Zeitung Heute : Der sanfte Mahner

Mehr als 40 Jahre lang hat Paul Spiegel sich für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland eingesetzt – Rückblick auf ein Leben

Christian Böhme

Termine, Termine und immer wieder Termine. Hier ein Vortrag, da ein Grußwort. Gespräche mit Politikern, dann wieder ein Interview. Repräsentieren, Interessen vertreten, Flagge zeigen. Pausenlos. Deshalb hat Paul Spiegel es genossen, Bahn zu fahren. Der Zug entschleunigte sein Leben, zumindest für kurze Zeit. Sich mal halbwegs entspannt mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland unterhalten? „Begleiten Sie mich doch einfach von Berlin nach Düsseldorf. Das sind vier Stunden und ein paar Tunnel.“ Und Zeit, sich für etwas Zeit zu nehmen.

Zeit war in Paul Spiegels Leben immer Mangelware. Zu allem und jedem sollte er Stellung nehmen. Was halten Sie von Boris Beckers Liebesleben? Wie steht das Judentum zur Homosexualität? Warum ist Ariel Scharon so fies zu den Palästinensern? Nichts war abstrus genug, um den obersten Repräsentanten der Juden damit zu behelligen. Die Mediengesellschaft versuchte, Deutschlands Gewissen aus ihm zu machen. Jedes seiner Worte wurde öffentlich gedreht und gewendet. Doch Spiegel mochte es nicht, zu einer moralischen Instanz stilisiert zu werden. „Das bin ich nicht. Ich bin der Mensch Paul Spiegel mit all seinen Schwächen und einigen Erfahrungen, die mir teilweise besser erspart geblieben wären.“

Nach all diesen Erfahrungen, nach diesem ausgefüllten, anstrengenden Leben, das man ihm zuletzt so sehr ansah, ist Paul Spiegel im Alter von 68 Jahren am frühen Sonntagmorgen in einem Krankenhaus in Düsseldorf gestorben. Es war wohl das Herz; im Februar hatte er einen Infarkt erlitten, es heißt aber, er sei auch an Leukämie erkrankt. Viele Menschen haben ihre Trauer seither öffentlich gezeigt. Die Kanzlerin und der Bundespräsident, aber auch andere, mal mehr politisch, mal persönlich. Patriot haben sie ihn genannt, Brückenbauer, Mahner. Dass er in Paul Spiegel „einen Partner bei der Bekämpfung des Antisemitismus“ verloren habe, ließ Israels Botschafter Shimon Stein ausrichten. Dass er „zutiefst ein Mann der Offenheit und der Toleranz war, mit großem Verständnis auch für die Christen“, sagte Kardinal Karl Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Und der Chef des Zentralrats der Muslime, Ayyub Axel Köhler, erzählte, dass er Paul Spiegel „in vielen Begegnungen und Gesprächen“ als einen Mann erlebt habe, „dem Schutz und Integrität aller Minderheiten“ zentrale Anliegen waren.

Rückblick auf ein Leben.

Das Menschsein, das vor allem hat Paul Spiegel ausgezeichnet. Herzenswärme, Fröhlichkeit, Verlässlichkeit – das waren Tugenden, für die er stand und einstand. Er konnte mit Menschen umgehen. Er war einer, der, wie er es selbst einmal formuliert hat, im „Spiel der Menschen“ dabei ist. Darauf kommt es an. Das wusste Spiegel, hatte es leidvoll schon als Junge erfahren müssen. Als er fünf Jahre alt war, Ende 1942, musste Mutter Ruth ihren Sohn vor den Nazis bei einer Bauernfamilie in Belgien verstecken. Auf sich allein gestellt, lernte der kleine Paul dies: „Man muss auf andere Menschen zugehen, dann darf man mitspielen.“

Diese Kunst ist ihm immer wieder zugute gekommen. In seinem Düsseldorfer Büro hängen zahllose Fotos von prominenten Showgrößen, denn Paul Spiegel, erst Journalist, war lange auch Inhaber einer gut gehenden Künstleragentur. Otto Waalkes ist da zu sehen, Mary Roos, Roberto Blanco, Udo Lindenberg und viele mehr. Paul Spiegel lächelt auf diesen Bildern, oft hat er eine Hand auf die Schulter der Berühmtheit gelegt – eine Geste des Stolzes, aber auch der Nähe, ja Freundschaft. Zu jedem Bild hatte Spiegel eine Anekdote parat. Kleine Geschichten zum Schmunzeln, nie intim oder verletzend. Das war für ihn eine Sache des Vertrauens. Dafür schätzten sie ihn. Und er schätzte die Harmonie – was ihm so manch einer auch als Schwäche ausgelegt hat. Nein, ein Angreifer war er nie, wollte es nicht sein. Das entsprach einfach nicht seinem Naturell. Er hatte es gern gemütlich und gesellig, am liebsten zu Hause mit seiner Frau Gisele und den beiden Töchtern. Überhaupt die Familie. Sie war ihm wohl das Wichtigste im Leben. Sein Rückzugsgebiet. Wann immer es der Terminkalender zuließ, kehrte er in seine Düsseldorfer Wohnung zurück. Dann ging er mit seinen drei Frauen am Rhein entlang spazieren, die Welt drumherum ein paar Augenblicke sich selbst überlassen.

