Zeitung Heute : Der Rütli-Effekt

Seit Anfang Mai finanziert Berlin Betreuer an Hauptschulen / Neue Chancen für den Berufsstand

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Die Ziele hat Bildungssenator Klaus Böger (SPD) im „Arbeitsprogramm Hauptschule“ klar gesteckt: Bis 2010 soll die Zahl der Schülerabgänger ohne Abschluss halbiert werden; doppelt so viele Schüler sollen nach der Schule einen Arbeitsplatz finden. Daran wird auch der Erfolg der Arbeit der Sozialpädagogin Marion Hildebrandt an der Johannes-Lindhorst-Schule in Reinickendorf gemessen. Zusammen mit 19 anderen Sozialpädagogen, die mit Geld des Programms „ Jugendsozialarbeit an Hauptschulen“ der Senatsverwaltung finanziert werden, hat sie am 2. Mai ihre neue Stelle angetreten.

Ab August werden dann an allen Berliner Hauptschulen Sozialarbeiter eingesetzt. Für 2006 stehen hierfür 500 000 Euro zur Verfügung, ab 2007 etwa zwei Millionen Euro. Das Programm wurde schon im Januar beschlossen, aber gerade die Ereignisse an der Neuköllner Rütli-Schule haben die Öffentlichkeit für die teils desaströsen Zustände an Berliner Hauptschulen sensibilisiert. Der Arbeit von Sozialarbeitern wird mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht. „ Die Aufregung hat sehr viel in Bewegung gesetzt“, sagt Peter Sinram von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Noch liegt die Arbeitslosigkeit bei Sozialarbeitern und Sozialpädagogen nach Angaben des Deutschen Berufsverbandes für soziale Arbeit zwischen sieben und zehn Prozent und damit über dem Durchschnitt anderer akademischer Berufe. Doch mittelfristig rechnet Wilfried Nodes, Sprecher des deutschen Berufsverbandes für Soziale Arbeit, mit einer Entspannung auf dem Arbeitsmarkt: „Die Felder Bildung, Armut, Alter, Behinderung und Integration, in denen die Absolventen arbeiten können, werden immer bedeutender.“ Das Einstiegsgehalt beträgt derzeit bei Stellen des öffentlichen Dienstes etwa 1900 Euro brutto und im zweiten Jahr 2000 Euro. Die bedeutendsten Arbeitgeber sind die Einrichtungen der Kirchen, Diakonie und Caritas. Hier arbeitet etwa die Hälfte aller Sozialarbeiter und Sozialpädagogen, ein Viertel ist im öffentlichen Dienst angestellt. Jugendarbeit ist der klassische Einstieg in den Beruf. Hier sind etwa 40 Prozent aller Sozialarbeiter beschäftigt.

Die Sozialpädagogin Marion Hildebrandt hat gerade ihre Arbeit an der Johannes-Lindhorst-Schule angetreten, das Büro ist noch nicht ganz eingerichtet. Zur ersten Elternveranstaltung sind gerade einmal fünf Personen gekommen. „Wir wollen die Eltern dazu bringen, ein wenig die Tür zu öffnen“, sagt Hildebrandt. Denn die Schule brauche deren Mithilfe, um das Beste für die Kinder zu erreichen. Viele Eltern haben das Vertrauen in die Institution Schule verloren. Hildebrandt hofft, als unabhängige Person – ihr Arbeitgeber ist der Verein Horizonte – einen anderen Zugang zu ihnen zu haben. Neben der Elternarbeit soll sie Kontakte zu Firmen herstellen und pflegen, bei denen Schüler Praktika absolvieren können oder im Idealfall eine Lehrstelle bekommen. Außerdem entwickelt sie ein Schüler-Lernbüro, in dem sich Schüler über Berufsfelder informieren und auf Bewerbungen bei Arbeitgebern vorbereiten können. Die Sozialpädagogin springt dort ein, wo die Kompetenz der Lehrer aufhört. Sie soll Schule und Jugendarbeit miteinander verknüpfen.

Auch Silke Meyer kümmert sich im Neuköllner Rollbergviertel um Jugendliche. Sie ist Streetworkerin. Hätte sie Sprechzeiten, würde wohl keiner kommen. Viele ihrer Jugendlichen sind Schulverweigerer, haben keine berufliche Perspektive und leben von Hartz IV. Ein Großteil von ihnen kommt aus der Türkei oder ist arabischer Herkunft. Ihre Treffpunkte sind Straßen und öffentliche Plätze. „Dort suchen wir sie auf und versuchen mit ihnen ins Gespräch zu kommen, Vertrauen aufzubauen“, sagt Meyer. Das schafft sie durch Freizeitangebote. „Grillen im Tiergarten, bei den Jungs kommt das gut an.“ Meyer legt Wert darauf, von den Jugendlichen akzeptiert zu werden. Aber sie verstellt sich nicht und verwechselt auch nicht ihre Rolle: „Wir sind nicht deren Freunde oder die engen Kumpels.“ Sie unterhält sich mit den Jugendlichen auf Deutsch. Das fällt nicht allen leicht. Zum Teil fehlt aber auch die Akzeptanz der Jugendlichen, sich einem deutschsprechenden Sozialarbeiter anzuvertrauen. Um auch zu diesen jungen Leuten einen Zugang zu finden, stellt der Verein Gangway immer wieder Mitarbeiter ein, die andere Sprachen sprechen. „Es wird händeringend nach arabischsprechenden Sozialarbeitern gesucht“, sagt Meyer.

Meyer hilft den Jugendlichen, Anträge bei Behörden zu stellen und unterstützt sie bei der Suche nach einem Arbeitsplatz. Aber teilweise begleitet sie die Jugendlichen auch durch Gerichtsverfahren, ist Mittlerin zwischen Jugendgerichtshilfe und den Jugendlichen. Um die Jugendlichen angemessen bei den Behördengängen vertreten zu können, muss sie sich rechtlich auskennen. „Die Ansprüche an den Beruf sind gestiegen.“

Auch das Selbstverständnis der Berufsgruppe hat sich über die Jahre gewandelt. „Man könnte meine Stelle als mittleres Management bezeichnen, in der freien Wirtschaft würde das zumindest so heißen, aber meine Branche tut sich da immer noch etwas schwer mit“, sagt Waldemar Palmowski vom Verein Nachbarschaftsheim Schöneberg. Der Verein ist Träger von sieben verschiedenen Jugendeinrichtungen. Palmowski koordiniert deren Arbeit, entwickelt Konzepte, kü mmert sich um die Finanzierung. Der Stil der Arbeit habe sich verändert, sagt der 33-Jährige. Es müsse nicht mehr alles schwer und intensiv diskutiert werden. „Wir wollen nicht mehr die Welt retten, sondern aus den Mitteln, die wir haben, das Beste machen.“ Nach der Erzieherausbildung und dem angeschlossen Sozialpädagogikstudium belegt er nun neben der Arbeit einen Masterstudiengang Sozialmanagement.

Die Arbeit von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen ist auch von aktuellen Moden geprägt. Migranten sind derzeit ein wichtiges Thema, doch noch vor einigen Jahren wurde dieses Arbeitsfeld wenig beachtet. Zukünftigen Sozialpädagogen rät Verbandssprecher Wilfried Nodes deshalb, sich im Studium nicht zu sehr zu spezialisieren: „Wer sein Berufsleben mit frühkindlicher Erziehung beginnt, weiß nicht, ob er das mit Mitte Sechzig noch machen kann.“

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