Zeitung Heute : Der Sänger und KZ-Häftling Aleksander Kulisiewicz

Thomas Gehriinger

Als der polnische Journalist Aleksander Kulisiewicz 1945 nach fünfjähriger Haft im KZ Sachsenhausen befreit wurde, war er an Tuberkulose erkrankt und dem Tod nahe. Er ließ eine Sekretärin an sein Krankenbett rufen, um all das zu bewahren, was er als Nachlass von Hunderten von Mithäftlingen in seinem Kopf gespeichert hatte.

Kulisiewicz, der Mann mit dem phänomenalen Gedächtnis, überlebte und spielte die im Konzentrationslager entstandenen Lieder selbst auf kleinen und großen Bühnen in Europa und den USA. "Er war beseelt von der Verpflichtung, Testamentsvollstrecker der Opfer zu sein", sagt Felix Kuballa, der in der ARD-Dokumentation "Der Sänger aus der Hölle" (23 Uhr) an den 1982 verstorbenen Kulisiewicz erinnert.

Der Krakauer war wegen eines kritischen Zeitungsartikels von den deutschen Besatzern inhaftiert worden. Im KZ machte er mit Liederabenden, die im Gegensatz zu Auftritten des Lager-Orchesters verboten waren, seinen Leidensgenossen Mut. Kuballa entschied sich zurecht dafür, "so viel wie möglich authentisches Material" einzusetzen. Wenn er die Lieder sang, "hat er sich verwandelt. Dann war er wieder im KZ", sagt sein Sohn Christof. Dem Schmerz, der Trauer und Wut verlieh der schmächtige Mann mit seiner Stimme und seinem ganzen Körper einen derart intensiven Ausdruck, dass das Publikum an Applaus nicht zu denken wagte. Neben Kulisiewicz selbst, dessen Sohn und zwei Mit-Häftlingen tritt erstmals auch seine ehemalige Frau Barbara vor die Kamera. Nach 13 Jahren Ehe ließ sich das Paar 1971 scheiden. Im Leben des Aleksander Kulisiewicz war neben den KZ-Erinnerungen kein Platz mehr.

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