Zeitung Heute : Der Ruhestifter

Egal, ob er Schnellboote einspart oder ein Hubschrauber in Kabul abstürzt – über den Verteidigungsminister klagt keiner. Nicht mal die Opposition. Peter Struck macht vieles wie sein Vorgänger Rudolf Scharping. Aber er hat Erfolg, weil er auf Visionen verzichtet. Sein Motto: Wat mutt, dat mutt.

Robert Birnbaum

Der Admiral hat sich so eine Mühe gegeben – und dann das. „Nö“, knurrt Peter Struck neben dem Pfeifenstiel her. „Nö, mein Herz schlägt da nicht höher.“ Der Mann hat Nerven! Es ist ein strahlender Spätsommertag gewesen, leichte Brise über der Ostsee, dazu ein paar dramatische Wetterwechselwolken am Himmel, und dann haben die Jungs von der Schnellbootflottille in Warnemünde dem Herrn Minister mal was gezeigt. Helme auf, weiße Gesichtsmasken, schrille Alarmglocken, weit hinten am Horizont plötzlich ein Punkt am Himmel, die „Dachs“ und die „Zobel“ und die „Hyäne“ drehen scharf zur Seite, 18000 PS dröhnen im Schiffsbauch, da ist der Punkt schon ein Tornado geworden und donnert knapp über dem Wasser vorbei. „Mann“, freut sich der Bärtige am Steuerrad, „36 Knoten und dann 20 Grad Kurve! Da oben is bestimmt alles geflogen!“

Durch das Tal des Todes

Es ist. Wenn nicht einer die Kaffeetassen festgehalten hätte, die fürs Ministermanöver auf dem Brückendeck aufgebaut sind, sie wären über Bord gegangen. Schnellbootfahren, ist das nicht doch so’n bisschen wie Motorrad auf dem Meer? „Nö – hör’ mal!“ Jetzt guckt Peter Struck sogar leicht beleidigt. Und dann erzählt er mal, was richtig Motorradfahren ist, hat er nämlich im Urlaub gemacht, auf ’ner gemieteten Harley Davidson von San Francisco die ganze Westküste runter. „Die Harley ist technisch ziemlich veraltet, gar kein Vergleich zur BMW. Aber das ist halt Kult da drüben.“ Bei 52 Grad sind sie durch das Tal des Todes gebrummt, „alles vermummt, schwarze Klamotten, Brille, Tuch vorm Mund, wie so’n Tuareg in der Wüste“. Zwei wollten nicht hören, sind im T-Shirt gefahren, hinterher einfach so von der Maschine gekippt, total ausgetrocknet. Struck hat jetzt die Pfeife aus dem Mund genommen, damit er zeigen kann, wie das mit der Vermummung geht. Da ahnt man, warum der Admiral seine Schnellboote hätte senkrecht auf ihren vier Schrauben tanzen lassen können, und es hätte dem Gast auch nicht viel mehr abgenötigt als dieses dröge „Nö“. Der Herr Minister braucht seine Bundeswehr nicht als Techno-Spielzeug. Er hat schon eins daheim in der Garage.

Überhaupt ist dieser Peter Struck für einen Bundesverteidigungsminister eine recht ungewöhnliche Nummer. Wer die Reihe seiner Vorgänger betrachtet, so wie sie im Flur vor dem Ministerzimmer im Bendlerblock in staatstragendem Schwarz-Weiß abfotografiert hängen, sieht Leib-und-Seele-Wehrminister wie Georg Leber und Manfred Wörner, sieht Abkommandierte wie die Christdemokraten Gerhard Schröder und Gerhard Stoltenberg, sieht Männer mit Drang zu Höherem wie Franz Josef Strauß, Helmut Schmidt, Volker Rühe. Historisch gehört Struck zu den Abkommandierten, am ehesten Verwandte im pragmatischen Geiste sind aber die zwei sozialdemokratischen Hanseaten, Hans Apel und Helmut Schmidt, letzterer abzüglich dessen Ehrgeiz.

