Zeitung Heute : Der Reiz der Uniform

Modellversuch mit Folgen: das Projekt Schulkleidung

Annette Kögel

Michaela und Sandra können sich noch heute nicht von den Klamotten trennen. Vier Jahre danach tragen sie immer noch die blauen Sweatshirts mit dem Schullogo, deren Bilder um die Welt gingen. Für die Abiturientinnen des Steglitzer Willi-Graf-Gymnasiums sind die Teile ihrer Schuluniform mehr als ein Stück Stoff. Es sind Erinnerungen an eine Zeit kurz nach dem Millenniumswechsel, als die Schüler bundesweit in Fernsehstudios und zu Radiosendern eingeladen wurden. An die aufregenden Monate, als die Jugendlichen zuletzt schon genervt waren von den Medienvertretern, die ein und aus gingen in der Schule am Ostpreußendamm: Journalisten aus Japan und Indien, vom „heute-journal“ des ZDF und vom „Spiegel“, von n-tv und MTV. Sie alle dokumentierten den Modellversuch des Tagesspiegels zu Schuluniformen. Eine fixe Idee, einst in der Redaktionskonferenz vorgetragen – heute ist das Experiment in Schulbüchern dokumentiert, im Deutschen Historischen Museum archiviert, in unzähligen Diplomarbeiten analysiert.

Damals hörte man viel von Jugendlichen, die sich auf Berlins Straßen gegenseitig die Jacken abziehen, ihren Selbstwert vor allem über Markenklamotten definieren, die sich aber nicht alle leisten können. Lässt sich dieses Problem durch einheitliche Kleidung lösen? Vereint Schulklassen ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl, wenn Schüler wie die Spieler einer Fußballmannschaft optisch ein geschlossenes Bild abgeben? Über die Antwort auf diese Fragen konnte man nur spekulieren. Also startete die Zeitung selbst ein Experiment. Monatelange Vorbereitungen waren nötig, bis die Idee umgesetzt werden konnte und der damalige Chefredakteur Giovanni di Lorenzo das Projekt am 22. Mai 2001 während einer Pressekonferenz mit Modenschau der Öffentlichkeit vorstellte. Schulsenator Klaus Böger (SPD) war als Gast dabei.

Zunächst wurden Schulen gesucht, die mitmachen. Möglichst heterogen sollten sie sein, möglichst Klassen mit Cliquenwirtschaft, in denen Schüler wegen ihrer Kleidung ausgeschlossen wurden. Aber, und das war die zweite Voraussetzung: Niemand sollte gegen seinen Willen mitmachen müssen. Die ganze Klasse – auch die Lehrer – sollte zustimmen, gut zwei Monate bis zu den Sommerferien durchzuhalten und dann ein Fazit zu ziehen: Bringen Schuluniformen was oder nicht? Die Redaktion wurde nach dem Aufruf überschüttet von Anfragen – über 50 Schulen bewarben sich.

Einen Sponsor für die Klamotten zu finden, war nicht so einfach. Viele Telefonate, viele Meetings. Viele Absagen. Nicht aus Desinteresse, sondern aufgrund mangelnder finanzieller Möglichkeiten. Bei der Sportarena der Galeria Kaufhof klappte es. Geschäftsführer Detlef Steffens war spontan Feuer und Flamme: „Das kriegen wir irgendwie hin.“ Und so war es. Plastiktüten mit Musterkleidung wurden in die ausgewählten Modellschulen geschleppt: die Klasse 8a des Willi-Graf-Gymnasiums in Steglitz und die 10c der Heinrich-Ferdinand-Eckert-Hauptschule in Friedrichshain. Die Schüler konnten zwischen verschiedenen Schnitten und Farben auswählen.

Die Steglitzer entschieden sich für den sportlich-legeren Sportdress, die Friedrichshainer Hauptschüler bevorzugten das etwas edlere Dunkelblau-Weiß. Den Test konnten die Tagesspiegel-Leser regelmäßig verfolgen, auch im Schüler-Tagebuch. Die Jugendlichen rechneten mit spöttischen Sprüchen, Blicken, Beleidigungen – das hatten sie vorher zugegeben.

„Mir ist aufgefallen, dass schon in der kurzen Zeit die Klassengemeinschaft besser geworden ist. Mit fast allen verstehe ich mich jetzt. Sinnvoll ist die Uniform auf alle Fälle“, notierte Sasskia Jerabek, 14, aus der 10c. „Besonders wenn wir in der Gruppe unterwegs waren, fielen wir den Passanten auf. Und das war eigentlich immer ein angenehmes Gefühl, jedenfalls wenn unsere Klasse zusammen war“, schrieb Mitschüler Christian Scholz. Es war die Begeisterung der ersten Tage. Doch die Exoten wurden auch belächelt, „weil wir an der Schule die Einzigen in Uniform waren“, berichtete Max Boehnke, Klassensprecher der 8a. „Die uns am meisten auslachen, beneiden uns am meisten“, so sah das Lucy Reichelt, Klassensprecherin der 10c. Das Durchhaltevermögen bröckelte, es wurde viel diskutiert.

Punker Stephan aus der 8a, der Springerstiefel und Umhängeschloss zum Sportdress trug, ermahnte die anderen, dennoch durchzuhalten. In der 10c landeten die Klamotten auch mangels zweiter Wechselgarnitur schon mal im Papierkorb. Ob Steglitz oder Friedrichshain: Die meisten fanden es letztlich „langweilig, jeden Tag das Gleiche anzuziehen“. Das Fazit der Schüler: Wenn schon, dann alle, und zwar ab der ersten Klasse. Die Mehrzahl befand wie die beiden Lehrer: Die Klassengemeinschaft sei besser geworden. Noch heute fragen Journalisten, Lehrer, Bildungsfachleute etwa aus Hamburg bei ihr nach, sagt Willi-Graf-Lehrerin Marianne Strohmeyer. Es gebe jetzt übrigens neben den hellblauen Schulsportshirts auch Käppis für alle. In Potsdam will die Max-Dortu-Grundschule ab diesem Winter Schuluniformen einführen.

Das Experiment Schulkleidung war nicht das einzige Projekt, in dem sich der Tagesspiegel mit Jugendlichen und ihrer Lebenswelt direkt auseinander setzte. Ende der 90er Jahre machte er für mehrere Jahre über das „Klasse!“-Projekt zehntausende Schüler mit der Zeitung vertraut. Ein dicker roter Ordner mit Unterrichtsmaterialien wurde zusammengestellt, noch immer wird aus Schulen deswegen nachgefragt. Klassen in der Schule wurden besucht oder zu Führungen durch den Zeitungsverlag eingeladen. Einmal im Monat erschien die „Klasse!“-Sonderseite mit Beiträgen von Schülern zu Themen, die ihr Leben prägen. „Lifestyle und Konsum“ hieß eine Seite. Auch hier ging es um Markenzwang.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben