Zeitung Heute : Der Schatzmeister

Er steht für erste Reformen, gilt als Vertrauter Arafats und ist trotzdem dem Westen nah – ein Porträt des palästinensischen Finanzministers Salam Fayyad

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Er raucht viel, schläft wenig und arbeitet auch am Freitag, dem muslimischen Feiertag. Der palästinensische Finanzminister Salam Fayyad ist wohl der am meisten beschäftigte Politiker der Westbank. Und einer der erfolgreichsten. Der kleine, kräftige Mann mit der silbernen Brille hat sich seit seiner Ernennung 2002 furchtlos in den Dschungel der öffentlichen palästinensischen Finanzen gestürzt, um Licht in den byzantinischen Wirrwar zu bringen, der durch Undurchsichtigkeit, Korruption und Missmanagement geprägt war. Dazu verlässt der Technokrat auch schon mal seinen Schreibtisch im vierten Stock eines modernen Gebäudes in Ramallah und fährt nach Gaza, direkt zum Hauptquartier des palästinensischen Mineralölvertriebs, einem Monopol, das für überhöhte Preise sorgte und dessen Gewinne in die Taschen einiger Privatleute und auf geheime Konten wanderten. Mit den Worten „Ich übernehme jetzt den Laden“ forderte er von den erblassten Angestellten die Herausgabe der Geschäftsbücher. „Ihr braucht niemanden um Erlaubnis zu fragen. Legt die Bücher auf den Tisch, sofort“, zitiert ihn die „Los Angeles Times“. Das Ergebnis: Das Monopol steht jetzt unter Kontrolle des Finanzministeriums, die überhöhten Preise wurden gesenkt, die Vermischung mit minderwertigem Kerosin beendet.

Darauf ist der 51jährige Fayyad stolz. Die Aktion hat ihm Respekt bei vielen Palästinensern eingebracht. Das ist wichtig, weil er immer in Gefahr ist, als Mann der Amerikaner angesehen zu werden. So hatte der bei Tulkarem geborene Fayyad, der den Großteil seines Lebens außerhalb Palästinas verbracht hat, nicht nur an der Universität von Austin in Texas Wirtschaftswissenschaften studiert. Er arbeitete von 1987 bis 1995 für die Weltbank in Washington, bevor er als Repräsentant des Internationalen Währungsfonds (IWF) für die Palästinensergebiete in seine Heimat zurückkehrte. Um den internationalen Spendenfluß sicherzustellen, brauchte Arafat einen Mann wie Fayyad. Und das ist bis heute so. Daher ist die These, Fayyad sei als einsamer Reformritter gegen den Willen Arafats in seinen Kampf gezogen, nicht ganz richtig. Ein Test, wie weit Fayyad bei der finanziellen „Entmachtung“ Arafats gehen kann, steht ihm noch bevor: IWF und EU fordern für das Budget 2004, dass auch die Arafat unterstehenden Sicherheitsdienste per Banküberweisung und nicht mehr per Geldumschlag bezahlt werden.

Aber natürlich gibt es Widerstand gegen Fayyads Reformen. Als er den Arafat-Vertrauten Abu Sharia die Kontrolle über alle Einstellungen im öffentlichen Dienst entziehen wollte, soll er von maskierten Männern überfallen worden sein. Dennoch verzichtet Fayyad auf Leibwächter. Und während seine Kollegen sich von Chauffeuren zu Ministertreffen vorfahren lassen, sitzt Fayyad oft selbst am Steuer. Als wollte er wirklich über alles die Kontrolle behalten.

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