Zeitung Heute : Der Scherenschnitt

Wolfgang Kunath

Harber Hadou Maiga arbeitet im Hotel Bouctou in Timbuktu; dort hat er ein schwarzes Diplomatenköfferchen mit seinem Handwerkszeug hinter dem Bar-Tresen stehen, und dort sucht er sich auch seine Kunden. Die sitzen meist in diesen weißen Plastikstühlen, die es überall auf der Welt gibt, auf der Terrasse des Bouctou und genießen den Blick in die Wüste, der eindeutig das Beste am Bouctou ist. Da dort meist europäische Touristen schauen, kennt Monsieur Maiga schon die misstrauische Frage: "Können Sie denn überhaupt Europäer?" Aber natürlich, antwortet er dann mit selbstzufriedener Überlegenheit, "ich kann alles: Europäer, Frauen und sogar Hunde". Das schafft Vertrauen, und so sitzt man kurze Zeit später mit einem weißen Umhang auf dem weißen Stuhl, wobei Monsieur Maiga flexibel ist bei der Wahl seines Arbeitsplatzes; er besteht nicht darauf, mitten auf der Terrasse zu frisieren, sondern geht auch mit aufs Zimmer. Wie kommt man dazu, sich in Timbuktu als Friseur auf Europäer zu spezialisieren, ganz zu schweigen von Europäerinnen und Hunden? Das liegt an Monsieur Robel, erzählt er, der war Franzose und hatte noch zu Kolonialzeiten einen Salon in Niamey, der Hauptstadt des heutigen Staates Niger. 1954 nahm er den damals 21-jährigen Harber Hadou Maiga als Lehrling auf und brachte ihm das Handwerk so gut bei, dass Maiga bald einen eigenen Friseursalon in Niamey aufmachen konnte, als Spezialist für glattes, europäisches Haar.

1970 wollte Maiga zurück in seine Heimatstadt Timbuktu. Er verkaufte das Geschäft in Niamey, doch kaum war er zurück in Mali, da ging das los mit der großen Saheltrockenheit. "Früher kam das Wasser des Niger durch einen Nebenarm bis mitten in die Stadt, da stocherten die Pinassen praktisch direkt zum Markt mit ihren Waren", erinnert er sich. Aber diese Zeiten sind lang vorbei. Das Niger-Bett ist 14 Kilometer weg, und der Nebenarm ins Zentrum Timbuktus ist schon seit über 20 Jahren ausgetrocknet und versandet. Die "Sècheresse" Anfang der siebziger Jahre war für den Sahel eine Katastrophe. Maiga ging, wie Zehntausende anderer Malier, zum Arbeiten an die Elfenbeinküste. Aber ein paar Jahre später kam er nach Timbuktu zurück, und da war plötzlich die Kunst des Europäerhaarschnitts sehr gefragt - jedenfalls einmal im Jahr.

"Ich bin der reguläre Friseur der Rallye Paris-Dakar", sagt Monsieur Maiga so stolz, als wäre er Sponsor dieses transsaharischen Sportereignisses. "Haare schneiden, Bart stutzen, rasieren - das mache ich dieses Jahr schon zum 21. Mal, die kennen mich alle."

Wenn wir uns nicht täuschen, ist die Technik, die Haare nach grobem Scheren-Vorschnitt mit einem Rasiermesser in Façon zu bringen, in Europa etwas aus der Mode gekommen. Dafür muss vorher das Rasiermesser geschärft werden, und während Meister Maiga das tut, fällt ihm noch ein anderes Thema ein, das den Journalisten doch sicher interessieren werde: Er macht nämlich auch Beschneidungen. Das ist in Timbuktu allein der Job seiner Familie; außer ihm sind noch ein Dutzend Verwandte - selbstredend alles Männer - in der Kunst bewandert, den richtigen Schnitt an der Vorhaut der Jungen vorzunehmen. Beschnitten wird immer während der Schulferien. Jedesmal gibt es ein großes Fest.

Maiga entfernt den weißen Umhang, fegt mit einem gepuderten Pinsel über Hals und Backen und präsentiert den Spiegel. Naja. Etwas weniger weg wäre mehr gewesen - schon sehr kurz. Mit so einem Haarschnitt hätte man gute Chancen, in die Fremdenlegion aufgenommen zu werden.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar