Zeitung Heute : Der Schattenboxer

Der Tagesspiegel

Von Jana Simon

Das Zimmer ist fast leer, jetzt. Vielleicht hat er es noch einmal angesehen, als er gegangen ist. Vielleicht auch nicht. Er hat an jenem Mittwoch im August nicht geahnt, dass er es nicht wieder sehen würde.

Das Zimmer ist klein – acht Quadratmeter, fast wie eine Zelle. Wenn er aus dem Fenster schaute, fiel sein Blick auf eine leere Straße mit jungen Bäumen an den Rändern und auf die rosa sanierten Häuser gegenüber: 30er-Jahre-Bauten, kleine Fenster, niedrige Decken, winzige Räume. Es ist eine dieser Straßen am Rande Berlins, wo die Menschen hinter Gardinen existieren, wo Stille ein Geräusch ist und ein vorbeifahrendes Auto als Lärmbelästigung empfunden wird.

Früher, vor dem Mauerfall, war Schöneweide eine Gegend, in die niemand ziehen wollte: das Industriegebiet von Ostberlin. Halbleiter-, Turbinen-, Kabelwerk; es roch zu jeder Tageszeit, als würde neben dem Haus Gummi verbrannt, das Atmen erzeugte Übelkeit, und auf den Fassaden und Fensterbrettern hatte der Staub eine graue Schicht hinterlassen. Nach dem Mauerfall schlossen die Fabriken nach und nach, bis keine mehr übrig blieb. Die Ruhe zog ein in Schöneweide, und im Frühjahr riecht es jetzt nach Lindenblüten. Die Menschen tragen beige oder zartviolette Stoffjacken, sind zwischen 50 und 60 Jahre alt, meist männlich und haben auffallend viel Zeit, ihre Hunde auszuführen.

Er muss sich hier gefühlt haben wie am Ende der Welt. Obwohl er diese Welt kannte, es war die Welt seiner Kindheit. Seine Großeltern wohnen noch immer in dieser Wohnung: drei Zimmer, Küche, Bad, weiße Raufasertapete an den Wänden, ein großer viereckiger Spiegel im Flur, in dessen Rahmen Fotos klemmen, Fotos von ihrem Enkel Felix. Auf den meisten lächelt er mit zusammengekniffenen Augen in die Kamera. Auf anderen sieht er aus, als würde er am liebsten heulen, verbiete es sich im letzten Moment aber doch immer wieder. Er sieht gut aus, hat schwarze kurze Haare, auf den früheren Aufnahmen sind sie etwas länger. Später hat er sie zur Glatze abrasiert und sich einen dünnen Bartstreifen stehen lassen, der sein Kinn wie ein Halbkreis umrahmt. Auf manchen Bildern trägt er eine Brille, häufiger aber Kontaktlinsen, er ist kurzsichtig. Durch die braune Haut und die leicht schräg stehenden dunklen Augen wirkt sein Gesicht ein wenig asiatisch. Selten hält er den Rücken gerade, die Schultern zeigen fast immer abwehrend nach vorn, wie bei einem Boxer, der sich gleich die Fäuste vor den Körper halten möchte. Es wirkt, als halte er so die Umwelt auf Distanz.

In seinem Schrank hat er die T-Shirts ordentlich gestapelt, so dass die Kanten genau übereinander liegen. Er machte das immer so, es war wie ein Zwang. Im Regal stehen noch die Bücher, die er vielleicht einmal lesen wollte: Owen Meany von John Irving, ein Ratgeber Vom richtigen, guten und glücklichen Leben, Liebesgedichte von Erich Fried und Auf dem Wege der Besserung über die Selbstheilung eines Krebskranken. Es ist, als habe er sich am Ende mit einem Schwerkranken identifiziert und in dessen Geschichte nach Parallelen gesucht, nach einem neuen Lebenskonzept, nach dem Sinn seiner Existenz, nach Erklärungen für sein Verhalten. Manche Stellen hat er darin dünn mit Bleistift unterstrichen oder einen ganzen Absatz mt einem geraden Strich daneben hervorgehoben: Wie kann man einem Geist, der falsche und ungesunde Überzeugungen aus der Vergangenheit hortet, nun plötzlich zutrauen, dass er sich für wahre und gesunde neue Überzeugungen entscheidet und diese umsetzt? Dies schien mir fast unmöglich.

Den letzten Satz hat er noch einmal extra markiert.

Auf dem Regal ruht die Anklageschrift, die er nicht mehr sehen mochte. Er hat sie ins oberste Fach gelegt. Dazu muss er einen Stuhl gebraucht haben. Es sieht aus, als habe er versucht, den größtmöglichen Abstand zwischen sich und diesem Text zu schaffen. Er wollte vergessen. Trotzdem wartete die Anklageschrift da oben auf ihn und ging ihm in diesen kurzen 13 Tagen, die er noch einmal im Zimmer seiner Jugend verbrachte, nie wirklich aus dem Sinn. Seine Vergangenheit harrte in diesem dicken grauen Aktenordner. Er kannte manche Ereignisse, die darin vorkamen, und manche Menschen, er hatte Jahre mit ihnen verbracht, mit ihnen gelebt. Trotzdem kam es ihm zuweilen vor, als wäre das alles sehr weit weg, als wäre es ein anderer Teil von ihm, der ihm so fremd erschien, als hätte er nichts damit zu tun.