Das Spiel mit den Menschen – es war auch in seiner hauptberuflichen Nebentätigkeit gefragt. Bald sechs Jahre stand Paul Spiegel an der Spitze des Zentralrats, der Dachorganisation der in Deutschland lebenden Juden. Es ist das wohl schwierigste Ehrenamt in der Republik, ein aufreibender Job. Nicht nur, weil er als Opfer und Überlebender der Schoa die tonnenschwere Last seiner Vergangenheit mit sich herumtragen musste; nicht nur, weil der Hass und die Schmähungen der Antisemiten sich auf ihn als Vertreter des Judentums konzentrierten; nicht nur, weil er tagaus, tagein von Leibwächtern umgeben war und sich nichts sehnlicher wünschte, als einfach mal ohne Sicherheitsleute Straßenbahn fahren zu können. Es ist auch eine Knochenarbeit, weil der Zentralratspräsident ja qua Amt zuerst einmal nach innen wirken soll, die Befindlichkeiten und Bedürfnisse der mehr als 80 Gemeinden mit ihren gut 100 000 Mitgliedern kennen muss und als Vermittler zwischen der kleinen Minderheit der Alteingesessenen und der großen Mehrheit der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion gefordert, ja manchmal ob der Streitigkeiten auch überfordert ist.

Mehr als vierzig Jahre lang hat sich Spiegel für die jüdische Gemeinschaft engagiert. Er war Assistent des Generalsekretärs des Zentralrats, stand der Gemeinde in Düsseldorf vor und amtierte als Vizepräsident an der Seite von Ignatz Bubis. Nach dessen Tod wurde er dann, am 9. Januar 2000, vom Präsidium an die Spitze des Zentralrats gewählt.

Gerissen hatte er sich nicht um diesen Posten. Viele trauten ihm auch nicht zu, die großen Fußstapfen, die Bubis hinterlassen hatte, auszufüllen. Er selbst hat das auch nie für sich in Anspruch genommen. Aber aus der vermeintlichen Übergangslösung wurde eine Dauerlösung. Wenn seine Gesundheit es zugelassen hätte, wäre Spiegel auch zu einer dritten Amtszeit bereit gewesen; die zweite wäre im November ausgelaufen. Offenbar hielt er seine Aufgabe noch nicht für erfüllt.

Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit – immer wieder sah Paul Spiegel sich genötigt, öffentlich Stellung zu beziehen. Und dann zeigte es sich, dass sein Harmoniebedürfnis Grenzen kannte. Am 9. November 2000 bekommt das die CDU zu spüren. Paul Spiegel hält am Brandenburger Tor vor 300 000 Menschen eine Rede gegen Judenfeindlichkeit und Ausländerhass. Zuvor hatte es eine Welle rechter Gewalt in Deutschland gegeben. Also ruft der Zentralratspräsident den Menschen zu: „Ist es etwa deutsche Leitkultur, Fremde zu jagen, Synagogen anzuzünden, Obdachlose zu töten?“ Klare Worte, die gelobt, aber auch getadelt wurden. Der Jude habe sich da doch viel herausgenommen, hieß es.

Solche Debatten kosten Kraft. Und Paul Spiegel vermisste den viel beschworenen Aufstand der Anständigen, den Aufschrei der Gesellschaft. Die Kirchen und Gewerkschaften – wo waren sie denn, als die Möllemann-Affäre ihren Anfang nahm und ihren Höhepunkt erreichte, als Michel Friedman, sein Vizepräsident, Freund und Vertrauter, in einem antisemitischen Flyer geschmäht wurde? Seine Hilferufe blieben weitgehend ungehört. Dieses ohrenbetäubende Schweigen hat Spiegel nie vergessen. Es ließ ihn in nachdenklichen Minuten an der geliebten Heimat zweifeln.

