Zeitung Heute : Der Schatz der Schiiten

Andrea Nüsse[Kairo]

Der Konflikt in der irakischen Stadt Nadschaf spitzt sich zu. Wie kam es, dass die Imam-Ali-Moschee zum zentralen Zankapfel wurde?

US-Truppen und irakische Nationalgardisten haben am Dienstag den Druck auf Schiitenprediger Muktada al Sadr weiter erhöht. Sie bereiteten die Erstürmung der Imam-Ali-Moschee vor, in der sich die Anhänger al Sadrs verschanzt haben. Mit der vereinbarten Übergabe der Moschee aber ging es nicht voran. Warum? Es hapert an der Schlüsselübergabe zu dem 15000 Quadratmeter großen Schrein und dessen Schatzkammern. Darüber verhandeln die Al-Sadr-Vertreter und Vertraute des anerkanntesten schiitischen Geistlichen des Irak, Ajatollah Ali al Sistani, seit Tagen.

Die Moschee ist eines der wichtigsten Heiligtümer der Schiiten weltweit. In einem Mausoleum werden der Überlieferung nach die sterblichen Überreste des ersten schiitischen Imams und Schwiegersohns von Prophet Mohammed aufgebahrt, der 661 ermordet wurde. Für die Schiiten ist Ali wegen der Verwandtschaft zu Mohammed der erste und letzte legitime Kalif. In der Nähe von Ali begraben zu sein, bedeutet für die Schiiten nach dem Tag des Jüngsten Gerichts einen sicheren Platz im Paradies. Seit über tausend Jahren ist Nadschaf das Ziel schiitischer Pilger, die zur einträglichsten Verdienstquelle der Einwohner wurden. Die aktuellen Kämpfe ließen diese Geldquelle versiegen.

Besondere Bedeutung hat der riesige Friedhof „Tal des Friedens“ unweit der Moschee. Für Schiiten ist er die heiligste aller Ruhestätten. Schätzungsweise zwei Millionen Menschen liegen auf dem zehn Quadratkilometer großen Gelände begraben. Für die Milizionäre wurde das Gräberfeld in einem anderen Sinn zur Pforte zum Paradies: Dorthin steigen sie nämlich, wie sie glauben, unverzüglich auf, wenn sie als „Märtyrer“ im Kampf gegen die „Ungläubigen“ sterben.

Darüber hinaus lagern in der Moschee, deren Kuppel mit 7777 Ziegeln aus purem Gold gedeckt ist, materielle Schätze, die jahrhundertelang angehäuft wurden. Kronen, Juwelen- und Goldschätze, kostbare Manuskripte sowie die Spenden der Pilger sollen hier, teilweise in Höhlen unter dem Mausoleum, lagern.

Mit den Schlüsseln zur Moschee wird also nicht nur die Kontrolle über das Heiligtum, sondern auch die über seine materiellen Schätze übergeben. Al-Sadr-Vertreter wollen die Schlüssel nur übergeben, wenn mit Vertretern Sistanis eine Inventarliste aufgestellt und protokolliert wird, dass nichts fehlt. Damit wollen sie verhindern, dass ihnen später vorgeworfen wird, sie hätten sich bereichert. Doch über die Zusammensetzung dieses Komitees herrscht Uneinigkeit.

Unklar ist zudem, wer Schlüssel zu der Moschee besitzt. Die Schlüssel werden seit 1845 in der Al-Rufai-Familie von Generation zu Generation weitergegeben. Bei Überfällen sollen jedoch mehrere Sets entwendet worden sein. Die Schlüssel zur Imam-Ali-Moschee spielen die zentrale Rolle im Machtkampf innerhalb des schiitischen Lagers im Irak. Weder die Geistlichen in Nadschaf noch die Übergangsregierung sollen über Schlüssel verfügen. Al Sadr allein bestimmt im Moment über den Zugang zur heiligen Stätte.

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