Zeitung Heute : Der schiefe Turm von Pisa

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„Warum ist der Turm von Pisa oben schief?" fragt Jürgen Tietze, Professor für Kleinkindpädagogik an der Freien Universität: „Weil das Fundament zu weich ist." Bildung beginnt nicht erst mit der Einschulung - das wird langsam auch hier zu Lande erkannt. Nicht nur die Autoren der Pisa-Studie, auch die im Forum Bildung zusammengeschlossenen Experten, zuletzt die nordrhein-westfälische Bildungsministerin Gabriele Behler bei der Eröffnung der Bildungsmesse in Köln am Dienstag haben betont, wie wichtig frühe Förderung gerade für die Sprachkompetenz ist - und für die Chancengleichheit: Ein ausländisches Kind, das im Kindergarten kein Deutsch gelernt hat, oder auch ein deutsches Kind mit Sprachdefiziten aus bildungsfernem Elternhaus hat später auch in der Schule Schwierigkeiten.

Um die Qualität der deutschen Kitas ist es jedoch nicht gut bestellt: Jürgen Tietze hat 1998 in einer Studie in über 100 Kindergärten festgestellt, dass nicht einmal sieben Prozent der Zeit für gemeinsame Spiele, die Entwicklung musikalischer Fähigkeiten und künstlerische Anregung verwandt wurde. Dabei hängt die Entwicklung der Sprachfä higkeit entscheidend von der Qualität der Kita ab: Die Kinder in guten Gruppen waren den Kindern in schlechten Gruppen in ihrer Entwicklung um bis zu ein Jahr voraus.

Kindertagesstätten sollten also keine „Aufbewahranstalten" oder reine Spielstätten sein, sondern: Bildungseinrichtungen. Die Vorsitzende der Bundesvereinigung Evangelische Tageseinrichtungen Ilse Wehrmann sieht daher eine „Revolution" auf sie zukommen. Auch der Berliner Senat hat sich das auf die Fahnen geschrieben: „Wir wollen vor allem bei der frühen sprachlichen Förderung ansetzen", sagt Schulstaatssekretär Thomas Härtel. „Wir brauchen mehr zweisprachige Erzieherinnen und mehr Fortbildung".

Was aber heißt „Bildung", wenn man es mit Zwei- bis Fünfjährigen zu tun hat? „Es geht nicht darum, die Schule vorzuverlegen", sagt Martin Textor, Mitarbeiter am Münchner Staatsinstitut für Frühpädagogik. „Bildung ist ganzheitlich und spielerisch zu verstehen. Die Kinder sollten mehr Natur- und Sinneserfahrungen machen, sie sollten Experimente zum Beispiel mit Pflanzen anstellen, auch mal etwas färben oder einen Wecker auseinandernehmen."

Alle Kinder, nicht nur die ausländischen, sollten sprachlich stärker gefördert werden: „Die Erzieherinnen sollten mehr mit den Kindern diskutieren, die Kinder sollten in Konferenzen oder Morgenkreisen berichten, was vorgefallen ist", wünscht sich Textor. Und statt Zeugnisse zu verteilen sollten die Erzieherinnen die Arbeitsprodukte des Kindes sammeln und „mindestens zweimal im Jahr mindestens dreißig Minuten" mit den Eltern über die Entwicklung des Kindes reden.

Dahinter steht ein verändertes Bildungskonzept. „Das Ziel ist nicht, objektives Wissen zu vermitteln", sagt Wassilios Fthenakis, Leiter des Münchner Staatsinstituts für Frühpädagogik. Kinder seien keine „leeren Gefäße, die mit Wissen gefüllt werden", sondern aktive und neugierige „Ko-Konstrukteure von Wissen": „Wir verstehen Lernen als eine kommunikative Aktivität, wobei sich Kinder zusammen mit anderen Wissen erschließen und den Vorgängen in der Welt Sinn verleihen." Auch Ilse Wehrmann betont: „Es kommt darauf an, die Neugier und die Freude am Lernen zu fördern. Die Kinder müssen mehr zu Forschern werden und lernen, sich in einer Welt voller Umbrü che, auch in ihren Familien, zurechtzufinden."

Wie aber sollen Eltern wissen, ob die Kita um die Ecke gut ist oder nicht? Im Moment sind sie auf Mund-zu-Mund-Propaganda in der Nachbarschaft angewiesen - und auf einen flüchtigen Eindruck, wie man ihm beim Besuch einer Kita gewinnt. FU-Professor Jürgen Tietze erhofft sich mehr Transparenz von einem „Gütesiegel", das nach Qualitätskriterien vergeben wird (siehe auch Interview). Möglichst sollte das mit einem Gutschein- System verbunden sein: Die Eltern erhalten Gutscheine, die sie bei der Einrichtung ihrer Wahl einlösen können. „Dadurch gewinnen die Eltern Nachfragemacht, und das System bekommt Wettbewerbscharakter."

Gute Kitas aber kosten Geld. „Der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz, der im Zuge der Neuregelung des Paragraphen 218 eingeführt wurde, konnten die Kommunen nur durch eine Absenkung der Standards finanzieren: Die Gruppen wurden größer, der Personalschlüssel ungünstiger, und die Plätze für Unter-Dreijährige wurden abgebaut", sagt Tietze.

Und noch eine Frage stellt sich bei der Finanzierung der Bildungseinrichtung Kita: „Ich sehe gar nicht ein, warum der Besuch von Hochschulen nichts kostet, die Eltern aber für die Kitas bezahlen", meint Ilse Wehrmann. Dorothee Nolte

Eltern, die ihr Kind für das kommende Kita-Jahr anmelden wollen, müssen sich beeilen: Die Frist läuft am 28. Februar ab. Umfassende Informationen zu Qualitätsstandards, Ausbildung und mehr unter www.kindergartenpaedagogik.de und unter www.familienhandbuch.de

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