Zeitung Heute : Der routinierte Doktor

Akademische Ehrungen hat Marcel Reich-Ranicki oft erhalten: Acht Doktorhüte waren es bisher. Den neunten verlieh ihm nun die Humboldt-Uni – und das ist ein ganz besonderer

Gerrit Bartels

Dass Marcel Reich-Ranicki an diesem Freitagvormittag im Audimax der Berliner Humboldt-Universität über die Maßen bewegt oder gar gerührt gewesen ist, lässt sich nicht behaupten, zumindest sieht man ihm das nicht an. Leicht verwundert nimmt er die in eine blaue Schleife gerollte Ehrendoktorurkunde entgegen. Ach ja, das gehört ja mit dazu, scheint er zu denken und bittet die Umstehenden, die Schleife zu lösen und die Urkunde aufzurollen. Vergnügt lächelnd hört er sich dann an, wie HU-Präsident Markschies vorträgt, was auf der Ehrendoktorurkunde auf Latein geschrieben steht.

Als schließlich die Rede an ihm ist, beginnt er zu erzählen, wie er 1946 nach Berlin zurückkehrte und wie froh ihm dabei zumute war, an Universität und Staatsoper vorbeizufahren, „zwischen zwei Gebäuden, in denen sich mein Leben abspielen sollte. Das aber hat man mir verwehrt.“ Und wie wenig Hass er auf die Universität verspürte, denn „als Jude wäre mir überall in Deutschland der Zugang zu einer Universität verboten worden“.

Marcel Reich-Ranicki ist es gewöhnt, Ehrendoktorwürden zu empfangen. Die von der HU verliehene ist seine inzwischen neunte, seine erste hatte er 1972 im schwedischen Uppsala erhalten. Trotzdem ist vor dem Hintergrund seiner Vita gerade diese Auszeichnung etwas ganz Besonderes, mehr noch als die Ehrenpromotion der Berliner FU vor zwei Jahren, die wie eine stellvertretende Würdigung wirkte. An der Vorgängerin der HU, der Friedrich-Wilhelm-Universität, war Reich-Ranicki auf eine schriftliche Bewerbung hin am 7. April 1938 ein Studienplatz verweigert worden. Er hatte dann noch auf Drängen seiner Mutter und „um der Weltfremdheit die Krone aufzusetzen“, wie er in „Mein Leben“ schreibt, um ein Gespräch beim Rektor der Universität ersucht und wurde gar höflich empfangen: „Offenbar wollte er nicht sagen, dass Juden zum Studium nicht zugelassen seien. Er hat sich daher bloß auf den Mangel an Studienplätzen berufen.“

Der vielleicht größte und sicherlich prominenteste deutschsprachige Literaturkritiker seit Ende des Zweiten Weltkriegs durfte nicht Literatur studieren, und er studierte auch später nicht Literatur: Erst als Dozent kehrte er 1961 in Göttingen erstmals wieder an eine Universität zurück. 69 Jahre aber hat es gedauert, dass Reich-Ranicki wieder einen Fuß in das Universitätsgebäude Unter den Linden setzt und dann vom Dekan der Philosophischen Fakultät, Michael Kämper-van den Boogart, gesagt bekommt: „Dass die Ehrendoktorwürde für Marcel Reich-Ranicki eine bescheidene Anerkennung seiner wissenschaftlichen und publizistischen Leistungen darstellt, ist die einhellige Auffassung der akademischen Gremien der Philosophischen Fakultät.“

Diese Leistungen Reich-Ranickis entsprechend zu würdigen, daran versuchen sich an diesem Vormittag Dekan, Präsident, Kulturstaatsminister Neumann sowie der Laudator Peter Wapnewski, seines Zeichens Germanistikprofessor und langjähriger Weggefährte Reich-Ranickis. Sie machen das geschickt-zurückhaltend wie HU-Präsident Markschies, der sagt, dass die Auszeichnung Reich-Ranickis gar keine Wiedergutmachung sein könne: „An dieser Stelle darf kein Balsam auf die Wunden gestreut werden und kein falscher Frieden proklamiert werden; viel zu bedroht sind Wahrheit und Freiheit in der Wissenschaft, als dass man die braunen und roten Jahre für einen Betriebsunfall der Alma Mater Berolinensis ausgeben dürfte (...). Historische Schuld ist keine Bankschuld, die durch ein paar Taler Wohlverhalten getilgt werden kann.“

Und sie machen das gekonnt-akademisch-galant wie Wapnewski, der weder vergisst, auf die Rolle von Reich-Ranickis Ehefrau Teofila hinzuweisen. Noch es sich nehmen lässt, den Literaturkritiker Reich-Ranicki als „Magier des Subjektivismus“ zu feiern, die „Fehlbarkeit des leidenschaftlichen Subjektivismus“ als „Privileg“ zu bezeichnen und auch seine „Theoriefremdheit“ zu erwähnen und als einen Vorzug auszulegen.

Sie alle aber, Grußwortüberbringer und der um keine Anekdote verlegene Laudator, vermögen mit ihren Reden nicht dem Geehrten in puncto Unterhaltung das Wasser zu reichen, und zwar solcherart, dass die junge Garderobenfrau zu ihrem draußen die Garderobe bewachenden Kollegen am Ende der Veranstaltung sagt: „Bei Reich-Ranicki, da hast du was verpasst“. Reich-Ranicki ist, wie er da so vergnüglich und entspannt auf dem Podium des vollen Audimax-Hörsaals sitzt, in seinem Element, er nimmt den zwei Feierstunden jegliches Pathos. Er spricht von seiner Wiederankunft in Berlin, aber nicht lange, denn es drängt ihn, jeden einzelnen seiner Vorredner zu loben – dafür, dass sie seine Bücher gelesen haben, dafür, dass sie auf die ihm zeit seines Lebens innewohnende Ironie eingegangen sind, dafür, dass sie erwähnt haben, dass „Kunst vor Leben“ sein Primat sei: „Ich hatte keine Chance. Ich musste an das Primat Kunst vor dem Leben glauben.“

Bemerkenswert ist einmal mehr, wie Reich-Ranicki es versteht, Witzchen zu reißen und den wie üblich blassen Bernd Neumann als Minister für Kultur und Medien vorzuführen: „Gehören Medien und Kultur also nicht zusammen?“ Und wie er immer wieder Werbung in eigener Sache macht – sein Buch „Anwälte der Literatur“ findet bestimmt viermal Erwähnung – und wie er es en passant schafft, in einem Atemzug Thomas Mann, Kafka und Brecht als Repräsentanten für „Ironie und Demut“ zu nennen, Hölderlin jede Ironie abzusprechen, und überhaupt: „Kleist steht mir näher als Hölderlin.“

Nicht weniger bemerkenswert: Reich-Ranicki gestattet sich weder einen Kommentar zum Alter noch zum Tod, sondern verweist lieber auf seine rege Tätigkeit als Herausgeber und „FAS“-Kolumnist. Da hält er es mit Wapnewski, der es sich vorher verboten hatte, das Alter zu verklären, vielleicht auch mit dem von ihm eher mäßig geschätzten Elias Canetti, der den Tod einst zu seinem Feind erklärte. In jedem Fall zeigt sich Reich-Ranicki auch an diesem Vormittag, da sich ein Schicksalskreis zu schließen scheint, als jemand, der offen ist, aufgeschlossen, freimütig. Und ohne jeden Hass.

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