Er kannte sich gut aus in der Szene der Türsteher, der Kampfsportler, der Hooligans. Er gehörte zu ihnen, wie man eben dazugehören kann, wenn die Hautfarbe nicht ganz weiß ist. Er spielte seine Rolle. Und die anderen respektierten ihn. Respekt war ihm wichtig, mehr als alles andere. Nie mehr der schmale, kleine Junge sein, der von den anderen verprügelt wird, nie mehr hilflos sein und ohnmächtig. Die Kontrolle behalten in jedem Moment seines Lebens. Denn ohne Kontrolle war da nichts mehr, keine Ordnung und auch kein Sinn. Alles würde zusammenbrechen, sich zu einem unentrinnbaren Chaos in seinem Inneren verwirren. Dagegen musste er kämpfen. Immer.

An der Wand hängen seine Bilder: Drucke von Dali, von Brueghel – düstere Visionen des Untergangs. Skelette liegen auf einem Pferdefuhrwerk, Hunde knabbern an Leichen, auf dem bräunlichen Boden verwesen verwundete oder halb zerfleischte Menschen. Der Himmel leuchtet rotschwarz, scheint zu brennen. Es ist das Ende, niemand mehr, der dem Wahnsinn Einhalt gebietet. Ein schönes Bild, schön in seinem Grauen. Wenn er im Bett lag, unter dem Fenster, konnte er es genau betrachten. Brueghel hat sehr filigran gezeichnet, jede Grausamkeit ist präzise festgehalten.

Was hat Felix gedacht, wenn er es angesehen hat, jeden Morgen? Das Bild heißt „Der Triumph des Todes“. Vielleicht hat er sich im Bett manchmal andersherum gedreht, dann fiel sein Blick auf ein Gemälde von El Bosco – wunderhübsche nackte Wesen tanzen im Garten des Paradieses. Es ist, als habe er die Extreme seines Lebens an zwei gegenüberliegenden Wänden angebracht. Dazwischen ist nichts, nur Leere.

Die beiden Bilder hängen noch immer in seinem alten Zimmer, die Großeltern schauen sie manchmal an. Sie haben viele Fragen, zuweilen scheint es, sie hätten die passenden Antworten gefunden. Aber diese Momente der Klarheit gehen schnell vorüber, es bleibt ein Gefühl der Vergeblichkeit. Felix ist fort.

Als sie das erste Mal nach seinem Verschwinden seine Großeltern besuchte und das Zimmer betrachtete, hatte ihr das Gefühl, er sei noch da, fast den Atem genommen. Er sah sie aus dem verschwitzten Boxclub-T-Shirt an, sprach aus seinen Büchern und CDs mit ihr, blickte ihr von den Fotos entgegen. Sie war jetzt 28 und hatte ihn ihr halbes Leben lang gekannt, sie waren zusammen aufgewachsen, er war einer ihrer ältesten Freunde. Eine Weile hatten sie sich aus den Augen verloren, dann aber doch wieder getroffen. Kurz nach seinem Weggang hatte sie sich gefühlt wie taub, unfähig zu weinen. Damals hatte sie ständig das Bedürfnis gehabt zu schlafen, weg zu sein, nichts mehr zu merken.

Sie hatte ihre Traurigkeit in sich verschlossen, aber immer wenn sie an Felix dachte, war das Gefühl des Verlustes so mächtig, dass es in ihrem Inneren einen dumpfen Schmerz erzeugte, als schlage ihr jemand mit voller Kraft auf die Brust. In seinem alten Zimmer war dieses Gefühl schwächer, hier war er anwesend und das tröstete sie irgendwie.

Sie schaute aus dem Fenster und stellte sich vor, wie er dort gestanden und hinausgesehen hatte, betrachtete die Anklageschrift und fragte sich, was er beim Lesen gefühlt hatte. Sie blätterte in seinen Büchern und überlegte, was sie ihm bedeutet hatten, und sie unterhielt sich mit seinen Großeltern. Auch wenn manches, was sie über ihn erfahren sollte, sie abstieß, sie ratlos oder traurig zurückließ oder wütend machte, auch wenn sie ab und zu das Gefühl hatte, ihn gar nicht gekannt zu haben, erzählten ihre Erinnerungen etwas anderes.

In ihrem Gedächtnis versuchte sie Felix so zu bewahren, wie sie ihn erlebt hatte. Oft gelang das, manchmal nicht. Vielleicht war es auch nicht wichtig, er fehlte einfach. Und das Zimmer wurde für sie wie eine letzte Verbindung zu ihm.

„Denn wir sind anders“ ist bei Rowohlt Berlin erschienen. 247 Seiten, 14,90 Euro.

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