Doch nicht nur solch spektakuläre Vorfälle setzten Spiegel zu. Es war auch das alltägliche Wegschauen, Weghören. Ihn, der eigentlich eine Frohnatur war und gerne jüdische Witze erzählte, zermürbte es, dass die Hemmschwelle für die Verbreitung antisemitischer Vorurteile deutlich gesunken ist. Solche Grenzverletzungen reichten seiner Überzeugung nach bis in die Mitte der Gesellschaft. In einem Gespräch mit dem „Spiegel“ vor einem Jahr bekannte er: „Mein Vorgänger Ignatz Bubis hat zum Ende seines Lebens ein Interview gegeben mit dem Tenor ‚Ich habe nichts oder fast nichts bewirkt.’ Damals gab es einen großen Aufschrei. Ich habe ihm auch gesagt: ‚Ignatz, du hast so viel bewirkt, das stimmt doch nicht.’ Jetzt aber kann ich ihn verstehen. Der Antisemitismus ist schlimmer geworden, das hätte ich damals nicht für möglich gehalten. Du kannst machen, was du willst, du erreichst nichts. Genau das ist der Punkt, an dem ich jetzt bin.“ Worte eines dünnhäutig gewordenen Menschen, eines Menschen, der anders empfindet als viele.

Wie könnte es auch anders sein. Der Krieg und der Holocaust haben ihn geprägt. Wenn er wieder mal vor Judenfeindschaft warnte und Übergriffe auf Minderheiten verurteilte, dann hatte Paul Spiegel seine eigene Vergangenheit vor Augen: wie beim Novemberpogrom im Jahr 1938 sein Vater im münsterländischen Warendorf, der Heimatstadt, von SA-Leuten brutal zusammengeschlagen wurde – keiner kam dem angesehenen Viehhändler zu Hilfe. Wie die Nazis kamen und den Vater nach Auschwitz deportierten. Wie er mit seiner Mutter vor den „grässlichen deutschen Riesen“ fliehen musste. Wie seine geliebte Schwester Roselchen der deutschen Tötungsmaschinerie zum Opfer fiel. So etwas lässt sich nicht ausblenden. Deshalb fiel es Paul auch so schwer, seinem Vater, der die Todeslager überlebt hatte, nach dem Krieg wieder nach Warendorf zu folgen. Er wehrte sich mit Händen und Füßen – es half nichts. Das Leben ging weiter, in Deutschland. Und es blieb immer das Gefühl, dass die Heimat es ihm zuweilen schwer machte, sie zu mögen. Es ist bezeichnend, dass seine Erinnerungen den Titel „Wieder zu Hause?“ tragen. Auf das Fragezeichen hat Spiegel Wert gelegt. Dennoch hat er nie einen Zweifel daran gelassen, wo er hingehörte: „Ich würde nicht in Deutschland leben, wenn ich nicht gerne hier leben würde.“

Es hat Paul Spiegel deshalb immer sehr geärgert, wenn er wieder mal zu hören bekam, dass das, was „sein“ Regierungschef in Israel da anrichte, ja unerhört sei. Dann musste er erst einmal klarstellen, dass sein Regierungschef ein Deutscher ist. Israel war Spiegel wichtig, keine Frage, wie den meisten Juden. Doch das hieß für ihn nicht zwingend, jede politische Maßnahme aus Jerusalem zu billigen. Ihm ging es um eines: Verständnis zu wecken, nicht nur für Israel, sondern vor allem für das Judentum. Das Fremde macht Angst. Davon war Spiegel überzeugt. Deshalb hat er alles daran gesetzt, zwischen Juden und Nichtjuden zu vermitteln. Und er war erfolgreich. Es gelang ihm zum Beispiel, mit der Bundesregierung unter Kanzler Schröder einen Staatsvertrag auszuhandeln – eine wichtige finanzielle Grundlage für die so oft herbeigesehnte Renaissance des Judentums in Deutschland. Der Staatsvertrag war Spiegels größter politischer Erfolg.

Warnen und versöhnen nach außen, vermitteln nach innen – das sind die Aufgaben, vor denen Spiegels Nachfolger oder Nachfolgerin steht. Leichter geworden ist das in den vergangenen Jahren wahrlich nicht. Wird einer der beiden Vizepräsidenten, die Münchnerin Charlotte Knobloch oder der Frankfurter Salomon Korn, in das Amt gewählt, sie 73, er 62? Sie haben traditionell das erste Zugriffsrecht. Kommt ein Überraschungskandidat aus der „zweiten Reihe“ zum Zug? Das alles ist noch nicht ausgemacht, wird vermutlich erst in einigen Wochen geklärt. Was aber klar scheint: Es wird wohl keinen inhaltlichen Bruch an der Spitze des Zentralrats geben. Egal ob Knobloch oder Korn – bei beiden ist die Erfahrung der Schoa allgegenwärtig. Sie prägt. Die Zukunft werden sie deshalb aber nicht aus dem Blick verlieren. Ganz im Sinne von Paul Spiegel.

Der Autor, 43, ist Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung.

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