Zeitung Heute : Der richtige Schliff Was die Gläser kosten

Im Lauf des Lebens ändern sich die Brillenmoden und die Anforderungen an die Gläser

Adelheid Müller-Lissner

Seine erste Brille bekam Jens K. mit zwölf. Seine Augen, so erklärte damals der Augenarzt, seien wie eine Kamera, deren Objektiv permanent auf Nähe eingestellt ist. Da war es kein Wunder, dass er nicht lesen konnte, was an der Tafel stand. Bei Kurzsichtigen wie Jens führt ein zu langer Augapfel dazu, dass sich die Lichtstrahlen schon vor der Netzhaut vereinigen. Zerstreuungslinsen, die in der Mitte dünner sind, können diesen Fehler korrigieren.

Mehrere Jahrzehnte lebte Jens deshalb mit dem, was Mediziner einen einfachen Brechungsfehler des Auges nennen, eigentlich ganz friedlich und ungestört. Ob im Auto oder in der letzten Reihe im Kino: Er sah scharf, auch in der Ferne. Je nach Lust, Laune und Anlass bediente er sich dazu unsichtbarer Kontaktlinsen oder modischer Brillen. Sie wurden zu seinem Markenzeichen.

Wenn er sich heute die alten Fotoalben anguckt, kommen ihm manche dieser Modelle ausgesprochen gewagt vor. Schön findet er sie längst nicht mehr alle. Doch nicht nur sein Geschmack hat sich gewandelt. Auch mit der Sehschärfe gibt es inzwischen neue Probleme. In der Nähe sieht er Kleingedrucktes neuerdings am besten, wenn er seine Brille abnimmt. Mit den Kontaktlinsen, die er zum Sport gerne trägt, wird das Leben deshalb ziemlich kompliziert.

Diesmal bemerkte der inzwischen 50-Jährige die Veränderung, als er einen Knopf annähen wollte und das Nadelöhr plötzlich so schwer zu treffen war. Die Fähigkeit des Auges, sich verschiedenen Entfernungen anzupassen, nimmt bei den meisten Menschen ab Mitte 40 ab. Das macht sich vor allem im Nahbereich bemerkbar. Als Jens sich mit seinen ehemaligen Mitschülern traf, um 30 Jahre Abitur zu feiern, holten Leute, die früher nie eine Brille getragen hatten, ihre Lesebrillen aus der Tasche, als die alten Fotos herumgingen.

Kurzsichtige haben es dann eigentlich besser, denn die Nähe ist ihre Domäne. Trotzdem reicht der Blick durch die verkleinernden Gläser nun nicht mehr aus, um auch Details scharf zu sehen. Folge: Die jahrelangen Dauer-Brillenträger nehmen nun typischerweise ihre Brille ab, wenn sie auf dem Stadtplan nach einer Straße suchen.

Das Auf und Ab kann auf die Dauer anstrengend werden. Kurzsichtige, bei denen ab einem gewissen Alter auch eine Fehlsichtigkeit für die Nähe hinzukommt, können von nun an gut eine Brille gebrauchen, mit der sie in der Nähe und in der Ferne gut sehen. Eine Brille für (fast) alle Lebenslagen.

Der richtige Schliff macht das auch längst möglich. Bifokalgläser sind im oberen Teil für den Blick in die Ferne eingerichtet, beim Kurzsichtigen also mit Zerstreuungslinsen. Der untere Teil macht das Lesen leichter. Hier braucht der altersbedingt Weitsichtige eine starke Korrektur durch eine Sammellinse, der Kurzsichtige ist in diesem Bereich oft mit einer schwachen Korrektur zufrieden.

Trifokalgläser bieten dazu noch einen Zwischenteil, der optimal auf die Entfernung zwischen 50 Zentimetern und einem Meter abgestimmt ist: Dadurch wird die Computerarbeit wieder angenehmer, vor allem für Menschen ab 55, bei denen auch die Anpassungsfähigkeit des Auges auf diesen mittleren Bereich oft nachlässt. Wer viel am Computer arbeitet, kommt dann vielleicht auch mit einer Office- oder Arbeitsplatzbrille gut zurecht, die den Bereich zwischen 40 Zentimetern und zwei bis drei Metern optimal korrigiert. Im Lauf der Jahre können sich in allen Bereichen die Anforderungen ändern, dann müssen neue Gläser her.

An diese Allround-Modelle, so praktisch sie sind, muss man sich jedoch erst einmal gewöhnen. Viele empfinden zum Beispiel die Trennkanten der Mehrstärkengläser beim Wechsel zwischen den Glasstärken als störend.

Bei Gleitsichtgläsern sind die Übergänge zwischen „nah“, „Mitte“ und „fern“ fließend. Auch optisch fallen sie nicht oder kaum auf. „Gleitsichtgläser sind besonders empfehlenswert für Menschen, die eine Fehlsichtigkeit für die Nähe und für die Ferne haben“, sagt der Augenarzt Georg Eckert, Pressereferent des Berufsverbandes der Augenärzte. Allerdings sind diese Gläser nicht ganz billig. Und auch an die raffinierten Mehrstärken-Gläser müssen sich viele erst einmal gewöhnen. Zum Beispiel beim Treppensteigen, wenn der Blick meist automatisch durch den unteren Leseteil der Brille geht, obwohl es sich doch um eine größere Entfernung handelt, für die der obere Teil maßgeschneidert wurde.

Seit das Gesundheitsmodernisierungsgesetz in Kraft ist, zahlen die gesetzlichen Krankenkassen für Sehhilfen grundsätzlich nur noch:

– bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren

– Bei schwer Sehbeeinträchtigten

– Für therapeutische Sehhilfen, etwa nach Verletzungen oder bei Augenerkrankungen

Die Kassen haben für Brillen allerdings auch vor Inkrafttreten des Gesetzes nicht viel bezahlt. „Eigentlich war das mehr ein symbolischer Beitrag im Vergleich zu den Kosten der meisten Gestelle und Gläser“, sagt Augenarzt Georg Eckert.

Die augenärztliche Brillenbestimmung selbst bezahlt die gesetzliche Krankenkasse. Die Preisdifferenzen für Mehrstärkenbrillen sind jedoch groß. Einfache Bifokalgläser gibt es bereits ab 50 Euro pro Glas, bei komplizierten Brechungsfehlern und Extras wie Entspiegelungen,

Tönungen oder Kunst-

stoff mit Spezialbe-

schichtung müssen aber mitunter bis zu 450 Euro für ein Glas bezahlt werden. aml

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