Mit beiden hat Struck gesprochen, damals vor gut einem Jahr, als der Kanzler zu ihm kam und sagte: „Peter, du musst das jetzt machen.“ Er wollte nicht. SPD-Fraktionschef ist ein Job, der seinen Mann voll ausfüllt. Und wenn schon Minister, das ist für ihn eigentlich nie eine Frage gewesen, dann Finanzen. Der SPD-Abgeordnete Struck war nämlich mal „Haushälter“. Das prägt. Die Mitglieder des Finanzausschusses des Deutschen Bundestages sind eine demokratisch legitimierte Geheimloge. Die kennen nicht nur jeden Spiegelstrich im Bundeshaushalt. Die gehören auch zu den ganz wenigen Parlamentariern mit Macht. Wenn die Haushälter eine Ausgabe sperren, dann läuft erst mal gar nichts. Vor den Haushältern werden mächtige Minister leise und bescheiden.

Aber es ist eben der Kanzler gekommen und hat gesagt: „Peter, du musst.“ Und das hat er eingesehen. Erstens, weil er es am Ende meistens einsieht, wenn Gerhard Schröder „Du musst“ sagt. Und zweitens, weil es mit Rudolf Scharping beim besten Willen nicht mehr weiterging.

„Der Rudolf“ ist nach wie vor ziemlich wichtig, wenn man den Verteidigungsminister Struck beschreiben will, und zwar als Kontrastfigur. Es geht nämlich jedem so, dass ihm zu Struck vor allem einfällt, wie anders er ist als sein unglückseliger Vorgänger. Um es ein bisschen drastisch zu sagen: Scharping hielt sich für schlauer, weitsichtiger und begabter als alle anderen, den Kanzler inklusive. Vielleicht wird man viel später mal zu dem Schluss kommen, dass nur so einer mit Neigung zu Visionen überhaupt eine Großreform der Bundeswehr in Angriff nehmen konnte. Struck aber hat Aufstieg und Fall seines Vorgängers sorgsam studiert und daraus seine Lehren gezogen. Ist ihm nicht so schwer gefallen. Er ist sowieso anders.

Auf dem Flugfeld des Fliegerhorsts Rostock-Laage hat sich die Luftwaffe aufgebaut. Von jedem fliegenden Gerät ein Stück, von der Mig-29, die eigentlich schon komplett an das Neu-Nato-Mitglied Polen verschenkt ist, bis zur Lazarett-Transall. Die Mig, das hat er sich gemerkt und das will er jetzt sehen, hat unten im Fahrgestell einen Nagel. Wenn die Maschine zu hart aufsetzt, haut der Nagel mit der Spitze durch ein Metallplättchen. Dann wissen die Techniker: Wir müssen das Fahrwerk sorgsam inspizieren. West-Jets haben dafür komplizierte elektronische Sensoren, aber der Nagel der sowjetischen Ingenieure erfüllt seinen Zweck. Struck kriecht unter das Fahrgestell und lässt sich den Nagel zeigen. So was findet er gut. Ansonsten hat er es nicht so mit Einzelheiten. Das ist eine der Lehren, die er aus der Causa Scharping für sich gezogen hat: Du willst dich nicht in Aktenstapeln und Detailwissen verlieren.

Wie Scharping, aber ohne Girlanden

Das, sagt einer, der beide Minister aus der Nähe erlebt hat, macht Struck frei. Vielleicht spielt da die Erfahrung als Fraktionschef eine Rolle, diese ständige Übung im Delegieren und Balancieren. Entscheidungsprozesse im Hause Struck gehen so, dass der Minister Aufträge verteilt und dann abwartet, bis sich alle lange genug gebalgt haben. Dann lässt er sich vortragen. Dann entscheidet er. Das hat für die Fachleute oft etwas arg Hemdsärmeliges. Aber wenn man davon absieht, dass der Marineinspekteur Lutz Feldt die Ostsee-Show mit den Schnellbooten und den Marineflieger-Tornados aus dem schleswig-holsteinischen Eggebeck als eine Art still beleidigter Demonstration veranstaltet hat, weil Struck nämlich gerade entschieden hat, dass die Bundesmarine in kargen Zeiten keine Schnellboote mehr braucht und auch keine eigenen Kampfjets – wenn man also von solchen Sticheleien absieht, ist es geradezu unnatürlich ruhig um die Bundeswehr geworden. Kein Gejammer um Geld, obwohl es weiter überall fehlt. Kaum Klagen über Uralt-Material und Dauerstress im Auslandsdienst, obwohl sich an beidem nichts geändert hat. In Kabul hat es einen schlimmen Hubschrauber-Absturz gegeben und einen furchtbaren Anschlag – auf den Minister zeigt nicht einmal die Opposition.

