Wenn sie es kaufen, können sie tun, was sie wollen.“ Arbeitslose, Obdachlose, Sozialhilfeempfänger, die jahrelang unterstützt wurden von der Gemeinschaft Christiania, sollen nun Anteile an einem Gelände erwerben, dessen Gesamtwert Kragh auf 300 Millionen Euro schätzt.

Der Prinz und der Joint

„Ulrik Kragh sieht viel Geld hier“, sagt Villy Søvndal von der Sozialistischen Partei im „Byens Lys“. Ganz in der Nähe von Christiania hält die neue Metro und die neue Oper, die Anfang Januar 2005 eingeweiht werden soll, ist zu Fuß zu erreichen. Von Christiania aus sind auch die neuen Eigentumswohnungen schon zu sehen, die auf der anderen Seite des Grabens in ehemaligen Armeehallen entstanden sind – die teuersten kosten etwa zwei Millionen Euro, das ist das Jahresbudget Christianias für sämtliche Baumaßnahmen, sowie Müllabfuhr und Recycling, eigenes Postsystem, Wasser und Strom, eigene Zeitung und Radiostation sowie Kindergärtnerinnen und Ärzte.

Am Ende der Sitzung im „Byens Lys“ kommt der Vorschlag, den Hochzeitstag des Kronprinzen zu stören. Am 14. Mai wird Frederik seine Mary Donaldson heiraten und Millionen werden auf den Straßen oder via Fernsehen dabeisein. Aber – die königliche Familie hat in Dänemark noch höhere Sympathiewerte als die Christianitter. „Und außerdem“, gibt einer zu bedenken, „raucht der Prinz selber gerne mal einen Joint“.

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