Zeitung Heute : Der richtige Dreh

50 000 deutsche Ingenieure sind ohne Job. Auf der anderen Seite werden dringend Experten mit Spezialwissen gesucht, vor allem in Forschung und Entwicklung

Silke Zorn

Wer in einem Satz beschreiben sollte, was ein Ingenieur eigentlich so tut, würde sich bei dieser Aufgabe wohl ziemlich schwer tun. Denn „den“ Ingenieur schlechthin gibt nicht. Was es dagegen gibt sind über dreißig verschiedene ingenieurwissenschaftliche Teildisziplinen – von Architektur über Elektrotechnik und Maschinenbau bis hin zu Vermessungswesen und Werkstofftechnik. Eines haben technische Berufe allerdings gemeinsam: Ohne kontinuierliche Weiterbildung gehören Ingenieure schnell zum alten Eisen.

„Der Bedarf an Ingenieuren ist enorm“, sagt Joachim Neuerburg vom Wissensforum des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). Eine aktuelle Studie des Vereins bestätigt: Deutschland fehlen rund 15 000 Ingenieure – Tendenz steigend. Besonders im Bereich Forschung und Entwicklung konnten bei erfolgreichen Unternehmen 50 Prozent der freien Stellen nicht besetzt werden. Doch wie erklärt es sich dann, dass zurzeit rund 50 000 Ingenieure auf der Straße sitzen? „Viele haben es schlicht und einfach versäumt, ihr Wissen in den vergangenen Jahren oder sogar Jahrzehnten up to date zu halten“, meint Joachim Neuerburg. Wie wichtig Weiterbildung ist, unterschätzen nach Meinung des Experten sowohl Arbeitgeber als auch Bewerber. Dabei ist laut DVI-Studie fachliche Fortbildung und der Erwerb von Spezialwissen besonders wichtig, „natürlich immer ausgerichtet am Bedarf des jeweiligen Unternehmen“, betont Neuerburg.

Hoch im Kurs steht außerdem fächerübergreifendes Wissen. Denn egal ob Auto, Spülmaschine oder industrielle Fertigungsanlage, immer mehr Produkte funktionieren heutzutage nur dank ausgefeilter Elektronik. Daraus ergeben sich auch neue Anforderungen an die an der Entwicklung und Herstellung Beteiligten: Interdisziplinäres Know-how in Mechanik, Elektronik und Informations- und Kommunikationstechnik wird immer wichtiger. Dem trägt der in Deutschland noch recht junge Studiengang Mechatronik Rechnung, der neben den klassischen Ingenieursdisziplinen vor allem moderne Informationstechnologien in den Vordergrund rückt. Entsprechende Bachelor- und Masterprogramme gibt es an Fachhochschulen und Universitäten. In Berlin hat zum Beispiel die Technische Fachhochschule (TFH) einen Studiengang Mechatronik im Programm.

In der Hauptstadt bieten sich darüber hinaus gute Weiterbildungsmöglichkeiten für Bauingenieure, etwa beim Bildungswerk des Bundes Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure (BDB), der Berliner Architekten- oder der Berliner Baukammer. Bei letzterer reicht das Programm von Vorträgen zur Honorarordnung über Fragen zu Haftung und Versicherung bis hin zu Fachthemen wie Vermessungstechnik oder das Heizen mit Biomasse. Die Vorträge sind preisgünstig; für Kammermitglieder sogar oft kostenlos. Und auch per E-Learning kann man sein Wissen über Baumechanik & Co. auf den neuesten Stand bringen: in einem berufsbegleitenden Aufbaustudiengang der Universität Hannover mit den Schwerpunkten Bauwerksplanung und -konstruktion, der mit dem „Master of Science“ im Bauingenieurwesen abschließt. Noch bis zum 31. März läuft die Bewerbungsfrist für das nächste Semester.

Auch Zusatzwissen in Betriebswirtschaft oder Management können der Ingenieurs-Karriere auf die Sprünge helfen. Joachim Neuerburg vom VDI rät allerdings dazu, sich zunächst darüber klar zu werden, ob man seine berufliche Zukunft wirklich in Management oder Vertrieb sieht. Wer Lust hat, über den technischen Tellerrand zu schauen, könnte in einem MBA-Programm gut aufgehoben sein. Der „Master of Business Administration“ ist der wohl populärste Master-Studiengang und viele Hochschulen haben ihre MBA-Programme auf Akademiker ohne betriebswirtschaftliches Erststudium – wie Ingenieure, Ärzte oder Naturwissenschaftler – zugeschnitten.

Für den technischen Vertrieb kann man sich zum Beispiel an der Freien Universität Berlin fit machen, die bereits seit 1985 ein entsprechendes Weiterbildungsstudium anbietet. Seit Anfang 2005 wird der Titel „Executive Master of Business Marketing“ vergeben. „Von den rund 800 000 deutschen Ingenieuren landen etwa 20 Prozent im Vertrieb“, sagt Stefan Chatrath von der Freien Universität. Für viele sei die Arbeit ein Karrieresprungbrett, denn Ingenieure würden in Vertriebsteams häufig Schlüsselpositionen einnehmen.

Weiterbildung und lebenslanges Lernen sind gerade für ältere Ingenieure unerlässlich – zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Tüv Rheinland Group. Rund 200 Personalverantwortliche und 350 Ingenieure über 42 Jahre wurden zum Thema Weiterbildung befragt. Das Ergebnis: Viel ältere Ingenieure sind zwar in ihren jeweiligen Teildisziplinen fit, ihnen fehlt aber fächerübergreifendes Know-how.

Der VDI jedenfalls appelliert an Arbeitgeber, mehr für die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu tun. „Wer heute einen hoch qualifizierten Ingenieur verliert, wird wohl so schnell keinen gleichwertigen Ersatz finden“, sagt Joachim Neuerburg. Umso wichtiger sei es, gute Leute an das Unternehmen zu binden und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihr Wissen auf dem neuesten Stand zu halten.

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