Das Phänomen ist vermutlich wieder nur mit dem Scharping-Kontrast zu erklären. Es sind ja dessen Pläne, dessen Reform, dessen Konzept, die der Nachfolger umsetzt. Aber Struck hat die Girlanden abgeschnitten, den ganzen Überbau und die Roland-Berger-Unternehmensberatungstheorien von der wundersamen Geldvermehrung durch Management. Stattdessen regiert im Bendlerblock die praktische Vernunft. Wo kein Geld ist, wird gespart. In der Truppe ist er trotzdem nicht unbeliebt. Wo er hinkommt, sagen sie: Der ist ja mal vernünftig. Kein Schönwetter-Prediger, sondern ehrlich; dies geht, jenes nicht, wat mutt, dat mutt.

Also: Ab 2004 keine Marineflieger mehr. Zumal ja bei ganz genauer Betrachtung niemand weiß, welche feindlichen Flottenverbände denn ein Bundeswehr-Tornado überhaupt noch im Tiefstflug versenken können muss. Aber damit sind wir bei der großen Sinn- und Existenzfrage an die Bundeswehr – und also jenseits dessen, worüber sich Peter Struck den Kopf zerbricht. Das ist seine Stärke und seine Grenze zugleich. Stärke deshalb, weil es sogar völlig selbstverständlich klingt, wenn er mit einem Satz mal eben die geltende Verteidigungsdoktrin umwirft. „Die Sicherheit der Bundesrepublik wird jetzt auch am Hindukusch verteidigt“, hieß der Satz. Und alle haben genickt. Nur Joschka Fischer hat sich mokiert. Struck hat aber gewusst, dass der Joschka bloß neidisch war auf den einprägsamen Satz. Er kennt sie lange, die ganze Jungensbande mit ihren Eitelkeiten. Er kennt alle Tricks und Hakeleien.

Und er kennt seine Grenze, vielleicht sogar zu gut. Neulich, als schon einmal die Entsendung von Bundeswehrsoldaten in die afghanische Provinz zur Debatte stand, fiel der Bericht des Erkundungsteams derart aus, dass Struck das Projekt still begraben wollte. Aber, wie es einer aus seinem Haus formuliert: „Da ist die Weltpolitik dazwischengekommen.“ George Bush hat aus heiterem Himmel das deutsche Afghanistan-Engagement gelobt, auf einmal stand ein Versöhnungstreffen zwischen dem US-Präsidenten und dem Gerd im Raum. Seither findet Peter Struck, dass Soldaten in der afghanischen Provinz die realistischste Alternative zum Rückzug vom Hindukusch sind. Dass die Deutschen nach Kundus gehen, wo ihnen vergleichsweise wenig passieren sollte, dafür hat er gesorgt. Aber sich der bundesdeutschen Weltpolitik in den Weg stellen, und damit also dem Joschka oder gar dem Gerd?

Früher, auf den großen Gutshöfen, hat es Verwalter gegeben. Das waren oft lebenskluge Leute, beim Personal geachtet, von den Gutsherren geschätzt für ihre praktische Denkungsart, offen für Neuerungen, aber keine Revolutionäre im Geiste. Vielleicht ist das Peter Strucks Erfolgsgeheimnis: dass da nach all dem Chaos der letzten Jahre einer ganz einfach ein solider Wehrverwalter ist.

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