Zeitung Heute : „Der Rausch meines Lebens“

Matthias Eggert

Es war mein erster Tag in Indien, Alt-Delhi. Ich war müde, ich hatte Durst und ich dachte, es sei cool, wie die Inder am Straßenrand den Tee zu schlürfen. Er schmeckte scheußlich.

Ein halbes Jahr später, es war ein Montag, steckte eine Kanüle in meinem linken Unterarm. Eine Magen-Darmspiegelung sollte klären, ob der indische Parasit mir dauerhafte Schäden zugefügt hatte. „Wir werden Ihnen Dormicum geben“, hatte der Arzt gesagt. „Sie werden während der Untersuchung wach sein, aber Sie werden nichts mitbekommen.“ Ich glaubte ihm nicht. „Vertrauen Sie mir,“ sagte er.

Ich hatte Angst. Die Pritsche fühlte sich kalt an, als ich mich auf sie setzte. Links neben mir stand der Bildschirm. Ich dachte noch, na dann seh‘ ich wenigstens, wie ich von innen ausschaue. Der Arzthelfer stach die Kanüle in meine Vene und erklärte mir, dass „Dormicum“ ein Beruhigungsmittel sei, das auch im Rettungsdienst verwendet werde. Außerdem würde ich mich an die Behandlung nur sehr schemenhaft erinnern. Bestimmt wartete ich zehn Minuten auf den Arzt. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor.

Der Arzt war schweigsam und schnell. Ich sah noch, wie er mit dem Daumen die Spritze langsam nach unten drückte – und weg war ich. Ich hörte den Arzt wie er redete, merkte den Schlauch in meinem Rachen, spürte den Schmerz. Aber Dormicum lässt einen vergessen. Ich weiß, es tat weh, aber mir war das egal. Es war ein bisschen so, als ob Kopf und Körper getrennt gewesen wären.

Ich glaube, mein Arzt drückte später noch einmal die Spritze, als ich wieder wacher wurde. Aber sicher bin ich mir nicht. Als er fertig war, sagte er, ich könne jetzt aufstehen. Wie nach einer Hypnose, wenn der Hypnotiseur in die Hände schlägt, war ich von einem Moment auf den anderen wieder bei vollem Bewusstsein. Meine erste Reaktion: Ich grinste. Ich fühlte mich toll, zwar etwas schwach auf den Beinen, aber glücklich mit dieser Welt. Mein Arzt meinte, er werde mir zur Diagnose noch nichts sagen, weil ich es vergessen würde. Kann gut sein, dachte ich und grinste immer noch. Ich hatte den besten Rausch meines Lebens. Ich wankte nach Hause, grinste weiter, und ging ins Bett. Es dauerte bis zum Abend, bis die Welt wieder normal aussah.

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