Zeitung Heute : Der Ruhm wird sein Ruin

STAATSOPER Krzysztof Warlikowski treibt „The Rake’s Progress“ die altbackene Moral aus

UWE FRIEDRICH

Tom möchte zwar reich sein, will aber nicht arbeiten. Das kann nicht gut gehen, zumal er sich vom zwielichtigen Nick Shadow in dubiose Geschäfte ziehen lässt. Ann Truelove bewahrt ihn zwar vor dem Tod, kann aber nicht verhindern, dass der geistig Umnachtete in eine Irrenanstalt eingeliefert wird. Das Vorbild von Mozarts „Don Giovanni“ dringt aus allen Ritzen von Igor Strawinskys neoklassischer Oper „The Rake’s Progress“. Wurde der Wüstling im 18. Jahrhundert noch mit Tod und Höllenfahrt bestraft, so macht er im 20. Jahrhundert deutlich Fortschritte: Tom Rakewell verliert bloß noch den Verstand.

Wie sein Vorbild Mozart klebt auch Strawinsky die Moral des Stücks in einem ironischen Werkkommentar an den Schluss der Oper: „Wo Faule sind auf dieser Welt, der Teufel find’t sein Feld bestellt.“ Wirklich ernst nehmen kann der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski dieses Ende jedoch nicht. „Es ist doch merkwürdig. Was trieb den russischen Emigranten Strawinsky nach dem Zweiten Weltkrieg, diese altbekannte, sehr moralisierende Geschichte zu erzählen? Ich möchte das aufbrechen. Bei mir überlebt Tom. Er hat einen Bestseller über seine Erfahrungen geschrieben, aus dem dann eine Oper wurde. Bei der Uraufführung sieht er den Erfolg seiner Geschichte, so umgehe ich die platte Schlussmoral.“

Dass der Komponist und seine Librettisten W. H. Auden und Chester Kallman dieses Ende deutlich ironisch gemeint haben, interessiert den Regisseur allenfalls am Rande. Seine Operninszenierungen erzählen hingegen gerne von eigenen Befindlichkeiten, wobei er durchaus große ästhetische Risiken eingeht. An der Bayerischen Staatsoper verlegte er Tschaikowskys „Eugen Onegin“ kurzerhand aus den russischen Weiten auf den Brokeback Mountain, was weder dem konservativen Publikum noch den aufgeschlosseneren Kritikern gefiel. Sein Brüsseler „Macbeth“ wurde hingegen gerade erst vom Magazin „Opernwelt“ zur Inszenierung des Jahres 2010 gekürt, seine ebenfalls gefeierte Inszenierung „Un Tramway“ mit Isabelle Huppert ist momentan noch in Berlin zu sehen. „Ich versuche immer, etwas Reales in der Geschichte zu finden. Weg vom Klischee. Ich möchte beweisen, dass diese Geschichten vom wahren Leben handeln und nicht von hübschen Abziehbildern. Dann gehen Tragödie und Komödie fließend ineinander über.“

In der Oper ist das allerdings besonders schwierig. Hier müssen viel mehr Einzelteile verschweißt werden als im Schauspiel, dementsprechend unzufrieden ist Warlikowski meistens mit dem Ergebnis. „Interessanterweise ist das mit Sängerinnen häufig leichter zu erreichen als mit Sängern. Das ist ein Kampf mit den Elementen. Die Hierarchie des Opernbetriebs zwischen Technikern, Statisten, Solisten, Orchester und Dirigent muss aufgeweicht werden, damit alle sich rückhaltlos für das gemeinsame Projekt einsetzen.“ Diese Einheit sämtlicher Kollektive ist im Stagionesystem leichter zu erreichen als im deutschen Repertoiretheater, davon ist Warlikowski überzeugt. Es ist die alte Diskussion, ob ein Theater seinem Publikum lieber eine große Bandbreite unterschiedlicher Inszenierungen bieten soll oder doch besser eine beschränkte Anzahl von Aufführung unter besseren Probenbedingungen. Bislang hält auch die Berliner Staatsoper offiziell noch am traditionellen System fest, doch Warlikowski leidet darunter. „In diesem Repertoiresystem fühle ich mich inzwischen ziemlich verloren. Es ist ein ständiger Kampf. Wir produzieren hier Inszenierungen und erreichen nur selten eine Ebene, auf der es wirklich um Kunst geht. Aber wenn es funktioniert, kann die Oper wirklich atemberaubend sein. Denn darin besteht die überwältigende Kraft der Oper: Sie spricht alle Sinne an.“UWE FRIEDRICH

Premiere 10.12., 19.30 Uhr

12., 15., 18., 20., 23., 25.

und 29.12.

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