Zeitung Heute : Der Schein heilt

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Warum Placebos zu Unrecht einen schlechten Ruf haben

Hartmut Wewetzer

Placebos haben einen zweifelhaften Ruf. „Ihre Politik ist nichts anderes als ein Placebo“, sagt ein Politiker zum anderen, „sie ist trügerisch und wirkt nicht!“ Aber das schlechte Image ist unbegründet. Denn ein Placebo, also ein Scheinmedikament, enthält zwar keinen Wirkstoff – aber wirken tut es trotzdem. Es klingt verrückt, aber bei etwa jedem dritten Patienten bessern sich infolge Placebo die Beschwerden. Scheinmedikamente lindern Schmerzen, Asthma, Depressionen und Schüttellähmung (Parkinson), senken den Blutdruck und lassen uns besser schlafen. Und genauso wie „echte“ Medikamente sollten sie regelmäßig eingenommen werden, damit sie helfen. Nebenwirkungen haben sie auch: Schwindel, Kopfschmerzen und Benommenheit zum Beispiel.

Wie aber kann eine Pille aus Stärke oder Milchzucker helfen, vielleicht sogar heilen? Nun, das Scheinmedikament wirkt nicht gezielt auf ein krankes Organ wie ein Asthmamittel auf die Atemwege, sondern auf die Psyche. Das Placebo, das mit Überzeugung verabreicht wird – „Diese Tablette wird Ihnen helfen!“ – setzt im Gehirn Botenstoffe frei und aktiviert bestimmte Hirnareale. So können als Antwort auf den psychischen Kick durch das Placebo zum Beispiel schmerzstillende körpereigene Opioide im Gehirn hergestellt werden.

Nach einer neuen Untersuchung, die in dieser Woche im Fachblatt „Neuron“ erschienen ist, können Placebos nicht nur Schmerzen lindern, sondern auch Angstgefühle und Stress mildern, wie Predrag Petrovic vom Stockholmer Karolinska-Institut feststellte – und zwar um etwa ein Drittel. Mit einem Hirnscanner stellte Petrovic fest, dass das Scheinmedikament jene Hirnareale herunterdimmt, in denen Gefühle verarbeitet werden. Placebos beruhigen!

Entscheidend ist der suggestive Effekt. Der Patient muss an die magische Pille glauben können. Nicht umsonst heißt der Begriff übersetzt „Ich werde gefallen“. Ein Placebo muss nicht immer Pillenform haben. Ärzte zum Beispiel sind wandelnde Placebos. Auch ein operativer Eingriff mit seinem ganzen Drumherum ist schon an sich ein starkes Placebo.

Aber natürlich haben Placebos auch ihre Grenzen. Sie können keine schweren Krankheiten kurieren, keine verengten Herzkranzgefäße aufweiten, gebrochene Knochen richten oder eine Epilepsie kurieren. Der dänische Arzt Asbjorn Hrobartsson warnte schon vor vier Jahren in einer umfassenden Analyse wissenschaftlicher Daten im Fachblatt „New England Journal“, den Placebo-Effekt nicht zu überschätzen.

Placebos gibt es nicht auf Rezept. Aber der amerikanische Psychiater Walter Brown hat den ernsthaften Vorschlag gemacht, Patienten ganz offen wirkstofflose Präparate anzubieten. Viele Ärzte würden das wohl ablehnen – und heimlich weiter Placebos verordnen. Wenn es einem dann besser geht, kann man auch auf sich selbst ein wenig stolz sein. Denn schließlich ist es eigentlich unser Körper, der mit der Krankheit fertig geworden ist. Es hat nur eines kleinen Anstoßes bedurft.

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