Zeitung Heute : Der rumänische Motor

Vier Türen, 7500 Euro: der Dacia Logan. Die Leute, die ihn bauen, fühlen sich auserwählt

Rüdiger Bäßler[Pitesti]

Alexandru Luis steht an Stanzmaschine Nummer sieben und freut sich seiner schnellen Hände. In kurzen Abständen schlägt ein riesiges Eisenwerkzeug nach unten und presst lange Stücke Blech, die der 43-Jährige immer wieder nachschieben muss, zur linken hinteren Wagenhälfte des Dacia Logan. Luis ist hier in Pitesti geboren, einer abgelegenen rumänischen Stadt voller Plattenbauten, Schlaglöcher und Staub. Das schönste hier war immer die Autobahn nach Bukarest. Aber seit dem vergangenen Jahr fühlt sich der Arbeiter mitten im Zentrum einer Bewegung, als Mitwirkender an einem revolutionären Produkt: dem vom Renault-Konzern „Weltauto 2005“ genannten Dacia Logan, erdacht für die Schwellenländer aller Klimazonen und aller Kontinente.

Ab nächsten Freitag gibt es ihn zum Preis ab 7500 Euro in 250 deutschen Renault-Autohäusern. Nach Angaben der Dacia-Zentrale hat es 1000 Vorbestellungen allein in Frankreich gegeben. Luis hat davon gehört und ist stolz. „Sie werden sehen, der Logan wird ein Erfolg“, schreit er in den Lärm der Werkshalle hinein. Die Konkurrenz gibt sich skeptisch. „Dacia kennt hier kein Mensch. Wenn an dem Auto nicht irgendwo Renault dran steht, hat der Logan hier keine Chance“, sagt zum Beispiel Martin Demel vom Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen.

Das Gefühl des Arbeiters Luis, auserwählt zu sein, entspringt aber durchaus nicht nur seiner Fantasie. Er gehört zu den 12000 Beschäftigten des Werks, die der Massenentlassung durch Renault nach dem Kauf von Dacia 1996 entgangen sind. Zuvor waren sie hier 27000 und bauten Modelle, die Solensa oder Supernova hießen, Autos, die sich schon bei leichten Aufprallunfällen zusammenschoben wie eine Ziehharmonika. Es gab Probleme mit unverschließbaren Kofferraumdeckeln und abbrechenden Wagenhebern.

In die Modernisierung der Hallen und Maschinen hat Renault 50 Millionen Euro gesteckt. Männer des Sicherheitsdienstes Cobra Security durchsuchen jetzt jedes ausfahrende Auto und unterbinden die alten Gebräuche, nach denen alles Werkseigentum zugleich als Privateigentum betrachtet und verwendet wurde. Luis stören die Kontrollen nicht. „Wir sind wie eine große Familie“, sagt er. Natürlich soll ein Logan der nächste Wagen für ihn und seine Familie werden. Sobald er genug Geld gespart hat.

Leute wie ihn braucht der Konzern: billig, willig, dankbar. „Die Flexibilität des Menschen hier ist natürlich ein Vorteil“, sagt Jean-Michel Sicre, Dacia-Verkaufschef mit großen Plänen. Renault lässt im Drei-Schicht-Betrieb zu Monatsgehältern von 150 bis 200 Euro arbeiten. Das entspricht dem Durchschnittseinkommen der Rumänen. Er hat damit kein Problem. Ohne Dacia gäbe es hier schließlich gar nichts, sagt er.

Immerhin lebt er selbst im fünften Stock der Bukarester Firmenzentrale harte Zucht vor, sitzt in einem Büro, das an den Kofferraum des Logan erinnert: kompakt, kantig und nur notdürftig beleuchtet. Kein Teppich dämpft den Schritt. Sicre sagt, dass ihn die Reaktionen der deutschen Autoindustrie amüsieren. Jaja, er habe auch von der Bemerkung des Volkswagen-Chefs Bernd Pischetsrieder gehört, der deutsche Kunde möge sich für 7500 Euro doch lieber einen gebrauchten Golf kaufen, immer noch ein besseres Auto als dieses Ding aus Rumänien. Sicre lächelt breit. „Und dann hat er ja sofort seinen VW Fox beworben. Das ist ein bisschen lustig für uns.“

Das ist nun ganz sicher keine Reaktion auf den Logan, aber immerhin eine Gleichzeitigkeit. Nicht nur der in Brasilien produzierte Kleinwagen Fox wird gerade von der Konkurrenz präsentiert, sondern noch eine Reihe anderer Modelle im Preisbereich von 8000 Euro, von Ford und Citroen zum Beispiel.

Allein der rumänische Viertürer mit seinen modernen Renault-Motoren wird in Westeuropa von keinerlei Werbekampagnen begleitet. Der Logan, dessen Name eine Wortableitung des englischen log in oder log on (zu deutsch: Anschluss) ist, ist auf dem Westmarkt, wo die Angst vor dem Abschwung umgeht und das Geld der Käufer knapper geworden ist, von allein immerhin einigermaßen bekannt geworden – zum Missbehagen der Branchenanführer. Sie entwickeln seit Jahren konsequent ihre Premiummodelle, komfortgesteigert, rassegezüchtet, üppig elektronisiert. Und jetzt kommt aus dem Osten dieses biedere Gesellenstück eines Autodesigners, das nur aus der Hälfte der Einzelteile eines VW Golf besteht, und droht vielleicht tatsächlich Käufer für sich zu interessieren, die einfach Geld sparen wollen und auf Emotionen beim Kauf verzichten.

Den deutschen Markt werde der Logan schon nicht revolutionieren, sagt Monsieur Sicre plötzlich mit der Gönnerhaftigkeit eines Heiltherapeuten, der schon zu lange dieselben Wehwehchen behandeln muss. Ein paar Wagen würden sich wohl in Ostdeutschland verkaufen, einige weitere eventuell in „strukturschwachen Gebieten wie im Ruhrgebiet“, möglicherweise könne Dacia den einen oder anderen typischen Gebrauchtwagenkäufer gewinnen. Konzipiert sei der Logan ja sowieso für andere Teile dieser Welt, für Russland, Marokko, den Iran, Indien, Kolumbien. Dort wird er noch billiger sein, 5000 Euro. 650000 Fahrzeuge will Dacia bis 2008 vom Logan verkauft haben, eine Million bis 2010.

Alexandru Luis bemüht sich nicht im Geringsten um jene Zurückhaltung, die der Manager im 150 Kilometer entfernten Bukarest pflegt. Wie viele Logans noch gebaut werden? „Nur der Himmel setzt die Grenzen“, schreit er und lächelt. Er schaut auf die Uhr und entschuldigt sich. Gleich gibt es Mittagessen, die Mahlzeit geht auf Kosten des Arbeitgebers. Die neuen Autos sind prima, gibt Luis noch einmal zu verstehen, aber die französischen Käse, die in der Kantine neuerdings als Nachspeise gereicht werden, die seien wirklich auch ganz vorzüglich.

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