Zeitung Heute : Der Revolutionär als Diplomat

Der Tagesspiegel

Von Cordula Eubel

Florian Gerster ist ruhig geworden. Leise Töne statt markiger Sprüche haben seinen ersten offiziellen Termin als neuer Behördenchef der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit bestimmt. Ausgerechnet der unbequeme Gerster, der sonst nie ein Blatt vor den Mund genommen hat, fiel gestern vor allem durch Diplomatie und Loyalität gegenüber seiner eigenen Behörde auf. Wer bei Gersters erstem Auftritt erwartet hatte, der neue Behördenchef werde neue radikale Arbeitsmarktreformen fordern, wurde enttäuscht. Auf die Frage, was er als erstes ändern wolle, reagierte Gerster ausweichend. Man müsse „ergebnisoffen“ diskutieren und die Vorschläge der Reformkommission abwarten, die im August vorliegen sollen.

Noch in den vergangenen Tagen und Wochen hat sich der ehemalige rheinland-pfälzische Sozialminister nicht davor gescheut, seine ambitionierten Vorschläge in die Öffentlichkeit zu posaunen: Das Arbeitslosengeld wollte er künftig stark degressiv gestalten, also nach einem höheren Einstiegsniveau schneller kürzen, die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes für ältere Arbeitnehmer verkürzen. Dafür musste Gerster – noch vor seinem offiziellen Amtsantritt – viel Schelte einstecken, viele fühlten sich brüskiert: allen voran die Gewerkschaften, aber auch Teile der SPD, aus deren Reihen Gerster stammt.

Kein Wunder, denn Gerster verkündet unbequeme Wahrheiten. Diese Vorschläge gehen in die richtige Richtung, Reformen in der Arbeitsmarktpolitik sind längst überfällig. Und sie werden – intern – in der SPD schon länger diskutiert. Offiziell will dieses Thema derzeit aber niemand anfassen. Nicht im Wahljahr, das könnte Stimmen kosten und die Gewerkschaften zusätzlich auf die Barrikaden treiben.

Auch gegenüber der eigenen Behörde schlug Gerster, der die Mitarbeiter für die geschönten Vermittlungsstatistiken noch vor kurzem gescholten hatte, leise Töne an. „Sehr viel Sachverstand und Problembewusstsein“ habe er angetroffen, lobte der neue BA-Chef. Und räumte dann immerhin ein, dass „die Strukturen nicht optimal„ seien.

Woher kommt Gersters neue Diplomatie? Als Sozialminister in Rheinland-Pfalz hat er sich selten darum geschert, dass er mit seinen Reformvorschlägen aus den eigenen Reihen zurückgepfiffen wurde. Damals machte es ihm nichts aus, etwa Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, nebenbei gesagt auch eine Sozialdemokratin, mit seinen Umbauplänen zur Gesundheitspolitik in den Rücken zu fallen.

Ist Gerster zahm geworden? Vielleicht ist er nur klug – und wartet auf die Zeit nach den Bundestagswahlen. Vielleicht packt er seine Ideen dann wieder aus. Hoffentlich.

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