Zeitung Heute : Der Rechtsstaatsdiener

Eines Tages vor fünf Jahren kam eine Türkin in seine Kanzlei: Sie hieß Kurnaz, ihr Sohn war in Guantanamo. Der Bremer Anwalt Bernhard Docke und sein schwierigster Fall

Eckhard Stengel[Bremen]

Bernhard Docke kommt zurzeit kaum noch zu seiner eigentlichen Arbeit: Mordverdächtige verteidigen, Beweisanträge schreiben, Häftlinge besuchen. „Seit einer Woche herrscht hier Ausnahmezustand“, sagt er. Bernhard Docke, Jahrgang 1955, Fachanwalt für Strafrecht in Bremen, Vater zweier halbwüchsiger Kinder, ständig wollen Journalisten ihn zu seinem prominentesten Mandanten befragen: dem Ex-Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz. Oder zu sich selbst.

Doch Bernhard Docke ist keiner jener Anwaltsstars wie zum Beispiel Rolf Bossi aus München, er fühlt sich nicht wohl im Vordergrund. Er ist eher wie Heinrich Hannover. Für Jüngere: Das ist jener Rechtsanwalt, der zusammen mit Otto Schily, dem späteren Innenminister, RAF-Terroristen verteidigte, ohne sich mit ihnen gemein zu machen, oder der im späten Prozess um den Mord am KPD-Chef Ernst Thälmann dessen Tochter als Nebenkläger vertrat. Und der nebenbei Kinderbücher schreibt.

Docke sagt, Hannover sei für ihn ein Vorbild. Jahrelang hat er mit ihm Tür an Tür gesessen. Denn die Sozietät, der Docke seit 1989 angehört, heißt „Dr. Heinrich Hannover und Partner“. Der 81-jährige Senior privatisiert inzwischen – aber sein Geist weht weiter durch die Gemeinschaftskanzlei. Docke sagt über Hannover, „dass er ein unbeugsamer und manchmal auch unbequemer Kämpfer für das Recht gewesen ist“.

Fragt man Docke nach sich selbst, nach seinem Leitmotiv, zögert der hagere Schnauzbartträger mit der runden Literatenbrille zunächst, bis er sagt: „Ich möchte Unrecht vermeiden, und da, wo es passiert ist, dagegen angehen. Und Menschen in Not helfen, wenn das mit rechtsstaatlichen Mitteln möglich ist.“

Einmal stand er einer Kioskverkäuferin bei, die gesehen haben wollte, dass Polizisten auf dem Bahnhof von Bad Kleinen einen Terroristen hingerichtet hätten. „Die war ja quasi für verrückt erklärt worden“, sagt Docke. Er wurde der Zeugenbeistand der Frau.

Die meisten seiner Aufträge sind nicht so spektakulär. Seit seiner Zulassung als Anwalt 1983 bearbeitet er „die ganze Skala des Strafgesetzbuches“. Schließlich muss er auch Geld verdienen. Sonst hätte er sich vielleicht gar nicht leisten können, ja zu sagen, als die türkische Hausfrau Rabiye Kurnaz 2002 in der Kanzlei am noblen Innenstadt-Boulevard Am Wall aufkreuzte und ihn bat: Helfen Sie mir, mein Sohn sitzt in Guantanamo. Ohne groß nachzudenken und ohne aufs Geld zu schauen, übernahm er den Fall.

Damals konnte er nicht ahnen, dass es sein schwierigster Auftrag werden würde, der ihn fünf Jahre in Atem halten sollte. Trotz Zuwendungen von Menschenrechtsorganisationen: Die meisten seiner weit über tausend Arbeitsstunden wurden ihm nicht vergütet. „Aber ich konnte doch nicht sagen: Dann lasse ich den armen Jungen eben schmoren.“ Beim Durchhalten halfen Docke die Hoffnung auf ein gutes Ende und sein Gefühl, „dass hier schreiendes Unrecht passiert“, sagt er, gegen das er angehen müsse. „Das setzt Adrenalin frei.“

Docke schrieb Briefe an die deutsche, die türkische, die US-Regierung. Er reiste mit Mutter Kurnaz in die USA und erstritt dort mit amerikanischen Kollegen Urteile gegen die Bush-Regierung. Einmal sah es so aus, als würde Häftling 061 in die Türkei entlassen. Docke ließ alles stehen und reiste mit Familie Kurnaz nach Istanbul – Fehlanzeige. Überhaupt war der Fall eine ziemliche Herausforderung.

Der Anwalt hatte seinen Mandanten nie gesehen und konnte zunächst sein juristisches Handwerkszeug kaum anwenden, weil sich Kurnaz „in einem rechtsfreien Raum befand“: einem „mittelalterlichen Knast in der Moderne“, wie Docke sagt. Erst Angela Merkel holte ihn 2006 dort heraus.

Hatte Docke nie Zweifel an der Unschuld seines Mandanten? „Das war für mich gar nicht die Frage“, sagt er. „Keiner hat Guantanamo verdient“ – egal ob schuldig oder nicht. Dennoch ist er erleichtert über das Urteil von Geheimdienstlern und Staatsanwälten, dass der streng gläubige Muslim nichts Strafbares angestellt habe.

Dem Fall Kurnaz verdankt der Anwalt nicht nur die Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte, sondern auch eine neue Erkenntnis: „Ich bin deutlich argwöhnischer gegenüber staatlichen Gremien geworden.“

Besonders groß sei seine Enttäuschung über die rot-grüne Bundesregierung. „Ich war früher auf der Linken. Wo ich heute bin, weiß ich auch nicht so genau.“ Eines weiß Docke inzwischen ganz sicher: Nachdem er hautnah erlebt hat, „dass ein Staat mit nackter Willkür jemanden wie einen Vogelfreien behandeln kann“, schätzt er mehr denn je „den Wert rechtsstaatlicher Errungenschaften“. Wenn sie denn zum Zuge kommen.

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