Zeitung Heute : Der Reiz des Verbotenen

SCHAUBÜHNE Lars Eidinger lässt in „Romeo und Julia“ die romantische Blase platzen.

PATRICK WILDERMANN

Wenn nur der Stücktitel fällt, hat jeder dieses Bild vor Augen: die Balkonszene aus „Romeo und Julia“. Sie oben, er unten. Theaterklischeegerechter geht’s kaum. Lars Eidinger allerdings hat die größte Liebesgeschichte aller Zeiten nie auf der Bühne gesehen. Ein klarer Vorteil, so kann er als Regisseur mit unverstelltem Blick zu Werke gehen. Klar, Eidinger kennt die einschlägigen „Romeo und Julia“-Verfilmungen, die historisch korrekte von Franco Zeffirelli, die bildgewaltige von Baz Luhrman. Gute Filme, aber sie lassen ihn mit Fragen zurück. Zum Beispiel: „Was wollen Romeo und Julia eigentlich voneinander?“ Warum würden sie füreinander sterben – obwohl sie sich doch gerade erst gesehen haben? Eidinger hat sich vorgenommen, „diese romantische Blase platzen zu lassen“, die das Shakespeare-Stück umschließe. Zum Kern des „Ich liebe dich“ vorzudringen.

Eidinger, der große „Hamlet“-Zampano, hat an der Schaubühne 2009 bereits Schillers „Räuber“ inszeniert, ein geglücktes Debüt mit Studenten im Studio des Hauses. Jetzt folgt seine zweite Regiearbeit, im größten Saal, mit Profikollegen. Was ihn dabei zuversichtlich stimmt, ist schon mal die Tatsache, „dass ich mich hundertprozentig auf den Autor und das Stück verlassen kann“. Für Eidinger kommt im Theater erst Shakespeare. „Und dann lange nichts.“ Mit entsprechender Lust und Genauigkeit liest er die Tragödie.

Zum Beispiel der berühmte Maskenball-Moment. Nicht nur bei Baz Luhrman verfallen Romeo und Julia einander im Tanz, ohne zu wissen, dass sie verfeindeten Familien entstammen. So stehe es aber nicht bei Shakespeare, betont Eidinger. Da werde Romeo zugeflüstert: Das ist eine Capulet! Und ihr: Das ist ein Montague! „Und dann verlieben sie sich ineinander“, betont er. Also: Der Reiz des Verbotenen macht den Kitzel aus. Und dieses Sehnsuchtsmotiv der Unerreichbarkeit werde bis in den Tod gesteigert, so der Regisseur.

Oder die Balkonszene. Von wegen Schmachtkitsch! Da solle noch mal einer behaupten, in den klassischen Dramen seien die weiblichen Parts alle unterbelichtet. „Für mich ist Julia auf dem Balkon die Inkarnation der modernen, reflektierten Frau“, beschreibt Eidinger. Die sage dem Romeo klipp und klar: Ich finde dich scharf, aber wenn ich gleich heute mit dir ins Bett gehe, hältst du mich doch für ein Flittchen. Zügeln wir unsere Leidenschaft, heiraten wir, dann können wir miteinander schlafen.

Eidinger ist kein Freund der Illusion. Die Behauptung einer bruchlosen Bühnenrealität gerate meist zum Kunstgewerbe, findet er. „Wenn ein Schauspieler als Verletzter auftritt und ich nicht gesehen habe, wie er sich das Blut über den Kopf kippt, fühle ich mich belogen.“ Bei ihm werden sich Romeo und Julia in einem Pappkulissen-Bühnenbild begegnen, die theatralen Mittel werden offen ausgestellt. Wie bei Jürgen Gosch, dessen „Macbeth“ Eidinger als Erweckungsserlebnis nennt. Und trotzdem könne gerade das Sichtbarmachen des Als-ob dazu verführen, das Spiel ernst zu nehmen, ist Eidinger überzeugt.

Eigentlich wollte Eidinger nach der „Räuber“-Erfahrung kein zweites Mal Regie führen. Weil er merkte, dass sich für ihn als Regisseur – anders als im Spiel – die Anspannung der Probenarbeit nicht im befreienden Rausch entlud. „Obwohl ich die Studenten alle ins Herz geschlossen hatte, saß ich bei jeder Vorstellung schweißüberströmt da und dachte: Sie haben es immer noch nicht verstanden“, beschreibt er seine Nöte. Nun aber hat er geschätzte und gestandene Kollegen um sich versammelt – und fühlt sich frei von Erwartungsdruck. Die Haltung sei doch: Regie führen kann der eh nicht, sagt Eidinger achselzuckend. Aber sorgt er sich nicht, ob er den größten Saal füllen kann? „Der Stoff ist so stark, wenn man den nicht komplett vermasselt, bekommt man damit auch das Olympiastadion voll.“

PATRICK WILDERMANN

Premiere 17.4., 20 Uhr

Weitere Vorstellungen 18. und 20.4., jeweils 20 Uhr

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